Wenn das Schweigen endet …

In der Berliner Polizei gärt es und der Korken droht aus der Flasche zu springen. Ich räume ein, dass ich mich grinsend zurücklehne und mir die Show genüsslich ansehe. Jahrzehntelang hatte die Polizeiführung in Berlin die Chance eine Kultur der Kritik und Fehlerauswertung zu installieren. Statt dessen wurde weiter an Strukturen gearbeitet, die intern als „Ober schlägt unter!“, „Gutsherrenmentalität“ und euphemistisch als „Soziale Intelligenz“ bezeichnet werden.

Doch nicht nur alles kommt von oben! Könige können nur wie ein König agieren, wenn das Volk es zulässt. Sinkende Mitgliedszahlen bei den Gewerkschaften, leere Räume bei Personalversammlungen und Schweigen im Walde, wenn der Dienststellenleiter mal vorbei kommt, sind kontraproduktiv. Spätestens bei einem Hauptkommissar (A11) kann ich erwarten, dass er den Mund aufmacht. Was will er denn noch werden? Im schlimmsten Fall muss er die Dienststelle wechseln. Wir reden von Lebenszeitbeamten, die nicht übermorgen beim Discounter an der Kasse sitzen. Natürlich wurden stromlinienförmige Persönlichkeiten befördert, dieses Problem ist systemimmanent in einer Hierarchie. Ebenso wurde das Peter – Prinzip befolgt, so dass diverse Leute den Zustand maximaler Inkompetenz auf ihren Posten erreichten. Aber sehr viele haben auch zugesehen und den Mund nicht aufbekommen.

Sich anonym zu äußern ist mit Verlaub: Feige! Wenn schon mit offenen Visier, alles andere liefert nur Munition und bringt den Verfasser auf das gleiche Niveau. Nicht umsonst wird behauptet, dass in Hiltrup (Führungsakademie) eine hochkomplizierte Operation durchgeführt wird, bei der Menschen die Wirbelsäule gezogen wird. Was soll ich von Ausbildern halten, denen junge Menschen anvertraut werden, die selbst aber kein Kreuz haben? Auch diese Mentalität hat die Berliner Polizei in die Misere gebracht.

Diese Worte mögen einigen nicht gefallen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Führung recht leise reagiert, wenn sie merken, dass sie einen Bock geschossen haben und ihnen jemand auf die Schliche gekommen ist. Es wird ein wenig gedroht, aber am Ende läuft es ins Leere. Was sollen sie auch tun, wenn man im Recht ist? Gleichfalls sollte die Macht der Gewerkschaft und des Personalrats nicht unterschätzt werden. 

Deshalb hier ein Tipp: Niemals bange machen lassen und dort Unterstützung einholen, denn was einem selbst stinkt, ist mindestens einem anderen auch schon aufgefallen. Ich weiß, wovon ich schreibe. Als das Gesundheitsmanagement der Polizei einer Homöopathin frei Haus im Rahmen einer Vorlesungsreihe Privatpatienten lieferte, ihr zeitweilig auch noch einen Behandlungsraum zur Verfügung stellte, reichte es mir und ich fand per eMail deutliche Worte. Die Führung zog sich darauf zurück, dass alternative Heilmethoden seitens der Belegschaft gewünscht sind und man diese neben anderen Behandlungsmethoden zur Verfügung stellt. Ich warf hingegen die Frage auf, ob es sich dabei unter Umständen um eine Vorteilsgewährung handelt, und erbat eine Prüfung. Natürlich bekam ich einen ungewollten Termin ganz „oben“, bei dem mir erklärt wurde, dass ich gefälligst meinen Vorgesetzten vertrauen soll – aber mehr passierte auch nicht. Wie auch? Und was soll ich sagen, mein Postfach quoll über mit Nachrichten, in denen mir eine Unterstützung zugesagt wurde.

Nicht zu unrecht waren einige Kläger in der Schießtraineraffäre frustriert, als nicht alle Betroffenen zu einer Strafanzeige bereit waren. Immer brav den Mund halten und nur hinter vorgehaltener Hand reden. Betroffen von der Angelegenheit sind viel mehr, als einige denken. Die angestrebte Blutuntersuchung ist nämlich Kokolores, da sich die Schwermetalle in den Organen abgelagert haben. Keiner, der einen „Negativ“ – Bescheid bekommen hat, kann sich sicher sein.

Eine Sicherheit würde nur eine Organpunktion liefern. (Wer will sich sowas schon antun?) Insofern können sich noch diverse ehemalige und aktuelle Mitglieder des LKA 6 (MEK/SEK), die in den besonders belasteten Hallen schossen, auf das Alter freuen. Auch das ist Politik! Am Ende wird es sein wie immer bei der Berliner Polizei. Es gibt eine Floskel, die nahezu jede Führungskraft beherrscht: „Sie dürfen nicht in der Vergangenheit leben, Fehler sind passiert, aber nun müssen wir gemeinsam in die Zukunft schauen.“

Anders verhält es sich bei Straftaten, die von Vorgesetzten begangen wurden und man selbst aus Rücksicht auf den Dienstfrieden geschwiegen hat, und sich damit selbst strafbar gemacht hat. Da mag die anonyme Anzeige das Mittel der Wahl sein.

