Polizeigewalt

72 – Jähriger von Polizisten gestoppt und blutig geschlagen

Hätte mir die nachfolgende Geschichte ein Kerl am Tresen erzählt, wäre meine Frage gewesen: Wie blöd muss man denn sein? Aber dadurch, dass die Geschichte es in eine Regionalzeitung mit einer Auflagenstärke von 150.000 Exemplaren geschafft hat, lohnt es sich doch, einen Gedanken mehr zu verlieren.

Am 09.02.2017 schreibt Rainer Lahmann-Lammert in der Osnabrücker Zeitung (NOZ) unter der Überschrift „Video: Ehefrau filmt Festnahme – 72-Jähriger von Polizisten gestoppt und blutig geschlagen „ einen Artikel. Die Überschrift verspricht einen Skandal, der offensichtlich auch noch per Video bewiesen werden kann.
Es geht also um einen Sachverhalt, der wenn stimmig, in Paris oder in den USA dazu geeignet ist, Riots auszulösen. Nun soweit wird es nicht kommen, dass sich im Emsland die Rentner zusammen rotten und sich in Osnabrück Straßenschlachten mit der Polizei liefern.

Was ist passiert? Der unbescholtene Deutsche Bürger Jörg O. fährt mit seinem Porsche Cayenne ( ergo ein Fahrzeug, in dessen Fahrzeugpapieren vermerkt ist: Ich habe Recht – Mein Fahrer muss wichtig sein) in Begleitung seiner ebenfalls unbescholtenen Ehefrau, der HNO – Ärztin Lililiane O. zunächst die Landstrasse entlang. Es ist 07:20 Uhr, die vielbeschäftigte Ärztin hat um 08:00 Uhr ihren ersten OP – Termin. Hat der Wecker versagt? Schlüssel vergessen? Wir wissen es nicht.

Zurück zur Landstraße, dort erdreistet sich der im Artikel nicht namentlich benannte Polizeibeamte X mit der zulässigen Geschwindigkeit vor dem Porsche Cayenne zu fahren. Der Hinweis im Artikel, dass der Polizist mehrfach leicht versetzt gefahren ist ( „der dunkle Wagen ist chaotisch über die Autobahn gekurvt“), weist darauf hin, dass er vermutlich ein anderes Fahrzeug im Visier hatte, oder besser noch, selbst nicht ganz langsam unterwegs war und Sonderrechte in Anspruch nahm. Wie auch immer, als Polizist in einem Einsatzfahrzeug darf er das.
Den zitierten Äußerungen des Ehepaars kann entnommen werden, dass sie über ein gewisses Sendungsbewusstsein im Strassenverkehr verfügen. Anderen Verkehrsteilnehmern muss schon ab und wann mal gezeigt werden, wie man sich als guter Deutscher zu verhalten hat.
Also wird sich der 72 jährige dazu entschließen mit dem Polizeifahrzeug (Ein Umstand, der ihm noch nicht bekannt ist.) auf gleiche Höhe zu fahren. Im Artikel steht nicht, was er da gemacht hat. Was macht man als Cayenne Fahrer so, wenn man mit einem nervigen Verkehrsanarchisten auf gleicher Höhe fährt, der die Frechheit besitzt, Statussymbole nicht zu akzeptieren? Gestikulieren? Ein böses Gesicht machen? Unschöne Handbewegungen? Darüber schweigt der investigative Journalist.
Lililiane O. weist den erbosten Verkehrserzieher darauf hin, dass sie ihren OP Termin einhalten muss. Jörg O. hat ein Einsehen und beschleunigt, überholt so ganz und gar nicht nach den Straßenverkehrsregeln. Nun wird es den Polizisten zu bunt. Blaulicht! Bitte Folgen! Sirene! Alles was der Blumenstrauß an Polizeimaßnahmen anzubieten hat.

Das verschreckte Ehepaar glaubt an einen Überfall, dies behauptet jedenfalls der Journalist. Warum sich das Ehepaar dann aber doch dazu entschließt, den vermeintlichen Räubern auf einen Rastplatz zu folgen, lässt er offen.

