Yippieeh ein Stern …

Ich habe ein Geschenk bekommen: Einen Keksausstecher und einen Polizeisternausdruck mit Bären. In einem Begleitschreiben erläutern mir die Absender den Grund. Es soll eine kleine Anerkennung sein. Spontan zuckt mir der Gedanke durch den Kopf: «Das nach 30 Dienstjahren nicht der Mann mit dem goldenen Kugelschreiber kommen wird, war Dir irgendwie klar – aber ein Keksausstecher?» Aus den Tiefen der Erinnerungen taucht auch das 25 jährige Jubiläum wieder auf. Ein Buch über die Geschichte der Kriminalpolizei 1811 – 1885, gesponsert von der Hinkeldey – Stiftung (Vorsitz ehem. Pol.Präs. Berlin Georg Schertz), ein Händedruck und ein halber Tag frei, aber auch nur weil der Alte nett war. Ich kam gerade von meiner Hospitation bei der Kantonspolizei Zürich zurück und sollte ein wenig berichten. Das man dort 25 Tage freibekommt und einen nicht unerheblichen Zusatzbetrag, kam nicht sonderlich gut an. Einer der Älteren am Tisch erinnerte sich an eine Zahlung, die es früher auch mal bei der Berliner Polizei gab -da war das Gespräch schnell beendet.

Mein Keksausstecher wurde über den Haushaltstitel «Öffentlichkeitsarbeit» finanziert. Den kenne ich ein wenig. Ich wollte den Kollegen in der Schweiz ein kleines Gastgeschenk mitbringen, es gab aber gerade wieder eine Haushaltssperre, deshalb druckte ich ein Emblem der Dienststelle aus und rahmte es. War mir ein wenig peinlich, zumal die Schweizer nichts mit dem Wort Haushaltssperre anfangen konnten. Die Notlösung mit dem Ausdruck kannte ich von diversen Fußballturnieren. Die anderen Bundesländer hatten immer Wimpel oder Metallwappen auf Holz, wir hatten den Ausdruck. Immerhin, dieses Mal hat es für einen Keksausstecher gelangt.

Leider backe ich keine Kekse. Eigentlich habe ich noch nie einen Keks gebacken. Warum ausgerechnet einen Keksausstecher? Wahrscheinlich soll so die Verbindung zu Weihnachten hergestellt werden. Ist vermutlich eine Assoziationskette im Kopf eines Stabs – Beamten. Weihnachten – Kekse – Kekse backen – Keksform – gute Idee! Hmm? Woran denke ich bei Weihnachten und Polizei? Dienst, Elektromarkteinbrecher, Suffköppe nach Weihnachstfeiern, häusliche Gewalt, brennende Weihnachtsbäume, Suizide, seltsamer Humor auf den Wachen, mein 13tes Monatsgehalt mit dem ich immer den Dispo am Ende des Jahres ausglich, an all diese Dinge denke ich. Aber Kekse backen? Eher nicht!

OK! Es soll eine Aufmerksamkeit sein. Immerhin nicht diese obligatorische Rundmail mit dem üblichen Gelaber. Beim Schreiben schaue ich in mein Regal mit den Erinnerungsstücken aus den den letzten Jahrzehnten. Ein Miniatur – Offiziersmesser aus der Schweiz, eine polnische Polizeifigur aus Ton, diverse Holzbretter mit Emblemen aus allen nur möglichen Bundesländern, eine kleine Taschenlampe mit Gravur, ein kleines ZIPPO Feuerzeug mit Gravur aus England … aber noch kein Keksausstecher. Irgendwie würde der auch seltsam neben den anderen Sachen aussehen.

Eine Anerkennung! Die DPolG spricht gar von Undankbarkeit, wenn wiederum ich dieses nicht anerkenne. Vielleicht sollte ich Herrn Kandt und Frau Koppers jeweils einen gebackenen Keks zurückschicken, als Zeichen meiner Anerkennung. Aber wahrscheinlich würden die mich dann für einen Scherzkeks halten. Von den Messern aus der Schweiz musste ich gleich für mein gesamtes Team nachbestellen, die fanden einen reißenden Absatz, aber ich glaube, dieses Keksblechding kriege ich im Freundeskreis nicht untergebracht. Aktuell hat auch niemand kleine Kinder, die damit Knetsterne ausstanzen könnten.

