Ausbrennende Polizei

Laut einiger Studien ist jeder zehnte Polizist bei der Bundespolizei ausgebrannt. Selbst wenn es jeder zwanzigste wäre, ist das eine erschreckende Zahl. Als Polizist ist es oftmals einfacher Schweißfüsse einzuräumen, als ausgerechnet von Burnout zu sprechen. Zumal es dieses Burnout gar nicht als anerkannte Krankheit gibt, sondern als Erschöpfungszustand mit begleitenden Depressionen bezeichnet wird. Und wie sieht es in den Ländern aus?

Seit nunmehr zwei Jahren setze ich mich damit auseinander. Warum? Ich betrachte diesen BLOG nicht als Plattform für Nabelschau oder als den Sendekanal für Frustrationen, insofern ist die Antwort nicht einfach zu formulieren. Dann gibt es diese Tage, an denen man einem ehemaligen Mitstreiter gegenüber sitzt und sich dabei denkt: „Irgendjemand muss doch mal den Mund aufmachen. Wie viele von uns mögen ähnlich fühlen und sich gerade den vierten Cuba Libre in den Kopf gießen?“

„Weißt Du Trölle, wofür ich sie hasse?“
„Nein!“
„Sie haben uns das Saufen und diese Art Leben beigebracht.“

„Die haben etwas mit mir gemacht und ich habe mich geopfert!“, lautet die Botschaft. Ist das so? Meiner Meinung nach nicht. Der Beruf hat mit uns etwas gemacht und wir haben es zugelassen. Zu jedem Zeitpunkt hätten wir eine andere Entscheidung treffen können. Es gibt einige Gründe, die das verhindert haben, aber die sind bei jedem selbst zu suchen. Da bin ich voll auf der Seite des Brandenburger SPD Abgeordneten, der im Landtag zu einem für die AfD agierenden Polizisten sagte: „Wenn es so schlimm bei der Brandenburger Polizei ist, können sie doch gehen!“ Lustig ist dabei, dass da zwei stritten, die genau dieses taten. Der von der SPD war mal Leiter bei der Volkspolizei und der andere kam aus der Schutzpolizei. Ein lukrativer Weg für Polizisten, die sich verbiegen können.

Ich schraube die Zeit mal zwei Jahrzehnte zurück. Wer auf meiner Dienststelle als Neuer anfing, hatte zwei Optionen: Sich unseren Normen unterzuordnen oder gleich wieder die Sachen zu packen. Bereits am ersten Tag hatte die/der Neue die Computerkasse mit 100 DM zu füllen. Die Polizeibehörde stellte uns keine Rechner zur Verfügung, also kauften wir sie von unserem eigenen Geld. Außerdem konnte er/sie gleich mal einen Geldautomaten aufsuchen, damit die Einstandslage bezahlt werden konnte. Dies war die Aufwärmübung für die kommende Zeit. Fehler passieren jedem, wer einen macht, zahlt eine Runde für alle und niemand darf jemals wieder darüber sprechen. Wer neu ist im Team, hat das erste Jahr die Klappe zu halten. Nach einem Jahr wird er frei gesprochen und darf mitreden, vorher hat er/sie zu lernen. So war das in der alten Zeit. Positive Manöverkritik und der restliche Kommunikationsquatsch existierte bei uns nicht. Bei uns gab es frontale Ansagen, und die waren gefälligst zu schlucken.

Und gab es mal keine Fehler zu vergessen, wurden halt persönliche Konflikte beim Bier besprochen. Wir arbeiteten oftmals wochenlang durch, gingen zum Duschen und für vier Stunden Schlaf nach Hause und machten weiter. Immer mal wieder landeten wir unvorbereitet irgendwo im Bundesgebiet oder Ausland und übernachteten tagelang fern von Familie und Freundschaften in Hotels. Das Spiel nennt sich Bedarfsorientierter Dienst. Ab und zu gab es mal Pausen, und wenigstens in diesen ließ uns die Führung ein wenig relaxen, bis die nächste Entführung, Raubtat, Geiselnahme, Rauschgiftlieferung, Terrortat pp. bedient werden musste. Schichtdienstzulagen und Steuerermäßigungen mussten mit vielen Vermerken der Behördenleitung abgerungen werden. Zumeist bekamen wir sie nur temporär und mit Zähneknirschen.

