Ich bin ein Gutmensch …

Wer heutzutage in den privilegierten Genuss des deutschen Bildungssystems gekommen ist und nicht als «Gutmensch» bezeichnet wird, muss sich prinzipiell selbst ein paar kritische Fragen stellen. Warum war ich nicht in der Lage, dieses mannigfaltige Angebot bestehend aus Zugang zu einer Schule, freier Wahl der Bücher, mindestens in einer weiteren Sprache jenseits der Muttersprache für mich lesbar, Internet und Publikationen, zu nutzen? Tue ich dieses, werde ich nicht daran vorbei kommen, von anderen Menschen, die diese Privilegien nicht hatten, mit diesem Begriff belegt zu werden.

Bildung verschafft mir die Möglichkeit, mich mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft auseinander zu setzen. Ich kann mich mit der Geschichte der Menschheit, des Planeten und den Zukunftsprognosen kritisch und analytisch beschäftigen. Des Weiteren habe ich das Handwerkszeug für das Nachvollziehen der europäischen und asiatischen Philosophie in ihren unterschiedlichen Ausrichtungen.

Niemand von uns kommt an den Entwicklungen weltweit vorbei. Stephen Hawking bringt es ziemlich nüchtern auf den Punkt: «Wir haben es verkackt und sollten uns einen neuen Planeten suchen.» Doch wie gedenken wir die Zeit bis zum Ende zu gestalten?

Meine Zeitgenossen zeigen täglich mit dem Finger auf irgendjemanden. Bevorzugt auf straffällige Flüchtlinge oder Menschen, die nicht auf unseren 360.000 Quadratkilometern Deutschland geboren wurden. Wir wissen, dass jeder Mensch nur ein Produkt seiner Umwelt ist. Bereits auf den Fötus wirken Umwelteinflüsse ein und führen zu unterschiedlichen Veränderungen im Gehirn, damit auch im Wesen bzw. Charakter. Keiner von uns kann sagen, wie er sich in einer Diktatur oder in einem fernen Land entwickelt hätte. Bildung, Drogensucht, Aggressionsverhalten, Störungen usw. entstehen aus einer von uns nur sehr eingeschränkt kontrollierbaren Wechselwirkung.

Dazu gehören auch die Weichen, die schon vor Jahrhunderten gestellt wurden. Evolutionär sind wir eigentlich auf Kooperation und Konfliktvermeidung gepolt. Alles andere hätte uns ziemlich schnell wieder von der Bildfläche verschwinden lassen. Erst gesellschaftliche Prozesse haben dazu geführt, dass wir uns selbst wichtiger nehmen, als die Gemeinschaft. Damit ist nicht die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse gemeint, sondern die Anhäufung von Ressourcen. Mehrere Faktoren brachten unsere Entwicklung ins Schlingern. Konstruiert sind wir für das Leben in Horden mit ca. 20 Exemplaren, Massengesellschaften waren von der Evolution niemals vorgesehen, dies war immer die Strategie von Insekten, doch niemals von Säugern.

Unser Großhirn, ausgerichtet auf Denken und Erinnern für die Nahrungssuche und die Herstellung eines sozialen Gefüges in einer Horde, produzierte Nebeneffekte. Der Mensch dachte und denkt über die Zusammenhänge nach, die seine Umwelt bestimmten. Im Ergebnis musste sich der Mensch eingestehen, dass er ziemlich unbedeutend ist. Er ist nahezu überall im Nachteil und würde rein körperlich auf der Speisekarte diverser Räuber stehen.

Die Erkenntnis der Bedeutungslosigkeit erwies sich als unerträglich, also mussten mystische Erklärungsansätze her, die der Aufwertung dienten. Die mehr oder weniger egalitäre soziale Struktur der Horde mündete immer mehr in einer von Hierarchien geprägten Gesellschaftsstruktur. In der Theorie hätten wir Menschen vernünftig miteinander über die Ressourcen unseres Planeten reden können und damit für alle eine Bedürfnisbefriedigung erreicht. Finde den Fehler! Vernunft! Viele unserer Ansichten in der «aufgeklärten» Welt beziehen sich auf die Ursprungsgedanken des vor immerhin schon 313 Jahren verstorbenen Philosophen John Locke. Doch was würde passieren, wenn wir diesen Denker wieder erweckten und ihn bitten könnten, die aktuellen Verhältnisse nochmals zu durchdenken? Durch Industrialisierung verursachte Ressourcen – Knappheit, Raubbau und Zerstörung in allen Bereichen, würden ihm bestimmt nicht gefallen. Immerhin hatte er Geld verteidigt, weil es nicht verderben konnte. In seiner Zeit war Geld aber noch gegenständlich existent und hatte eine Ware als Gegenwert.