Doch selbst hier kann man durchkommen, man muss nur akzeptieren, das der Vorgesetzte in die nächste Position befördert wird, denn es gilt auch: „Von der Behörde ist Schaden abzuwenden!“

Auf der anderen Seite ist das Krisenmanagement der Polizeiführung auch bemerkenswert. Der Polizeipräsident prüft rechtliche Schritte, weil die anonymen Aussagen unhaltbar sind. Das nennt man eine echte „Gummiantwort“. Warum sagt er nicht klar und deutlich: Es wurden keine Anwärter eingestellt, die Vorstrafen oder schwebende Verfahren haben! Kann er dieses vielleicht nicht, weil etwas dran ist? Ich denke mal die Opposition wird es herausbekommen, die haben nach meinem Eindruck ohnehin schon längere Zeit die Kettensäge für den Stuhl angeworfen. Sollte es so sein, dann dürfte ein Rücktritt fällig sein. Der Verfasser des Briefes scheint nähere Informationen zu haben. Kaum ein Polizist ist so dämlich, eine derartige Behauptung aufzustellen, wenn nicht etwas dran ist. Ich kann nur hoffen, dass er nicht einer „Scheisshausparole“ auf den Leim gegangen ist.

Einen positiven Nebeneffekt hat die Sache auf jeden Fall. Es dürfte der Öffentlichkeit entgangen sein, dass der schöne einfache Begriff „Polizeischule“ gegen hochtrabend „Akademie“ eingetauscht wurde. Doch dahinter verbirgt sich nicht nur eine Umbenennung, sondern es hatte mal wieder einer eine tolle Idee. Erst war die Kasernierung nicht mehr zeitgemäß (mit Kosten hatte das selbstredend nichts zu tun!), dann wurden die Unterrichtsinhalte immer mehr modifiziert. Der Verfasser des Briefs behauptet, dass eine Sozialisation nicht auf der Schule durchgeführt werden kann. Na ja! Nichts anderes hat in den Siebzigern auf der Polizeischule statt gefunden. Waisenknaben waren das damals auch nicht. ABER, die Ausbilder hatten auch einen  ganzen Blumenstrauß an Maßnahmen zur Verfügung, von denen leider diverse auch nicht mehr zeitgemäß sind.

Verschwiegen wurde bisher auch immer, wer denn da eigentlich Ausbilder ist. Genau weiß ich es auch nicht … etwas anderes zu behaupten wäre meinerseits dämlich. Deshalb stelle ich Fragen:

Haben diese Ausbilder über einen längeren Zeitraum eine zusätzliche Ausbildung für Erwachsenenpädagogik erhalten? Sind sie in „Moderne Unterrichtspraktiken“ eingewiesen worden? Oder wurde nach dem Motto, wir unterhalten uns mal mit Ihnen und schauen dann weiter, verfahren. Welche Eignungskriterien muss so ein Ausbilder eigentlich haben?
Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein reines Bewerbungsverfahren für einen quasi „Berufsschullehrer“ ausreicht. Immerhin müssen diese Akademiker mit entsprechenden Staatsexamen sein.

Man darf gespannt sein.

 

 

 

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9 Gedanken zu “Wenn das Schweigen endet …”

  1. Danke für diesen Beitrag. Wie bekommen wir den in die Öffentlichkeit? Ich finde, der rundet die ganze Geschichte hervorragend ab. Vielleicht bekommen wir den Hebel bei unserer Polizei jetzt endlich in die richtige Richtung. Vielleicht bin ich aber nur ein Träumer… Gruß, Arne

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    1. Ich hoffe, dies ist nicht ironisch gemeint, im Sinne von „Klugscheißer“ mach doch mal selbst. Ich antworte mal so … manchmal hält man solange gegen, bis einem alles „ankotzt“ und von sprichwörtlich in tatsächlich übergeht. Nachdem ich einen Papierkorb zuviel gefüllt habe, betrachte ich mir mal alles von außen her. Und Teile der LPS habe ich bereits kennengelernt – reicht!

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    2. Ps.: Falls es nicht herüber gekommen sein sollte, die Kritik richtet sich nicht an die Ausbilder, sondern an die Leute, die diese allein auf weiter Flur stehen lassen. Sie setzen sich mal ein wenig mit dem Thema auseinander und nun machen sie mal. Und wenn einer quer schlägt, müssen auch Mittel existieren, mit denen ich agieren kann.

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  2. Ich würde Deinen Beitrag ganz gerne in der Speakers Corner der UNABHÄNGIGEN in der Polizei veröffentlichen. Als Gastbeitrag. Nicht als Werbung für uns, sondern als Argument im Meinungsaustausch. Dafür haben wir unsere Plattform „spekers Corner“ eingerichtet. Als eine Art mediales Podium. Ist das ok für Dich?

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  3. Hallo, ich bin Redakteurin beim rbb und wir recherchieren gerade zu den Arbeitsbedingungen der Berliner Polizei und ich wollte fragen, ob Sie sich auch direkt äußern würden. Über eine Antwort würden wir uns sehr freuen!

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