Wir fuhren in Zivilfahrzeugen ohne Blaulicht stets am absoluten Limit und manchmal darüber hinaus. Diverse von uns entgingen nur knapp und mit sehr viel Glück der Katastrophe. Dabei wussten wir immer, dass es im Fall der Fälle keine Rückendeckung geben würde, weil die Polizeibehörde den berühmten „Arsch an die Wand“ bekäme. Mehrfach wurden Kollegen vom Richter verdonnert, verloren zeitweilig den Führerschein und durften horrende Strafen zahlen. Uns war es egal. Einer muss den Job machen, sonst gewinnen die anderen. Wenn die Russen, Araber, Zuhälter oder Räuber merken, dass wir zucken, geben sie einfach Gas und spielen ihr Spiel. Ging alles gut, waren wir die Helden der Presse, ging es schief, droschen sie auf uns ein. Daran hat sich nichts geändert. Am Ende ist es wie bei einem Torwart im Fußball. Du hältst 89 Minuten jeden Ball, lässt Du in der 90 Minute einen durch, bist Du der Arsch der Nation. Zehn vereitelte Terroranschläge interessieren niemanden, wenn einer durch kommt. Life is a Bitch!

Zeiten ändern sich. Eines Tages fallen jemanden die Leerzeiten auf. Das geht in der heutigen Zeit überhaupt nicht, da geht noch mehr. Den Nächsten stören die Einsatzmaterialien, denn die kosten Geld. Da muss eine Statistik her. Fahrzeuge leisten Kilometer und die können erfasst werden. Was mit den Standzeiten ist, in denen sich im Fahrzeug ein Beamter aufhält, ist vollkommen egal. Innenraum und Sitze werden aber nicht durch Kilometer abgenutzt. Beweise entstehen durch Fotos, aber sie beweisen erst einmal, das sie den Fotoapparat wirklich brauchen. Hä? Nun, Buchhalter und auf der Straße arbeitende Polizisten sind natürliche Feinde. Schutzausstattung kann jeder fordern. Beweisen sie erst, dass die Sachen, welche Sie fordern, besser sind. Reicht ein erschossener Kollege? Ja! Jetzt bekommen sie die neuen Helme. Ein Direktor wollte gar dem SEK die Betten klauen. „Die sollen arbeiten und nicht pennen!“ Ein junger Rat bemerkte gegenüber dem MEK recht selbstbewußt: „Ich habe auch schon mal auf dem Schreibtisch geschlafen!“ Entzückend Kleiner … hätte Kojak an dieser Stelle trocken bemerkt. Wertschätzung hört sich anders an.

Auf meiner Dienstelle war und ist ein Kriterium die besondere Frustrations- und Stressresistenz. Ich bin mir nicht sicher, ob damit die Ausrichtung auf das polizeiliche Gegenüber gemeint ist. Ich erinnere mich an einen Polizeioberrat, der die Worte prägte: „Ich kann Ihnen alles wegnehmen und sie werden trotzdem raus fahren. Warum? Weil sie Polizisten sind! Sie können nicht anders!“

Na toll … Legendär ist auch der Auftritt eines Dienststellenleiters, der anlässlich des Besuchs eines Polizeipräsidenten forderte, alle „behördenfremden“ Möbel zu entfernen. Hätten wir ernst gemacht, wäre sein Stuhl weg gewesen. Sämtliche Möbel im Raum hatten wir im Sperrmüll einer Bank organisiert. Ich räume ein, diesbezüglich wurde Abhilfe geschaffen.

Vieles ist Vergangenheit und wurde von anderen Merkwürdigkeiten abgelöst. Geblieben ist die Tatsache, dass alle auf eigene Rechnung fahren. Würden die Beamten es nicht tun, wäre die Dienststelle obsolet. Erst kürzlich veröffentlichte die Gewerkschaft wieder ein Rechtsgutachten über „Observationsfahrten“, bei denen der Fahrzeugführer stets eine besondere Abwägung der Rechtsgüter zu treffen hat. Klartext: „Passiert etwas – bist Du dran!“
Wir „Alten“, ich nehme diese Bezeichnung für mich in Anspruch, meckern über die junge Generation. Die sind nicht mehr engagiert, sie haben keinen Biss mehr und sie haben diesen alten Teamgeist nicht mehr. Dafür sitzen sie aber auch nicht geschieden, sozial isoliert, in einer Blase denkend, oder mit alten Mitstreitern jammernd in einer Kneipe. Wer macht also alles richtig? Die oder wir?


