Ein verlogenes Fest …

Berlin, 1989, 22:00 Uhr … das erste Weihnachten nach dem Mauerfall. Ich arbeitete damals bei der polizeilichen Sofortbearbeitung in der Direktion – City in Berlin. Die mussten immer beim Verdacht einer für die Kripo interessanten Straftat ausrücken. (Machen sie heute noch, aber es gibt keine Direktion – City mehr). Dazu gehören auch Todesermittlungen, bei denen der hinzugezogene Arzt das Kreuz bei «Natürlicher Todesursache» verweigert.
„Können sie noch einen Auftrag übernehmen?“ Schnarrte es aus dem Lautsprecher. Im Hintergrund war ein seltsames Gestöhne zu hören.
«Ja!», antworte ich gehorsam.
«Dann mal bitte über Draht!» Das Mobiltelefon war 1989 noch nicht erfunden. Umfangreichere Informationen wurden über Telefon, also einen Festnetzanschluss, gegeben. Die angesprochenen Streifen mussten in diesen Fällen den nächsten Abschnitt aufsuchen und den Schichtleiter anrufen. Nach einem kurzen Telefonat wusste ich mehr. Eine Leiche! Irgendein Familienvater hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Wir sollten nachschauen, ob niemand nachgeholfen hatte. Wieder im Wagen erklärte ich meinem Kollegen kurz die Lage.
„Sag mal hast Du vorhin im Hintergrund auch gehört, was ich gehört habe?“, fragte ich meinen Teampartner während der Fahrt zur uns genannten Anschrift
Er schaute geradeaus auf die Straße. „Machen die immer in der Weihnachtsspätschicht!“
Ich sah ihn an. „Was?“
„Na, sich einen Porno rein ziehen!“ Kann man mal machen, dachte ich mir, verkniff mir aber jeden weiteren Kommentar. Besinnlichkeit konnte offensichtlich auch anders interpretiert werden.
Mein Teampartner suchte die Häuserreihe ab, an der wir vorbei fuhren. „Hast Du nochmal die Hausnummer?“
„Ja, ist nicht weit von hier. Da vorne, das graue Haus.“
Ein war ein Altbau, sehr gepflegt, eine von den besseren Adressen in dieser sonst heruntergekommenen Gegend. Der gesuchte Name stand ganz oben rechts auf dem Tableau. Schutzmannsparterre! Wie so häufig war Treppensteigen angesagt. Oben an der Tür empfing uns ein älterer Herr. Er bat uns hinein, seine Tochter würde in der Küche auf uns warten. Es war eine schöne Wohnung, aufgeräumt, teurer Teppich, klar und sauber strukturiert. Im Wohnzimmer, am Ende des Flurs stand ein geschmückter großer Weihnachtsbaum. Am Küchentisch saß eine etwa vierzigjährige Frau. Sie blickte starr vor sich hin. Was auch immer gerade in ihrem Kopf vorging, ich wollte es nicht wissen. Ich hatte festgestellt, dass in solchen Fällen Neutralität, Professionalität und das Vermeiden von Emotionen die beste Strategie ist. Der Vater erklärte seiner Tochter, wer wir sind und holte sich von ihr das Einverständnis, alles weitere zu übernehmen. Er ging mit uns zurück in den Flur und zeigte stumm auf eine Tür.
Ich mache erst das Licht an, als ich die Tür hinter mir verschlossen hatte. Ein Arbeitsraum, vor dem Fenster stand ein Schreibtisch. Dort hing er. Er hatte sich mit seiner Krawatte am Fenstergriff aufgehängt.

Ich wandte mich an meinen bisher schweigsamen Teampartner zu:. „Ich halte und Du schneidest ihn ab!“
„Denk dran, nicht vorn stehen!“, grunzte er.
Ich verzog nur kurz das Gesicht. Wir begannen mit unserer Untersuchung. Schon nach kurzer Zeit kamen wir zum Ergebnis, dass alles seine Richtigkeit hatte. Es waren keinerlei Anzeichen vorhanden, die dafür sprachen, dass jemand den armen Kerl ums Leben brachte. Wie immer bei Suiziden zogen Gedanken über die Gründe durch meinen Kopf. «Gibt es ein Warum? Keine Ahnung? Will ich es wissen? Nein, ich will das heute Nacht nicht wissen. Depressionen? Schulden? Er wird seine Gründe gehabt haben. Nur hinaus!» Nach der Untersuchung stellte ich der Frau die üblichen Fragen. Hatte er Depressionen? Nahm er Medikamente? Hat er noch etwas gesagt? Gab es einen Streit?

