Moby Dick – Mein persönlicher Wal

Stellen sie sich bitte folgende Situation vor. Sie standen in zu einem beliebigen Zeitpunkt Ihres Lebens vor einem großen öffentlichen Gebäude. Es war Nachmittag, September, die Sonne hatte noch Kraft, deshalb war die Temperatur erträglich.
Der Eingang des Hauses besteht aus einer üppigen Glasfront, mit Drehtür und Seiteneingang. Dahinter befindet sich ein großer weiter Raum, die gesamte Wand der einen Flanke besteht aus Fahrstuhltüren, auf der gegenüberliegenden Seite mündet eine große Freitreppe.

Vor den Fahrstühlen stand ein vollkommen harmlos wirkender großer Mann. Er trug kurze Hosen, Sandalen mit Socken, ein blaues Poloshirt und in seiner Hand hatte er geschätzte fünf Akten, die mit roter Pappe eingeschlagen waren.
Ich gebe Ihnen einen Augenblick, sich einzufinden. Ich nehme an, sie würden sich an diesen Augenblick in Ihrem Leben nicht erinnern.

Jetzt beschreibe ich Ihnen die gleiche Situation aus meiner Perspektive. Für mich war es nicht irgendein Gebäude, sondern das Gebäude, in dem ich jederzeit damit rechnen musste, auf diesen Mann da am Fahrstuhl zu treffen. Er war mein Weißer Wal, mein ganz persönlicher Moby Dick.

Er hatte mir ein Bein abgerissen, seit diesem Tag strömte Hass durch meinen Körper, wenn ich nur an ihn dachte. Wie es dazu gekommen ist, ist vollkommen unerheblich. Diese Erkenntnis alleine hat mich zwanzig Jahre gekostet.

Wie Kaptain Ahab war ich befangen von einem Gedanken: Wie bringe ich den verhassten Wal zur Strecke. Nicht jeden Tag, aber mindestens einmal im Monat, erschien der Wal wieder in meinem Kopf.
Der Kaptain und ich hatten noch eine Gemeinsamkeit. Die Bereitschaft, im Zweifel alles zu opfern, einschließlich der Mannschaft.

Ich sah objektiv an diesem Nachmittag nicht mehr als Sie. Doch im Gegensatz zu Ihnen, stand ich dort als Jäger, der von Hass zerfressene Kaptain Ahab, der den Wal für alles Unglück verantwortlich machte. Ungeachtet der Tatsache, dass er den Wal nicht hätte jagen müssen, dann auch sein Bein noch besäße.
Die Türen, der Raum und die Treppe, wurden zum unscharfen Hintergrund. Die Fahrstuhltüren wurden zum Symbol. Sie würden aufgehen, wenn der Fahrstuhl ankam. Der Wal entkäme mir in den Wellen.
Ich sah nicht nur kurze Hosen. Es waren die hässlichen Hosen für alte Männer. Hosen, die den Blick auf widerliche blasse Beine freigeben. Hochgezogen bis zum Bauchnabel, wie sie eben Spießer tragen. Das Blau des Shirts brannte in meinen Augen, wie unter dem Einfluss einer psychodelischen Droge. Die Farbe wurde zum komplementären Kontrast der leichenfarbenen grobporigen Haut des aufgedunsenen Gesichts. Die schmutzigen Socken in den lächerlichen Sandalen, widerten mich an, obwohl unmöglich, strömte mir der ekelerregende Geruch in die Nase.

Meine Hände wurden kalt. Die gesamte Körpermitte ballte sich zu einem schwarzen Kohleklumpen zusammen. Die Ohren hörten nur noch das Atmen des Wals. Ich atmete fast nicht mehr, nur noch flach, soweit es der angespannte Bauch zu ließ. Alle Gedanken drehten sich nur noch um diesen einen Mann dort am Fahrstuhl. Eine Art Diavortrag. Leider ist das Harpunieren von Walen in Polizeigebäuden untersagt.
Mittler Weile stand ich hinter ihm. Jetzt roch ich ihn wirklich. Nikotin, Alkohol, ein abstoßendes Deodorant, säuerliche Ausdünstungen, kalter Schweiß, die Geruchskulisse einer menschenähnlichen Kreatur.
Drei Minuten? Fünf Minuten? Zehn Minuten? Ich hatte kein Gefühl für Zeit in diesem Augenblick.
Zusammen stiegen wir in den Fahrstuhl. Ein Käfig, aus dem es über vier Etagen kein Entrinnen gab. Jetzt endlich erkannte mich dieses Monster. Aus der Fratze kamen Worte. Er wagte es mich anzusprechen. Auch aus mir kamen Töne. Der Körper schrie, die Seele wollte töten, doch aus dem Mund kam kontrollierte Sprache.
Als wir ausstiegen, gingen wir in unterschiedliche Richtungen. Ich kotzte(*FN* In einer ersten Fassung benutzte ich das Wort „erbrach“. Erbrechen klingt nach „falsch gegessen“, zum Teufel mit der netten Sprache. „Kotzen“ ist genau das richtige Wort.*FN*) in den nächsten Mülleimer.

Zehn Jahre ist diese Fahrstuhlfahrt her. Kotzen in einen Mülleimer, noch dazu auf dem Flur eines Dienstgebäudes ist kein Ende für eine Geschichte. Mehr so etwas wie ein Zustand. Herman Melville, seien Sie beruhigt, ich musste auch nachschlagen, lässt Kaptain Ahab gefesselt an den Wal ersaufen. Haben Sie auch diesen großartigen alten Film gesehen? Ich meine die schwarz – weiß Version, in der Gregory Peck an den Wal mit den Harpunenseilen gefesselt immer wieder aus dem Wasser auftaucht? Ein überzeugendes Bild.

Auch wenn ich eine ganze Menge von asiatischen Weisheiten halte, es sind halt asiatische Weisheiten. Ich finde die sehr häufig zu weich. Mag ja alles richtig sein, aber ich bin kein Mönch mit glattrasierten Kopf, der verzückt lächelnd barfuß durch Berlin läuft. Buddha soll gesagt haben: „Hass ist, als wenn Du jemanden vergiften willst, jedoch das Gift selbst trinkst.“ Klingt schön, kommt bei mir aber nicht an.

Bei Moby Dick ist das schon deutlich plastischer. Für immer mit den eigenen Harpunen an den Wal gefesselt zu sein, erschien mir nicht erstrebenswert. Soll er doch weiter durch die Meere ziehen und andere Walfänger ins Verderben reißen. Er bleibt ein hässliches vernarbtes Monster, aber ich geh dann mal lieber ein Bier trinken. Das ist ein gutes Ende.

Ganz Schlaue unter Ihnen, denken jetzt bestimmt, nicht der Typ ist der Wal, sondern der Hass ist der Wal. Kann schon sein, aber der Typ personifizierte für mich alles in dieser Richtung, deshalb passt es schon. Heute betrachte ich ihn nur noch als Idioten, der auf einen noch größeren Idioten getroffen ist, nämlich meine Person.

Gewidmet meinem Weissen Wal „T.D.“

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