„Wir danken Ihren Familien und Lieben, dass diese Ihnen bei stehen und ihre Berufung mittragen“ steht im Begleitschreiben. Wenn es denn mal so wäre. Nirgendwo anders ist die Scheidungsrate so hoch, wie bei der Polizei. «Berufung!», da ist es wieder dieses böse Wort. Berufen werden normalerweise Menschen in Kirchenämter oder Universitätsprofessoren. Die wenigsten Kolleginnen und Kollegen auf den Abschnitten, den Bereitschaften oder restlichen Straßentruppen werden beim aktuellen Personalmangel zum Keksebacken kommen. Was wäre mit drei zusätzlichen freien Tagen, frei nehmbar für alle Bediensteten, die Weihnachten arbeiten mussten? Oder eine unkomplizierte Umsetzung der Besoldungsangleichung für 2018 im Mittelfeld der Republik, angekündigt als Weihnachtsgeschenk? Oder jeder kann sich am Platz der Luftbrücke wahlweise eine Taschenlampe, Taschenmesser oder einen hochwertigen Einsatzkugelschreiber abholen? Was wäre mit einem Catering für alle Dienststellen, die Weihnachten und Neujahr Dienst schieben müssen? Also die Qualität für den Großen Lagedienst, nicht die Feldnahrung für die nachgeordneten Leitstellen.

Da hat einer allen Ernstes im Stab die Aufkleber geklebt? Für mich mal zum Mitschreiben! Ein irgendwo im Bereich A11 – A13 besoldeter Beamter im Stab klebt eine Woche lang Aufkleber!????????? Damit dann auf den Dienststellen jemand die Namen rauf schreiben kann? Ich gebe zu, wir haben schon schlimmere Dinge im Dienst verzapft, aber dies auch noch hoch offiziell kundtun? Hut ab!

Ich bin hin- und hergerissen bezüglich meiner Reaktion. Spricht aus mir der pathologisch zur Polizeiführung negativ eingestellte Beamte, oder rebelliert der letzte Rest gesunder Verstand? Ich war nicht in Hiltrup auf der Führungsakademie. Ich habe der Behörde nur ein paar Seminare Mediation in Konflikten und Kommunikation zu verdanken, aber bei diesem Keksblechding rumpelt es in mir. In einer ziemlich angespannten Lage, die mittlerweile offensichtlich erkannt wurde, dieses Ding hineinzuschieben, erscheint mir sehr gewagt. Die Nummer kommt mir vor, als wenn ein Ehemann nach einigem Streit zu Weihnachten der Gattin stolz ein Bügeleisen überreicht.

Was die Behördenleitung aktuell braucht, ist ein hochprofessionelles Krisenmanagement, an dem einige versierte externe Kommunikationsspezialisten beteiligt werden. Rolf Dobelli schreibt in seinem Bestseller «Die Kunst des klaren Denkens»:

«Möchten sie das Verhalten von Menschen oder Organisationen beeinflussen? Dann können Sie Werte und Visionen predigen. Sie können an die Vernunft appellieren. Doch fast immer ist es einfacher über Anreize zu gehen. Dabei müssen die nicht monetär sein. Von Schulnoten über Nobelpreise bis hin zur Spezialbehandlung im nächsten Leben ist alles denkbar! S.70, Dobelli, dtv, Auflage 2015»

und weiter:

«Wenn Sie das Verhalten eines Menschen oder einer Organisation erstaunt, fragen sie sich, welches Anreizsystem dahintersteckt. Ich garantiere Ihnen, dass Sie 90 % des Verhaltens so erklären können. Leidenschaft, geistige Schwäche, psychische Störungen oder Bosheit machen höchstens 10 % aus. S.71»

Ich habe im letzten BLOG – Beitrag meinen persönlichen Jahresrückblick 2017 ausführlich beschrieben. Mit den üblichen «Jahresendplatitüden» und einer Ausstechform läßt sich die Stimmungsspirale nach unten nicht aufhalten. Berlins Polizisten wurden auf Deutsch gesagt seit 1989 vom Senat und der Behördenleitung nur «verarscht». Die «Alten» halten traditionell noch die Klappe, weil sie es a) nicht anders kennen und b) sich am Ende nicht noch den letzten Dienstgrad kaputt machen wollen. Die Jungen werden da nicht mehr mitmachen.
Ich denke mal, Herr Kandt erinnert sich noch an Martin Textor, selbst ehemaliges Mitglied einer Spezialeinheit, für den die Truppen durchs Feuer gegangen wären. Dies hatte seine Gründe. Textor scharte in den Siebzigern eine Art «Rebellentruppe» um sich herum, die einiges bewegten. Er selbst war sich nicht zu fein, selbst in Erscheinung zu treten und klare Worte zu finden. Ausstechformen hätte der nicht auf die Reise geschickt … doch er ist ja auch nicht Präsident geworden. Ich sags mal so: Von einem ehemaligen Berliner SEK – Beamten hätte ich etwas anderes erwartet, als eine Keksform. Sorry! Wenn das undankbar sein sollte. Was gibt es nächstes Jahr? Weihnachtsbaumkugeln oder Tee – Eier?

