Die Berliner Tafel

Zu meiner Erschütterung musste ich dank einer hervorragenden investigativen Recherche einiger engagierter Journalisten zur Kenntnis nehmen, dass sich ehrenamtliche Mitarbeiter an den gespendeten Lebensmitteln selbst bedienten. Einen kurzen Augenblick lang, brach meine Welt zusammen.

Was sind das nur für Menschen? Da bekommen Sie als Hartz IV Bezieher die Chance etwas aus ihrem Leben zu machen und stecken sich Lebensmittel in die eigene Tasche. Wäre ich Journalist, würde mich dieses frevelhafte Verhalten auch bitter enttäuschen. Genau dafür ergreift der junge Mensch doch diesen Beruf. Missstände aufdecken, den Mächtigen auf die Füße treten. Aber vielleicht waren es ja auch keine Hartz IV Empfänger, sondern reiche abgehobene Schnösel, die endlich mal einen Inhalt in ihrem Leben haben wollten und beim Anblick der kulinarischen Spezialitäten des Discounters einfach schwach wurden.

Da schreit jede Faser des investigativen Journalisten nach einem Undercover Einsatz. Bayer, Wiesenhof, Monsanto, Scientology waren gestern … jetzt gehts ans Eingemachte – die Berliner Tafel.

Ehrlich? Mal ganz salopp formuliert: Habt Ihr den Knall verpasst? Gestern hatte ich bei einem Discounter Tortellini mit Fleischfüllung in der Hand. Ablaufdatum: Morgen! Wenn sie nicht bei der Tafel landen, freuen sich die Ratten auf der Mülldeponie. Vor ein paar Monaten hatte ich Kontakt zu Foodsharern in Freiburg. Da sie für die Gründung eines Vereins noch eine Unterschrift brauchten, gab ich meinen Namen her. Warum auch nicht? Im Verein kam eine Frage auf: Offenbaren wir uns als Foodsharer? Ich schüttelte heftig den Kopf. Solange keiner fragt, kommt auch kein Sachbearbeiter um die Ecke gebogen, der 1500 Ordnungsvorschriften aus der Tasche zieht. Anarchie unterhalb des Radars der Behörden ist die bessere Idee. Behörde! Ich hatte dabei nicht Journalisten auf dem Zettel. Auf die Idee wäre ich auch nicht gekommen. Wer denkt denn bei Journalisten an Saboteure der guten Sache?

Es gibt nicht viele Menschen in Deutschland, die als ehrenamtliche Mitarbeiter arbeiten. Viele stellen die Kirchen. Sicher auch ein Auffangbecken, für den einen oder anderen Abgekoppelten. Mag sein. Aber unter dem Strich ein Milieu, dass in Ruhe gelassen werden sollte, von denen, die auf die Füße treten können. Wenn sich einer von denen etwas einsteckt, was soll’s? Moral können sich die Leute erlauben, die jeden Monat ihr ausreichendes Geld bekommen. RTL, ausgerechnet das Fernsehen für die via Hartz IV ruhig gestellten Schichten der Bundesrepublik Deutschland verkündet die Botschaft. Nicht die Konzerne sind die Bösen, sondern die Ehrenamtlichen, die die Couch verlassen haben. Hallo? Die Tafel ist keine im Grundgesetz vorgesehene Initiative! Nicht einmal der Berliner Senat ist auf die Idee gekommen. Es handelt sich um eine komplett private Initiative unterhalb des Staats, im Rahmen der Zivilcourage. Selbst die Anarchisten in Freiburg bedienen sich. Warum auch nicht? Dann ist die Kuh wenigstens nicht umsonst krepiert. Ich hätte die Reportage verstanden, wenn ein paar gut bezahlte Beamte sich bedient hätten. Dies ist aber nicht der Fall. Ein paar Arme haben sich die Gelegenheit zu Nutze gemacht. Ich bin empört. Es entsteht der Eindruck, dass die Tafel eine selbstverständliche Einrichtung ist. Das könnte den Konzernen und dem Senat in den Kram passen. Dies ist aber nicht der Fall. Und Herr Goltzsche, Vertreter des Sendeformats RTL Punkt 12, sendet diese Botschaft ab. Niemand hat einen seitens des Senat verbürgten Anspruch auf die Leistungen der Tafel. Im Gegenteil, die Unterversorgung Bedürftiger wird politisch billigend in Kauf genommen. Auch die Discounter handeln nicht im Auftrag. Es hat auch etwas mit Marketing zu tun, eine freundliche Formulierung für kostenlose Werbung. In Süddeutschland wird der Kunde gar aufgefordert Waren zu kaufen, und sie danach den Tafeln zu spenden. Die Perversion, der Perversion.

Oder hätte ich in Freiburg „Das leise Gute“ genau an die Journaille denken sollen? Geil auf ein wenig Erfolg? Da geht was! Künstliche Empörung erschaffen. Eine ganz billige Nummer. Wer genau sollte jetzt nach dem Aufstehen nicht in den Spiegel schauen. Derjenige mit dem eingesteckten Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, oder der Journalist? Ein überteuertes Kosmetika? Ein Duschgel auf dessen Werbung ich als RTL Konsument herein gefallen bin? Meiner ganz persönlichen Auffassung nach, der Journalist.

Ein Beitrag über die Vernichtung von Lebensmitteln hätte mich interessiert. Warum meine, auch von mir gewählte Regierung, diesen täglichen Wahnsinn nicht stoppt, hätte meine Aufmerksamkeit erregt. Welches Interesse Lidl, Aldi, Kaisers, Tengelmann und Konsorten daran haben, an die Tafel Produkte abzugeben, hätte sehr spannend sein können. Aber der Brocken scheint zu fett gewesen zu sein.

Dies hier ist ein ganz kleiner BLOG, mit wenigen Followern, verbreitet auf Twitter mit gerade mal 163 Followern. Sollte einer der «investigativen» Journalisten recherchieren, wird er/sie zügig feststellen, dass meine Exfrau bei dem Verein ist. Vertraut mir, ich müsste mich eigentlich freuen, tue ich aber nicht, denn es geht um mehr.

Für mich wird die Sache noch persönlicher. Hallo Andre Goltzsche, auch wir kennen uns. Geben die echten Reportagen über Kriminalität, Osteuropa, Menschenhandel pp. nichts mehr her? Punkt12, ein Sendeformat von Format? Vielleicht ist das der hinterfragte Unterschied zwischen «Bullen» und Journalismus, die einen kämpfen bisweilen für die «Guten» und die anderen wollen einfach nur verdienen.

Summasummarum! Ich rege mich nur noch selten auf. Aber bisweilen platzt einem ohne Rücksicht auf Verluste die Leber. Ein paar Sendeminuten, eine miese kleine Story, großer Schaden für die Sache. Ich würde den Spiegel abhängen. Aber wie sagte Nietzsche so schön: «Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.»

Interessant, wenn Leute, die ehemals für komische Sachen eintraten, auf der humanitären Seite landen, und Leute, die früher sich mit den «Großen» anlegten, am Ende den Überblick verlieren.

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