Das ist „Burnout“ eines Polizisten. Überstunden, Anfahrtszeiten, die Vielzahl der Dienstantritte, die Belastungen und die mangelnde Rückendeckung führen zur Isolation. Probleme jeglicher Art, intim, familiär oder auch gesellschaftliche, werden nur noch in der Blase geregelt. Sprache und Ton verhindern die Auseinandersetzung mit der Frau/Freundin/Ehemann/Freund. Manch einer schafft es nicht einmal über Dating – Apps eine Beziehung einzugehen, weil alle Treffversuche scheitern. Kopf, Gefühl und Beruf werden sauber voneinander getrennt. Psychologen nennen dieses „Dissoziation“. Das da die eine oder andere radikale Ansicht entsteht, darf nun wirklich niemanden wundern.

Es geschieht alles nur noch mit dem Betroffenen, er selbst besitzt keine Steuerung des Geschehens, welches sich angeblich sein Leben nennt. Er funktioniert nur noch. Und er/sie wird eines Tages dafür Verantwortliche suchen. Die Behörde, der Demonstrant, der Straftäter … einer wird es abbekommen. Psychologisch kommt es zum Group – Thinking, das Individuum gibt seine Vorstellungen zu Gunsten der Gruppe auf. Bis es eines Tages nicht mehr geht.

Aufmerksam werden auch die Geschehnisse rund herum beobachtet. Manch ein Sachbearbeiter hat sich seine eigenen Gedanken zum Thema AMRI gemacht. G20, die angeblichen „Partypolizisten“, Schießtrainer, Anonyme Schreiben, Show – Pressekonferenzen, Stellenschiebereien auf höherer Ebene, Blockade der Wegbewerbungen, Tarifverhandlungen, all dieses wird in der Blase intensiv beobachtet und ausgewertet.

Burnout hat viele Gesichter. Innere Kündigung, Mobbing, psychosomatische Erkrankungen, Wutbriefe, die mehr Verzweiflungstaten sind, Alkoholfahrten, Exzesse, Widerstandshandlungen und oft die Wortwahl bei Kommentaren in sozialen Netzwerken. Vieles ist erst außerhalb der Blase erkennbar. 


Letztens fragte mich ein junger Kerl, ob ich ihn den Weg in die Polizei empfehlen würde.

Meine Antwort: „Jein! Solltest Du ein Idealist sein und den irrigen Glauben haben, dort etwas bewegen zu können, lass die Finger davon. Hast Du ein mittelmäßiges Abitur oder einen anderen Schulabschluss, akzeptierst, dass Du die Welt nicht ändern wirst – warum nicht? Der Grundsatz: Erfolg hat nicht zwingend etwas mit Leistung zu tun, gilt überall. Unsere Gesellschaft honoriert den Erfolg, nicht die Leistung. Mit ein wenig Geschick und Kaltschnäuzigkeit kannst Du mit einer mittelmäßigen Leistung zügig in die Personalverantwortung kommen, entscheidend ist dabei, dass Du die Regeln einer Hierarchie begreifst.  Ich kannte mal einen Hauptkommissar, der hat stur bei jedem Einbruch „keine Ermittlungsanhalte“ drunter geschrieben, die Fahndung für ein paar Seriennummern eingegeben und ist damit auch durchgekommen. Aufreiben ist Deine persönliche Entscheidung. Wer heute dealt, macht es Morgen auch noch. Tote haben verdammt viel Zeit, Diebstahl ist mehr eine Versicherungsangelegenheit als Polizeiarbeit, fängst Du einen Räuber, steht Morgen ein neuer auf, der vermeintliche Terrorist, den Du auf der Rechnung hast, ist garantiert der Falsche von diversen anderen Aspiranten. Dumm und faul ist im Beamtentum nicht strafbar! Ermittlungsverfahren aufreißen und wegen Überlastung nicht nach Geschäftsanweisung zu bearbeiten, sehr wohl. Hätten sich die Ermittler beim Staatsschutz dran gehalten, wäre es auch zum Anschlag gekommen, aber ihnen wäre nichts passiert. Einfach „Land unter!“ anmelden und gut ist.