Doch der Einstieg lautete «Gutmensch». Wer die Sache nüchtern betrachtet, wird feststellen, dass wir uns jeden Tag Gesetzesbrecher, Drogenabhängige und Gewalttäter selbst produzieren. Ein anderer schon vor tausenden Jahren verblichener Denker soll angeblich gesagt haben: «Ich bin ein Teil des Ganzen und das Ganze ist auch ein Teil von mir.» Er hieß Siddharta – aka. Buddha. Da wir selbst nicht bestimmen können, wann, wo und in welchen Verhältnissen wir geboren werden, entspricht es nicht unseren alleinigen Entscheidungen ob wir Polizist, Beamter, Flüchtling, Zuhälter werden.

Ein Polizist verteidigt also die Gesellschaft gegen den Ausstoß eines kranken Systems, weil er selbst das Glück, oder nach Geschmack das Pech, hatte, in einem Umfeld geboren zu sein, dass ihn dahingehend geprägt hat. Doch woraus soll er jetzt das Recht ableiten, diesen anderen Menschen zu verurteilen? Das gilt für jeden Werbetexter, Rechtsanwalt, Bäcker und anderen Menschen. Diese Erkenntnis enthebt den Polizisten nicht davon seinem Schutzauftrag nachzukommen, aber er sollte immer im Hinterkopf haben, dass er ein System beschützt, welches diese Menschen hervorbringt. Besonders sollte er diesen Gedanken haben, wenn er jemanden gegenüber steht, der versucht, Änderungen herbeizuführen.

Wer andere als «Gutmensch» tituliert sollte sich ein paar Gedanken machen. Hilfreich kann hierbei ein kleiner Rundblick sein. Wo wurden meine Schuhe hergestellt? Was ist mit meiner Jacke? Was passiert mit dem Müll aus der Werkstatt? Welchen Beitrag habe ich mit dem Kauf dieser Dinge zur Produktion von Gewalt, Frustration, Aggressionen und Kriegen geleistet? Welches Umfeld habe ich für einen anderen Menschen auf diesem Planeten gestaltet? Was ist, wenn das Produkt dieses miesen Umfelds eines Tages neben meiner Tochter oder Sohn explodiert?
Hat der Gutmensch die Welt unter Umständen nur ein wenig realer und desillusionierter gesehen als ich? Was steckt in mir, dass ich mich für einen Menschen halte, der sich über andere erheben kann, obwohl schon der Standort des Kreisssaals maßgeblich für mein weiteres Leben war?

«Dieses Terroristen – Schwein! Kriminelle Flachwichser.» ,ist leicht gesagt. Fakt ist, es ist gar nicht so einfach für einen in einem guten Umfeld aufgewachsenen Menschen einen Terroranschlag auszuführen. Obwohl ich in meinem Leben viel Gewalt ausübte, sah und sogar schon gezielt mit einem Fahrzeug auf einen Menschen zugehalten habe, wäre es mir unmöglich in eine Personengruppe zu rasen.
Spätestens nach dem ersten Treffer, bei dem einer mit dem Kopf auf die Windschutzscheibe aufschlägt, wäre bei mir vorbei. Was muss also alles mit einem Täter im Vorfeld passiert sein, dass er immer weiter fahren kann. Jeder der sich mal mit einem suizidären Menschen unterhielt, weiß darum, wie sehr man an seinem Leben hängen kann. Dennoch sprengt sich da jemand einfach in die Luft. Es wird von schwer traumatisierten Rückkehrern gesprochen. Wir kennen dies aus der Nachkriegszeit. Ein ganzes Heer von Psychologen setzt sich mit den Nachwirkungen auf die deutsche Gesellschaft auseinander. In der Epigenetik werden die Spuren davon in unseren Genen untersucht.
Immerhin wurden diese Menschen dort im Krieg traumatisiert, im Umkehrschluss bedeutet dieses: Sie haben ein Gewissen! Nicht wenige Konvertiten schlossen sich dem Irrweg der mittels „Islam“ getarnten Sekte an, weil sie etwas gegen die Verhältnisse auf diesem Planeten unternehmen wollten. Erneut haben wir an dieser Stelle Täter selbst produziert.

Wenn diese Fragen einen Gutmenschen kennzeichnen, bin ich gerne einer. Die Aufgabe kann nicht der simple Schutz der Gesellschaft sein. Diverse Berufe in der Gesellschaft führen zur Desillusionierung, also dem Verlust der Täuschung über die wahren Verhältnisse. Sollte daraus nicht auch die Verpflichtung entstehen, als ein Teil des Ganzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen?

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