Die Osnabrücker Polizei hat zwar vor etlichen Jahren eine mobile Glaskugel für Weissagungen, einen Satz Röntgenbrillen für Fahrzeuge und ein biometrisches Erkennungssystem für gefährliche Straftäter bestellt, bisher wurden diese Einsatzmittel noch nicht genehmigt. Aus diesem Grunde sind sie auf ihre Erfahrungen angewiesen. In einem wild gewordenen Porsche Cayenne kann schon einmal aus Versehen ein Kfz – Verschieber sitzen, der auch mit einer Knarre umgehen kann.
Und so werden sie recht konsequent an das Fahrzeug treten. Der Pharmazeut und die Ärztin können dieses selbstverständlich nicht nachvollziehen. Sie haben volles Verständnis dafür, dass diese ganzen Verbrecher, Flüchtlinge und Ausländer die volle Härte des Deutschen Rechtstaats kennenlernen, aber doch bitte nicht sie.
Polizei? Da könnte ja jeder kommen! Wir wissen nicht, warum sich der Pharmazeut doch noch dazu entschloss, sein Fenster herunter zu fahren. Aber er hat es getan, doch leider wollte er nicht die Tür öffnen. Im Allgemeinen nennt der Jurist so etwas Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, der im Regelfall gebrochen wird, im vorliegenden Fall mittels einfacher körperlicher Gewalt (Faustschlag).
Jener Faustschlag ist nun endgültig zuviel für den rüstigen und sportlichen Cayennefahrer. Ein dritter Frühling weht durch seinen Körper. Er wehrt sich nach allen Mitteln, die ihm mit seinen 72 Jahren noch zur Verfügung stehen und verliert durch zu Boden gehen in der ersten Runde. Als dann die Handschellen klicken, will er begriffen haben, dass es sich wirklich um die Polizei handelte. Wirklich? Handschellen? Das war der entscheidende Hinweis nach Sirene, „Bitte Folgen!“ und Blaulicht? Gut zu wissen!

Wirklich Herr Lahmann-Lammert, ich bin erschüttert über die ausufernde Polizeigewalt in ihrer Region, wenn das Schule macht: Gute Nacht Deutschland! Spaß beiseite, erschüttert bin ich über die Form des Artikels, die Überschrift und die Zwischenüberschriften. Aber sie sind nicht alleine. Sehr häufig wird aus einem Sachverhalt, der sich quasi von alleine erschließt, eine derartige seltsame Darstellung.
Nur allzu häufig habe ich selbst in einem zivilen Fahrzeug sitzend erlebt, wie selbsternannte Verkehrserzieher auf seltsame Ideen gekommen sind. Herr O. ist da noch harmlos. Es gibt auch noch die, welche über mehrere Rote Ampeln hinter her heizen und sich dann quer stellen. Welcher Plan besteht da eigentlich? Wenn ich ein Fahrzeug sehen würde, welches mehrfach Rot überfährt und mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Gegend rast, kämen mir zwei Ideen. Gangster auf der Flucht oder die Polizei. Was genau ist der Folgeplan eines 70 jährigen Mannes, nachdem er sich quer gestellt hat?

„Ich wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt!“ Zitat Herr O. aus Osnabrück. „Wie auch immer ein Schwerverbrecher behandelt wird, Du Vollpfosten hast so ziemlich alles falsch gemacht, was man so falsch machen kann. Lehre daraus ziehen, wieder hinsetzen!“, würde ich gern salopp sagen. Doch diese klaren Worte sind mit Sicherheit nicht zulässig.

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1 Kommentar zu „Polizeigewalt“

  1. Kleiner Nachtrag. Die Analyse scheint gar nicht so verkehrt zu sein, sonst hätte der „Journalist“ sich wahrscheinlich bei Twitter gewehrt. Ich glaube, ich werde das Abo der Osnabrücker wieder abbestellen.

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