Respekt …

Nein, ich bin kein sogenannter „Gutmensch“! Menschen, die mich näher kennen, bezeichnen mich vermutlich mit diversen anderen Begriffen. Diese Worte müssen heute vorangestellt werden, wenn sich einer differenziert äußern will. Gefährder abschieben! Flüchtlinge stoppen! Null – Toleranz! Null Toleranz gegenüber den Linksfaschisten! Kein Mensch ist Illegal! Kein Mensch muss Bulle sein! Merkel muss weg! Danke, Merkel! “ … natürlich wieder so ein Einzelfall!“; “ … ganz sicher hat der Islam damit nichts zu tun!“

Als ich Vorgestern von einem Kurztrip nach Berlin zurückkehrte, hatte ich um 23:00 Uhr das zweifelhafte Vergnügen, die komplette  U7  zu befahren. Zur Erklärung für jemanden, der nicht aus Berlin kommt, das sind 40 Stationen und 31,8 km quer durch die Stadt. Ich kam aus Wien. Eine meiner letzten Impressionen in Wien war eine Truppe Bulgaren in der Hotelbar. Absolute Klassiker! Sechs übergewichtige Männer, trotzdem schöne „Hauer“ mit Quadratschädel, kurze Hosen, bedrucktes T-Shirt, dicke Uhr und die Standard – Herrentasche vor der Brust. Begleitet wurden Sie von einer nicht mehr ganz taufrischen Frau, bei der die chirurgische Behandlung schief gelaufen ist und einer Jüngeren, bei der alles, im Sinne eines männlichen stereotypen männlichen Denken, richtig gemacht wurde.

Die Typen waren mit Sicherheit nicht zu einer Tagung von Sozialpädagogen in Wien eingeladen, sondern ausgemachte Gangster. Jeder der ein wenig Ahnung hat, wusste sofort, welches Spiel gespielt wurde. Fakt ist aber auch, genauso wie die, war ich dort auch Ausländer, ebenso wie der arabische Barkeeper. Und alle anwesenden Personen, wussten ziemlich exakt, was sie voneinander zu halten hatten. Natürliche Feinde in einer Hotelbar, in einem fremden Land, die böse Blicke austauschten aber einen gewissen Respekt voreinander hatten.

In der U7 war ich wieder Inländer in meiner Stadt. In Berlin – Kreuzberg stiegen die letzten Reste des Karneval der Kulturen in den Waggon ein. Neben mich setzte sich eine junge Blondine, die einen gelben „Friesennerz“ mit einer schwarzen Leggings, weißen Sportsocken über jener und dazu ein paar zerfetzte Sneakers kombiniert hatte. Gemäß Dialekt stammte sie aus dem in Berlin so geschätzten Süden von Deutschland. Der Typ neben ihr machte auf Szene. „Gestern war ich auf einer „Twenty – One“ Party!“, gab er von sich. Da die schwäbische Blondine auch nichts damit anfangen konnte, bekam ich eine Erklärung. „Twenty – One“ leitete sich von der alten Moabiter Postleitzahl „1000 Berlin 21“ ab. Mein Gedankengang: „Was für ein dämlicher Spritzer! Irgendwann geht jede Kultur mal zu Grunde!“ An einer der relevanten Stationen stiegen zwei Deutsche betrunkene Wichtigtuer ein. Einer der beiden brüllte mit seiner Bierflasche in der Hand: „Fahrkartenkontrolle!“, danach glotzte er dämlich in die Runde. Oh Mann, der Witz ist nicht neu, er wird nicht besser und Du bist ein Pfosten.

Dann leerte sich der Zug und das Publikum änderte sich. Nun setzte sich ein aufgepumpter junger Araber neben mich, der mit seinen breit gespreizten Beinen versuchte drei Sitzplätze einzunehmen. In den ersten Minuten dachte ich: „Lass ihn einfach! Er ist ein Heranwachsender, in seiner Kultur zeigt er so Stärke und Raumanspruch! Steh darüber, Du bist ein Erwachsener, ein Mann, der nichts mehr beweisen muss.“

Im nächsten Augenblick, als sich unsere Knie berührten, wandelte sich meine Haltung. Plötzlich schoss mir durch den Kopf: „Pass mal auf Du Affe, Du fängst an, Dich auf meine Kosten zu profilieren und ich werde mich wegen Deiner Respektlosigkeit nicht schmal machen.“ Ein Hauch von Testosteron lag jetzt in der Luft. Wir beide vertieften unseren Anspruch auf gegenseitigen Respekt nicht weiter und zogen unserer Wege.

Mir war es dabei egal, ob es sich um einen Araber, Afghanen, Deutschen, Flüchtling oder Migrant handelte. Mich störte der mangelnde Respekt, diese zur Schau getragene Macho – Kultur. Ich beschloss noch ein Bier trinken zu gehen. Beim Bier dachte ich nochmals über die vergangenen Stunden nach.

Was störte mich wirklich? Dieser Anspruch aller: „Platz da! Mir gehört die Welt!“

Dabei ist es mir vollkommen egal, von wem es ausgeht. Ob nun der breitbeinige Araber, das Mitglied der linksextremen Szene, der aufgepumpte Hooligan, der PEGIDA Demonstrant mit seiner Mikrofaserjacke, der SUV Fahrer in der zweiten Spur, der salafistische Terrorbartträger oder der bulgarische Gangster.