Unter Umständen passe ich aber auch einfach nicht mehr in die Zeit. Wer weiß, vielleicht sind es diese letztens als Begründung genannten Anpassungsstörungen der Lebensälteren. Möglicherweise hat uns Ältere die Behörde auch dahingehend geformt. Wenn ich es mir so überlege -habe ich das schriftlich mit den Anpassungsstörungen! Ich Dummerchen … Na dann!

100 gr Mehl
50 gr Zucker
50 gr Butter
1 Eigelb
Prise Salz
Kneten, Ausrollen u. ein Weihnachtsgeschenk … äh … Wertschätzung … ick freu mir nen Keks!

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9 Kommentare zu „Yippieeh ein Stern …“

  1. Respekt 😂 den habt ihr euch verdient! Immerhin bekommt ihr mehr „Anerkennung“ als der Rest des öffentlichen Dienstes 😉 Bei uns reicht es nicht einmal für Keksausstecher oder warmes Wasser… und ach ja … Strom zahlen wir zum Teil auch selber. Schließlich dürfen wir ja DANKBAR dafür sein, dass wir die Ehre haben für das Land Berlin zu arbeiten/knechten… Da kann man dann auch schon mal auf einen Keksausstecher neidisch werden 😜 und mit dem richtigen Keksrezept kehrt dann auch in der Amtsstube gute Laune ein 😉

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  2. Trölle, du bekommst von mir einen Orden! Du hast das so klasse geschrieben und wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich ziehe den Hut vor Dir!

    Gruß, A.K.

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  3. Wenn ich die Mail mit dem Unterzeichner vom Stab Öffentlichkeitsarbeit richtig verstanden habe, dann hat er als Unterzeichner, seines Amtes PR, mit ein paar „Elfen“ die Namensaufkleber selber aufgebracht.
    Was so für schwere Aufgaben ein PR ableisten muss um die Leiter nach oben zu steigen. Puh…na da verstehe ich schon, warum die Kollegen ohne Führungsaufgaben einfach nicht befördert werden können.

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  4. Super, einfach auf den Punkt gebracht! Die Behörde ist einfach nur noch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus zu verstehen. Sicherlich aber nur Ausfluss der Anpassungsstörungen die wir Älteren aufgrund unserer Sozialisierung haben ,-)

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  5. Auch wenn ich mir das herzhafte Lachen bei einigen Passagen nicht verkneifen konnte, ist mir, wie leider auch vielen meiner Kollegen, das Lachen mittlerweile vergangen. Nein, es ist einem der teilweise 17, 18 oder 20Jahre im gleichen Dienstrang festhängt, eher zum Weinen zumute. Wäre auch alles vielleicht erträglich, wenn man nicht gleichermaßen die Dienstellenleiter als Rat oder Oberrat kommen und spätestens nach drei Jahren als Direktor weiter ziehen sieht. Da läuft es bis auf wenige Ausnahmen komischerweise doch auch. Nun ja…der Senat versprach ja, dass alles besser wird. Sogar die üppige Gehaltserhöhung kommt jetzt wohl krasse 2 Monate eher… 😉 In diesem Sinne, die Hoffnung stirbt zuletzt! Didi

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    1. Da Sie das im Internet jederzeit nachlesen können, verstehe ich die Frage nicht ganz, erspare ihnen aber Google: 320 EUR. Ich hörte von einem Kollegen, bei dem sich ein Freund meldete u. ihm mitteilte, dass er den Stern prima finden würde. Sein Arbeitgeber würde ihm kalt- u. herzlos einfach ein zusätzliches Monatsgehalt überweisen. Ich befürchte, vielleicht bin ich aber auch nur von Vorurteilen behaftet, dass Sie mich darauf hinweisen wollen, dass ich als Beamter immerhin dieses Geld bekommen hätte. Fakt ist, dass ich unter anderen Voraussetzungen mit Abitur, Studium und Ausbildung eingestellt wurde. Ich bin also nicht ungelernt und ohne Abschluss. Auf dieser Ebene sehe ich mich im Vergleich zu anderen qualifizierten Berufen in großen Betrieben.

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    2. Hallo paul

      Wen meinen Sie denn mit „sie“?

      PolPräs und Vize ?

      Interessant ist doch viel mehr, dass das Geld für die Keksstecher aus Steuergelder bezahlt wurden.
      PolPräs, Vize und alle anderen Beteiligten es als Ihre „nette Geste“ darstellen.
      Da stellt sich doch eher die Frage „ist das so ganz rechtens?“.

      MfG

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  6. @paul:

    Meinen sie das Weihnachtsgeld, welches so großspurig angepriesen, dieses Jahr bei meinen Kollegen und mir gekonnt durch irgendwelche Nachverrechnungen zu ca. 50% gekürzt ausgezahlt wurde?

    MfG

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