Langsam fahren und den Täter entkommen lassen wird akzeptiert. Schnell fahren und einen Unbeteiligten schädigen, kostet Dich Kopf und Kragen. Akzeptiere diese Regeln und Du wirst in der Polizei keine Probleme bekommen. Im Gegenteil, Du kannst es weit bringen. Sieh zu, dass Du schnell auf einer Stabs – Stelle landest. Wer dort ist, hat ausgesorgt. Es macht keinen Spaß, aber danach wurde nicht gefragt. Natürlich kannst Du es auch anders machen – aber dann jammer später nicht, ich hab es Dir vorher gesagt.


Diese Antwort ist mit absoluter Sicherheit nicht konform zu den Vorstellungen derer, die es bis nach oben geschafft haben. Aber mal ehrlich gefragt: Wärt Ihr auf dem Posten, wenn ihr was riskiert hättet? Manch einer dreht dem SEK den Rücken zu, begreift wie es läuft, macht über diverse geschickte Bewerbungen alles richtig und wird Präsident. Das sind doch alles keine Geheimnisse. Selbst Direktionsleiter murren darüber, dass sie ihren „talentierten“ Leuten außer attraktiven Lehrgängen nichts bieten können. Jeder Interessierte weiß, dass es Zirkel der „Alten“ gibt, in denen über das Schicksal der jungen Räte gesprochen wird. Nur ganz Dumme bekommen nicht mit, dass nach dem „Tag der offenen Tür“ eine elitäre Nachfeier stattfindet, bei der auch schon mal „Personal“ gespielt wird. „Allgemeine“ Ausschreibungen für den Höheren Dienst werden gezielt gesteuert und, und … Sollte doch mal etwas schief gehen, erfolgt die Methode „Führung schützt Führung!“. Es gibt so viele schöne Verstecke in der Behörde. Und unten müssen sich die Leute für eine ehemalige Regelbeförderung beide Beine ausreißen und sich für den fürstlichen Dienstgrad eines Oberkommissars A10 komplett nackig machen. Wie war doch gleich die Aussage vor vier Jahren? Die Generation heute, wird sich damit anfreunden müssen, vermehrt als Oberkommissar pensioniert zu werden.

Jeder kennt die „Geheimnisse“ des Beurteilungswesen. Sollen doch die Theoretiker erfinden was sie wollen, wir machen es passend. Die zweigeteilte Laufbahn ist ein Treppenwitz und wir „deichseln“ es schon.

Als ich Mitglied in der Konfliktkommission beim Polizeipräsidenten Berlin war, gab es einen Fall, in dem der Antragsteller als „pathologischer Querulant“ bezeichnet wurde. Himmel, hatte der eine schlechte Laune. Vielleicht kam das Wort „Burnout“ für ihn einfach nur zu spät. Dies ist nicht mein Ziel, auch wenn es so wirken mag. Ich widme diesen BLOG Beitrag denen, die mich begleiteten in den Jahren, aber leider nicht mehr leben. Außerdem denen, die immer noch den inneren Flächenbrand mit Cuba Libre zu löschen versuchen. Der Konflikttrainer Dietmar Hübner hat in seinen Seminaren immer gesagt: „Es gibt mindestens immer noch eine weitere Option!“

Ich habe innerhalb der letzten zwei Jahre – mir ist es egal, ob es dramatisch klingt – Tränen in den Augen von ziemlich harten Leuten gesehen. Ich bin hiermit in die Offensive gegangen und wer mal richtig am Ende ist, ich trinke ab und wann immer noch einen Cuba, zu wissen, dass man nicht alleine im Arsch ist, hilft bisweilen.
Auch habe ich über die Worte eines ex – Vorgesetzten nachgedacht, der etwas von mir gelesen hat. Seine Worte: „Schade Trölle, ich hätte gedacht, Du gehst mal richtig Volley!“ Er hat Recht. Aber ohne „Interna“ und Geheimnisse, sondern auf der Ebene, die wir stets vernachlässigten: Kopf und Gefühl! Wir leben exakt einmal!

 

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2 Gedanken zu “Ausbrennende Polizei”

  1. Ich finde deine texte sehr schön. Obwohl ich nur knapp 20 jahre diensterfahrung habe kann ich vieles leider nachvollziehen. Mach weiter so umd hoffentlich dann bald mal auf ein „cuba“. Kutte

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