Letztlich sind das die Auswirkungen einer Massengesellschaft. Obwohl jeder wissen sollte, dass man sich als Individuum in einer Gruppe ein wenig zurück nehmen muss, weil es sonst Stress gibt, vergessen genau dieses sehr viele Menschen, um so größer die Gruppe wird. Mir fiel wieder die Geschichte eines gestandenen Haudegen aus dem Berliner Milieu ein. Der Typ stolperte vor langer Zeit in eine Berliner Milieu – Kneipe und forderte lallend ein Bier. Ohne Vorwarnung fing er sich einen Schlag ein und schlug vor der Tür auf. Er rappelte sich wieder auf und versuchte es nochmal. Diesmal fragte er aber nach, warum er sich eine Schelle eingefangen hatte. „Hier wird erst ordentlich gegrüsst und dann bestellt!“, lautete die Antwort. Nachdem er das eingesehen hatte, bekam er etwas Eis für sein Auge und ein Bier spendiert.

Irgendwann in den 70 zigern kam die Rockerbande „Phönix“, dem Vorläufer der Hells Angels, die Idee einem Mädchen in Charlottenburg am Ende der Röntgenbrücke Zigaretten auf dem Oberschenkel auszudrücken. Nach einigen Vorgeschichten, hierzu gehörte unter anderen das Abstechen eines Polizisten und Zusammenschlagen mehrerer Anwohner, reichte es einigen Leuten. Biedere Familienväter griffen sich ein paar Latten und Stangen und marschierten in Richtung der Rocker.

Ich musste auch an die Geschichte einer meiner Töchter denken, die sich darüber beschwerte, dass ein paar Migranten einen Kumpel vermöbelt hatten. Meine Empörung hielt sich in Grenzen, als ich erfuhr, dass dieser Kumpel in einen Weddinger – Hausflur uriniert hatte und daraufhin von den Söhnen eines älteren arabischen Anwohners Haue kassierte.

Was in dieser Gesellschaft fehlt, ist Respekt und Leute die diesen Respekt anderen beibringen. „Ich war gestern auf einer Twenty – One Party“, wird vielleicht selbst Respekt haben, aber niemanden Respekt beibringen, der keinen hat. Ich glaube, wir müssen in dieser Gesellschaft einigen Leuten, vielleicht auch mal rustikal, Respekt vermitteln. Erst wenn alle wieder Respekt voreinander haben, kann eine freie und offene Gesellschaft funktionieren. Manchmal kommt mir unsere Gesellschaft vor, als wenn uns jemand in einen Boxring mit gefesselten Händen gestellt hat. Das ist kein Aufruf zur Gewalt! Darum geht es nicht. Es kann aber auch nicht sein, dass ein Rentner einem Heranwachsenden sagt: „Hör auf, auf den Boden zu spucken!“, und sich danach einer Bedrohung ausgesetzt sieht. Eine Frau, die deutlich sagt: „Anfassen ist nicht!“, darf nicht Opfer von Schlägen werden. Den Angreifern muss klar sein: „Wenn ich jetzt aushole, besteht ein erhebliches Risiko, dass ich von den Umstehenden erheblich kassiere!“ Dafür haben wir auch innerhalb unseres Gewaltmonopols Regelungen, die sich Notwehr und Nothilfe nennen. Gesellschaft kann sich nicht immer nur auf den Staat berufen, dass ist eine intellektuelle Traumvorstellung. Manchmal klatscht es einfach und es ist kein Beifall. Wir leben nicht nur in einem Rechtsstaat, wir sind auch noch ganz einfach eine Gruppe von Menschen, die nicht in jeder Lebenssituation alles nach „oben“ abgeben dürfen. Das ist das reale Leben, alles andere ist theoretischer Quatsch, der nichts mit der menschlichen Natur zu tun hat. Und seltsamer Weise werden Häuser auch nicht in der Anwesenheit von einem Trupp Gerüstbauer besetzt. In einem Waggon, in dem sich fünf Zimmerleute befinden, die gerade von einem Richtfest kommen, wird es nicht zu einer U – Bahnschlägerei kommen. In einer Schöneberger Eckkneipe wird auch niemand auf den Boden spucken einen Rentner anmachen oder den Glas – Wasser – Trick abziehen.

Religiöse Fanatiker wollen Halt und Orientierung? Können sie haben! Heranwachsende Linke wollen Grenzen überschreiten? Bitte! Hier sind die Grenzen. Auf den Boden rotzen und Wände besprühen ist Ausdruck jugendlicher Delinquenz? Bitte, hier ist die Gesellschaft, gegen die ihr Euch auflehnen wollt. Frauen anfassen und Spaß haben? OK! Hier sind die Regeln! Rechtsradikale Sprüche und Parolen? Nein! Hier ist Deutschland, wir haben aus der Geschichte etwas gelernt, geht woanders spielen.  Du bist aus Deinem Land heraus geflogen, weil Du Dich radikal geäußert hast? OK! Hier hast Du die Chance auf einen Neuanfang, wir sind nicht nachtragend, aber bekommst Du es nicht auf die Reihe, fliegst Du hier auch raus – so einfach! Du denkst, Du bist ein ganz harter Osteuropäischer Krimineller? Du wirst es nicht glauben, aber wenn man sie lässt, kann die Polizei hier auch anders und Deinem Rechtsanwalt drehen wir den Geldhahn ab.

Ohne Respekt voreinander – keine Freiheit! Prost! Philosophen, Ethiker, Sozialpädagogen, Theoretiker, Aufklärer werden es nicht richten, das haben Sie noch nie geschafft. Ich persönlich glaube, ein wenig Denken aus dem alten Berliner Milieu würde unserer Gesellschaft ganz gut tun.

 

 

 

 

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