Unvermittelt stand in der Tür ein kleines Mädchen. Wahrscheinlich ist sie der Grund, dass ich mich heute noch an diese Nacht erinnere. Dieser Blick des unschuldigen Kindes, brannte sich ein. Höchststrafe! Wir Erwachsenen schauten uns alle hilflos an. Der Vater reagierte als erster und nahm die Enkelin auf den Arm. Freundlich auf sie einredend ging er mit ihr zu den Geschenken am Baum. Die Mutter des Kindes fragte mich, was Sie denn jetzt machen müsste. Ich sagte ihr, dass sie ein Bestattungsinstitut anrufen müsse.
Wie viele andere vor ihr auch, war sie mit der Sache vollkommen überfordert. Sie fragte mich, welches sie denn anrufen solle und ob ich Erfahrungen damit hätte. Doch ich durfte ihr keines nennen. Es ist bitter, wenn man einfach nur Mensch sein will und einen die Geschäftsanweisungen die Bedeutung eines Menschen als «Produkt» vorführen. Umsonst ist nicht einmal der Tod! Sinnlos ihr etwas über Bestechlichkeit zu erzählen, deshalb fragte ich nach einem Telefonbuch und schlug routiniert die passenden Seiten auf. Ich wollte dort weg. Noch ein paar Worte, leise gesprochen und raus.
Wieder auf der Treppe atmete ich tief durch. Die ersten Etagen liefen wir schweigsam nebeneinander. Dann unterbrach mein Teampartner die Stille mit einem zynischen Spruch. „Auch eine Form Weihnachten abzuhängen, oder?“

Die Anspannung löste sich ein wenig. Alkohol, Sarkasmus und Zynismus, die hässlichen Geschwister der vielen kleinen Trauma im Leben eines Polizisten. „Fahren wir noch was Essen?“ ,fragte er mich, als wir das Haus verließen. Ich stimmte zu. Auf der Fahrt zur Dienststelle kamen wir an einem Bahnhof vorbei. Aus dem Seitenfenster sah ich in einer Unterführung  einen Obdachlosen . Er hatte sich dort mit seinen wenigen Habseligkeiten und seinem Hund verschanzt. Plötzlich hatte ich eine Idee.
„Halt mal an!“ ,forderte ich. Ich ging zu dem Mann und legte behutsam einen großen Schein vor ihn hin. Ich glaube, er sah mich nicht einmal an. Warum sollte er auch? Für ihn war ich bestimmt nur einer von vielen Menschen, die ihn kurz anstarrten, um nach seiner Atmung zu schauen. «Ich kann‘ s nicht ändern Alter, aber vielleicht hilft es ein wenig.» ,murmelte ich. Ich sah ihn noch einen Augenblick an. Da stand ich Wohlstandskind und hatte mich zu einer Geste hinreißen lassen. Letztlich nur ein kosmischer Zufall, dass ich stand und er dort unten saß. Doch mehr ist mir nicht gegeben, als zumindest die Ehrlichkeit in den Knochen zu haben, die mir ein wenig Demut vermittelt. „Du hattest Glück und er Pech!“ Vielleicht hatte der Erhängte genau vor diesem Schicksal Angst. Wenigstens ein Gedanke mehr, als die Menschen, welche auf Deutsch: „Eine große Fresse riskieren!“ Ich drehte mich wieder um und stieg zurück ins Fahrzeug.
„Was hast‘ n gemacht.?“ ,fragte mich mein Partner. «Atmet er noch?»
„Nichts! Ich finde wenigstens einer sollte heute Nacht Weihnachten haben! Fahr weiter, wir müssen noch schreiben.“

Nach dieser Nacht folgten noch diverse andere Weihnachten, in denen ich Dienst hatte. Es war nicht einmal eine besondere Nacht, dennoch habe ich sie niemals vergessen. Jedes Jahr auf ein Neues, beschleicht mich dieses Gefühl, irgendetwas tun zu müssen. Fast immer unterlasse ich es. Es ist diese Hilflosigkeit, die mich jedes Mal sehr traurig macht. Weihnachten! Im Fernsehen und in Filmen wird uns das perfekte Weihnachten vorgegaukelt. Die Pfarrer in den Kirchen haben Hochkonjunktur, weil sie einmal im Jahr die Gottlosen vor sich zu sitzen haben und ihnen eine Predigt halten können. Die Gesichter sind leer und erhellen sich für wenige Minuten, wenn sich die Sprösslinge beim Krippenspiel präsentieren. Anschließend hetzt die Familie nach Hause, damit der Braten rechtzeitig fertig wird und die Bescherung nicht zu spät stattfindet – Oma kann nicht mehr solange. Und wenn sich dann doch mal einer von denen in die Kirche verirrt, um die es geht, rümpfen sie die Nase über Aussehen und Geruch.

