Das leise Gute

Ist die Welt nur noch aus den Fugen und schlecht? Reisen ist die Chance etwas Neues kennenzulernen. Anlässlich eines Spaziergangs in Freiburg blieb ich neugierig vor einem bunt plakatierten Haus stehen. Schnell war mir klar, dass es sich um ein besetztes Objekt handelt. In Berlin würde ich nicht einmal im Ansatz auf die Idee kommen, dieses zu betreten.
Aber was sollte mir im beschaulichen Freiburg schon passieren? Im Haus, ein einstöckiger Bau, der ursprünglich mal eine Schuhmacherei beherbergte, empfing mich ein ziemliches Chaos. Improvisierte Möbel, ein Katalytbrenner für ein wenig Wärme, diverse Utensilien deren Zweck sich nicht sofort offenbarte und ein etwas schwer atmender und übergewichtiger Mann, dessen Ausdrucksfähigkeit überhaupt nicht zu seinem doch etwas herunter gekommen Äußeren passte. Ich nenne ihn hier einfach mal Robert. (Name geändert).
Robert vereinnahmte mich sofort. Woher ich den kommen würde, was mich ins Haus getrieben habe und wie ich denn heißen würde. Berlin, Trölle, Neugier – zu mehr ließ ich mich erst einmal nicht hinreissen. Doch es ergab sich zwischen uns ein Gespräch. In diesem Gespräch gab ich preis, ab und wann ein paar Zeilen zu schreiben, außerdem auch noch Cartoons zu zeichnen. Spätestens bei der Herausgabe meiner Internetpräsenz, war mir klar, dass ich noch eine Information in diesem Setting nicht verheimlichen durfte. „Und ich bin Polizist!“ An dieser Stelle hätte in Berlin diese Geschichte ein Ende gehabt. Nicht so in Freiburg. Ich solle doch einfach mal wieder kommen. Robert würde sich in der Zwischenzeit mal meine Cartoons ansehen.

Einige Tage später traf ich dann auf einen begeisterten Robert. Meine Cartoons hatten ihm gefallen und auch andere fanden sie sehr gut. „Hast Du Lust eventuell eine Vernissage in unserem Haus zu machen?“ Kommissar Emmes in einem besetzten Haus? Ein sehr interessanter Gedanke. Jedoch auch ein Wagnis für alle Beteiligten. Vorsichtig stimmte ich zu. Alles Konkrete könne man ja später klären. Kaum hatte ich die Zustimmung gegeben, saß ich auch schon mit ein paar Aktivisten in einem nahegelegenen Café. Wieder fiel das „böse“ Wort: Polizei. Erneut kam es nicht zur klassischen Berliner Hassreaktion. Im Gegenteil, das Interesse war geweckt. Wie kommt ein Polizist zum Zeichnen? Woher nehme ich meine Anregungen u.s.w..
Wir lernten uns ein wenig kennen. Ein arbeitssuchender junger Mann, ein junger Aussteiger, der die Freiburger Version „Into the wild“ im Stadtforst lebt, eine Frau um die Sechzig, die sich auf allen Ebenen interessiert zeigt und engagiert. Bisweilen ein wenig unkoordiniert und chaotisch, aber immerhin engagiert.

Als Erstes faszinierte mich die Geschichte des jungen Aussteigers. Kein Mobiltelefon, keine Einkünfte und als Domizil ein zerrissenes ALDI – Zelt im Wald. Kein Verlierer! Ein ehemaliger Leistungssportler, der schon jede Menge Jobs hinter sich hat und mit ein wenig Mühe und elterlicher Unterstützung, jeder Zeit dieses Leben aufgeben könnte. Später machte ich mich tatsächlich auf den Weg, um ihn in seinem Wald zu besuchen. Leider fand ich nur sein Zelt, ich hätte ihm gern einige Fragen gestellt. So konnte ich nur ein Bier und einen Grußzettel hinterlassen.

Auch der junge Arbeitssuchende hatte etwas für mich zu bieten. Foodsharing! Nun ist mir als Berliner hinreichend das Konzept der Tafel bekannt, auch die Volksküche und Containern ist mir bereits begegnet, doch Foodsharing war mir bisher nicht sehr geläufig.