Gesucht wird der Erlöser – sprach unnachahmlich nachdrücklich Klaus Kinski ins Mikrofon. Der Gesuchte erschien den Menschen angeblich vor 2000 Jahren als obdachloser Palästinenser. Als junger Mann versuchte er, die Menschen mit religiösen Fanatismus davon zu überzeugen, dass sie ihren Nächsten lieben sollten. Die Feier anlässlich seines Erscheinens ist zu einer der borniertesten Veranstaltungen der christlichen Religion geworden. Auch heute Nacht werden Millionen frierend und hungernd ausharren. Tausende Kinder werden unter schlimmeren Umständen geboren werden, als dieser christliche Erlöser. Bei ihnen werden keine Weisen aus dem Morgenland vorbei kommen, nicht einmal aus dem Abendland wird sich jemand auf den Weg machen. Die sind viel zu beschäftigt mit der Rettung dieses Konstrukts. Statt Weihrauch und Myrrhe, schicken sie als Geschenke lieber Munition, Gewehre und Granaten. Diese Überlegungen sind kaum zu ertragen und lassen sich nur mit einem Gedanken verdrängen: «Du kannst die Welt nicht retten! Weitermachen!»

Gesucht wird der Erlöser! Das wäre doch mal eine Öffentlichkeitsfahndung: «Gesucht wird ein junger Palästinenser. Er ist allein im Stadtgebiet unterwegs. Bei Antreffen ist die Menschheit zu unterrichten.»

Weihnachten 2017 – fast 30 Jahre danach. Tut mir leid … dieses „Frohe Weihnachten“, kommt mir immer schwerer über die Lippen. Auch ich habe früher in der Kirche gesessen und den Kindern beim Krippenspiel zugesehen. Als Beiwerk durfte ich mir immer die Predigten der Pfarrer anhören. Die Botschaft: „Für viele unter uns ist das Leben mies, wir können es nicht ändern, lasst uns für sie beten. Aber … irgendwann haben sie es hinter sich … dann werden sie erlöst werden und in eine strahlende Ewigkeit übergehen!“ Na toll … Unter Umständen könnten wir doch etwas ändern. Wenn sich diese tollen Christen alle einig wären und gemeinsam ihre „Glaubensgrundsätze“ global umsetzen würden, wären wir schon einen Schritt weiter. Ohne Frage können auch arme Menschen sehr glücklich sein, manchmal sogar glücklicher als Reiche. Doch solange Menschen verhungern, verdursten, abgeschlachtet werden, sollte sich jeder mit einem Dach über dem Kopf, in einem Land, in dem das saubere Wasser aus der Wand kommt und in der Buchte keine Minusgrade herrschen, leise verhalten und sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Bis dieser Tag nicht eintritt, sind Christen, vor allem die mit der Leitkultur, für mich nur ein genauso verlogener Haufen, wie alle anderen auch. Natürlich haben wir in Deutschland das Recht auf freie Meinungsäußerung. Doch für mich sind alle Demonstranten, die von einer Rettung des Abendlandes sprechen und eine Leitkultur propagieren, während die Welt um sie herum aussieht, wie sie aussieht, bornierte Penner. Einfach mal die Klappe halten und das bescherte Glück still genießen, wäre dem „Erlöser“ am ehesten entsprechend. Dieses Mädchen von damals, ist heute eine erwachsene Frau. Was sie wohl über all diese Dinge denken mag? Ob der Obdachlose noch am Leben ist?

Ich glaube, wenn es heute diesen jungen Palästinenser gäbe, würde er wütend und um sich schlagend über einen Weihnachtsmarkt ziehen, bis er unter Terrorverdacht in einer Zelle sitzt. Rettet das Abendland! Eine klare knackige Aussage, die Frage ist nur noch: Vor wem und was?

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