Zu meiner Faszination stellte ich fest, dass es Menschen gibt, die selbst kaum etwas haben, mit ihren Fahrrädern nachts Lebensmittelmärkte anfahren und die dort ausgesonderten Lebensmittel (jeder halbwegs informierte Mensch weiß, dass die vollkommen in Ordnung sind) einsammeln. Dann bestücken sie mit diesen Lebensmitteln Stationen im Stadtgebiet, die jeder ohne Schwellen nutzen kann. Eine echte Hilfe für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu in der Lage sind, ihre Bedürftigkeit nachzuweisen. Der Lohn für diese nächtlichen Touren ist lediglich eine eigene Versorgung. Diese Begegnung mündete für mich in einem Cartoon:

christ

In einem späteren Gespräch kam es zu einer interessanten Erörterung. Inwieweit sollten sich die Foodsharer in ein Vereinskonzept einbinden lassen? Was würde dann passieren? Mit ziemlicher Sicherheit würde ein Mensch in einer Behörde sehr unruhig werden. Lebensmittel? Da gibt es doch diverse Verordnungen! Diese Verordnungen haben einen Sinn, sonst würden sie nicht existieren. Was ist mit den Stationen? Was ist mit der Hygiene? Was ist mit den Anwohnern? Haftungsrecht? Helmpflicht für die Radfahrer! Ein Mensch beim Ordnungsamt hat eine Aufgabe: Ordnung schaffen! Unordnung – Anarchie durch Foodsharing –  muss ihm ein Gräuel sein.

Ausschlussargumente helfen da nicht weiter. Ein destabilisierter Mensch hungriger Mensch, ist ein unweit größeres Risiko für sich selbst und die Gesellschaft, als ein unhygienischer Stand. Die Vorlage einer Bescheinigung ist vielen Menschen in Not schlicht nicht möglich, da sie nicht mehr die Struktur besitzen, diese zu beantragen. Oder vielleicht ist es auch einfach nur ein Student, dessen Eltern für das Bafög zuviel verdienen, er aber nicht die Schmach haben will, seine Eltern zu verklagen. Möglichkeiten ergeben sich da sehr viele.

In diesem Zuge kam mir Roberts Geschichte sehr bekannt vor und zeigte mir auch wieder einmal, wie schmal der Grat sein kann, auf dem wir uns bewegen. Er hatte eine Eliteschule absolviert, sogar einst ein wenig etwas gewonnen. Dann kam eine Frau und Kinder. Warum auch immer, die Ehe scheiterte und das Gericht verdonnerte ihn per Unterhaltszahlung zum Existenzminimum. Da schaltete er um. „Wenn ihr mir so kommt, kann ich auch anders!“ Robert beschloss, auf Platte zu gehen. Die alte Geschichte des „Negativen Konfliktverlaufs“ nach Glasl: Am Ende gehen wir gemeinsam in den Abgrund!
Die Zeit auf der Platte hat Spuren hinterlassen. Gesundheitliche und psychische sind nicht übersehbar. Aber trotzdem ist da immer noch ein großartiger Mensch, der sich über das Engagement für andere Menschen versucht selbst zu retten.

Essen, Hunger, sichere Unterkunft, Mitgefühl, gesellschaftliche Ordnung, Vorurteile, Schubladen – sind Begriffe, über die ich in diesen Tag neu nachgedacht habe. Ich will auch nicht verschweigen, dass mich auch einzelne Plakate an der Hauswand nachdenklich machten. Die üblichen hasserfüllten Antifa – Parolen. Ein Aufruf der Hamburger, zahlreich zu einer Veranstaltung zu erscheinen, bei der vermittelt wird, wie man verdeckte Ermittler enttarnt. Ich habe noch das Lachen der Foodsharer, der Alt – Besetzer und von Robert in den Ohren. Sie fanden die Typen einfach nur vollkommen unbedeutend.

Diese Typen sind in der Nacht mit anderen Sachen beschäftigt, als dem Establishment es mit sinnloser Zerstörung mal so richtig zu zeigen. Normale Arbeitnehmer, die niemanden etwas getan haben, dann mal richtig zu spät kommen. Jemand, mit dem ich mich darüber unterhalten habe, sagte mir: „Blinder Aktionismus hilft aber auch nicht! Hilfe zur Selbsthilfe ist besser!“ Mag sein. Aber ein Tag mit etwas Nahrung im Bauch, vielleicht mal ein paar Stunden im Warmen und etwas Sinnvolles getan zu haben, kann der erste Schritt für eine großartige Biografie sein. Und dies alles aus eigener Initiative unterhalb des Radars einer Ordnung, die diese Menschen erst dahin gebracht haben, wo sie sich jetzt befinden.

Die Welt ist häufig schlecht, aber sie ist auch gut. Das Schlechte zeigt sich nur sehr oft viel lauter, als das Gute.

geschrieben im ICE nach Hannover

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1 Kommentar zu „Das leise Gute“

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