Von der Arbeiterpartei zum linken Flügel der CDU …

Von berufener Seite her, wurde ich letztens gefragt, ob es nicht besser wäre, mich von der Polemik abzuwenden und mich anderen Themen zu widmen. Ich tue dies bisweilen, aber als Mitglied dieser Gesellschaft, dem Bildung und ein Leben jenseits der Armut beschert wurde, betrachte ich es als staatsbürgerliche Aufgabe, mittels Argumenten oder Aufzeigen von Prozessen, andere zu überzeugen. Da ich nicht bereit bin, einen Konsens zu erzeugen, weil ich der Auffassung bin, dass das aufkommende Denken langfristig in eine Katastrophe führt, befinde ich mich innerhalb der Definition von Polemik.

Gestern wurde seitens der SPD Delegierten einer Koalitionsverhandlung mit der CDU und ihrem Miniaturanhängsel CSU zugestimmt. Der Bundesvorstand benannte dieses als ein historisches Ereignis. Die Unterteilung in ein politisches Rechts und Links, wurde im Jahr 1814 im französischen Parlament eingeführt. Links befanden sich die Politiker, welche eine Erneuerung herbeiführen wollten und auf der anderen Seite saßen die Bewahrer der bestehenden Verhältnisse, welche sich kurz glücklich schätzten, als Napoleon aus dem Exil zurück kehrte. Zwischen 1814 und 2017 liegen mehrere Revolutionen, zwei Weltkriege und die Nachkriegszeit, dennoch halten wir immer noch am Schubladendenken fest. In den Redebeiträgen wurde heute davon gesprochen, dass die SPD einen Gestaltungsanspruch hat und in der Koalition doch furchtbar tolle Dinge für den Bürger erreichen kann. Frau Nahles geht sogar davon aus, dass es in Deutschland keine «linke» Mehrheit gibt und die Gesellschaft eher eine «Rechtstendenz» hat.

Zugespitzt formuliert: Wenn wir den «Schwarzjacken» alles überlassen, gewinnen nur die oberen Zehntausend etwas und der normale Bürger verliert. Der Bürger hat es nur nicht verstanden, denn sonst hätten CDU, CSU, FDP und AfD nicht so viele Stimmen bekommen. Die SPD fungiert also als selbstlose Rettungspartei für den Bürger, damit er sich nicht selbst zugrunde richtet.

Ich kenne dieses Denken aus einem ganz anderen Bereich. Wir haben zu wenig Personal und Geld, also müssen wir mittels Kreativität, Überstunden und Aufopferung die Gesellschaft vor ihrer eigenen Dämlichkeit beschützen. Dafür setzen wir uns sogar über Gesetze hinweg, die in sich nicht stimmig sind und von verwirrten Träumern erlassen wurden. Doch wie soll sich dann etwas ändern? Es funktioniert doch! Warum lassen wir die Chose nicht einfach gegen die Wand knallen? Sofern die SPD davon überzeugt ist, dass die neoliberal konservativ ausgerichteten CDU Funktionäre die einfachen Leute über den Tisch ziehen, werden es jene nicht kapieren, wenn die SPD innerhalb einer Koalition das Schlimmste verhindert. Die SPD kann am Ende die Regulierung nicht mal als Erfolg verkaufen, weil die sogenannten einfachen Leute es nicht begreifen.

Und schaut man sich die zurückliegenden Jahre an, mag man der SPD diese regulierende Rolle auch nicht mehr abnehmen. Da ändern auch die herzzerreißenden Geschichten einer lupenreinen Akademikerin Andrea Nahles, die selbst niemals einen normalen beruflichen Arbeitsprozess kennenlernte. Und wenn es seine Sache gibt, von der Akademiker in einem vergeistigten Beruf keine Ahnung haben, dann ist es der Mensch. Traurig stimmt einen eher, dass ein ehemals jovialer Mensch, wie der ehemalige Bürgermeister der 39.000 Seelengemeinde Würselen Schulz, offensichtlich eine Ansage von den Akademikern bekam, nach dem er am Wahlabend eine klare Position bezog. Doch auch bei Herrn Schulz zieht manch einer in Anbetracht eines Jahresverdienstes in Höhe von knapp 200.000 EUR die Stirn kraus. Ich gebe zu, dies ist nicht sachlich, sondern rhetorisch höchst fraglich, aber dies wird seitens der Populisten aufgegriffen.

Unter Kanzler Schröder leistete die SPD der CDU tatsächlich einen historischen Bärendienst. Sie erkannte den Ernst der Lage. Bei ungehinderten Ablauf der Dinge, bestand zu befürchten, dass sich die einfachen Leute erheben und es zu erheblichen gesellschaftlichen Unruhen kommt. Es musste eine Lösung gefunden werden, die die oberen Zehntausend schützt und die unteren Teile der Gesellschaft ruhig stellt. Hartz IV wurde ins Leben gerufen. Zum Sterben zu viel, und für das Leben zu wenig. Frei nach Brecht: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. Ab diesem Zeitpunkt mutierte die Bundesebene zu einer CDU mit sozialen Verkaufsgeschick. Bis die AfD auf der Bühne erschien, funktionierte dies auch ganz gut.

Weder dem Hartz IV Empfänger, dem «Aufstocker», dem Niedriglohnempfänger oder den in Altersarmut lebenden Rentner erschließen sich die Debatten und Pläne der Politiker. Ihre Realität spielt sich auf dem Konto, in der Küche und in der Wohnung ab. In dieser Lage ist es absolut nachvollziehbar, dass man vor weiteren Abzügen Angst bekommt, und wenn ich denen dann auch noch sage: Euer Geld landet bei den Ausländern, bekommen die einen Hals. Hier wäre die Domäne der SPD. «Ihr sitzt mit den Ausländern in einem Boot. Euer Geld landet an ganz anderen Stellen und wir stehen mit den LINKEN dafür, dass das geändert wird.» Stattdessen werden jeden Tag neue Sedativa für den Zorn gegen die Neoliberalen erschaffen, damit die fröhlich weiter machen können. Aber der einfache Bürger erkennt die Neoliberalen nicht einmal. Im Parteinamen steht «christlich», das ist schon mal gut und wir haben schon immer die CDU/CSU gewählt. «Frei» ist auch positiv belegt und liberal klang schon immer angenehm. Das damit aber die Freiheit des Marktes, der Unternehmer und des Kapitals gemeint ist, unter der Voraussetzung, dass dieser Markt quasi ein organisches Gebilde ist, welches sich selbst reguliert und damit für alle sorgt, kommt kaum an.

Würde ich einem Bauhilfsarbeiter sagen, dass der junge dynamische Anzugträger im Porsche auch immer ein wenig an ihn denkt und kein Interesse daran hat sich ausschließlich selbst zu bereichern, würde er mich vermutlich für bescheuert halten. Dabei ist er der Idiot, weil er genau diese Aussage gewählt hat.

Da ist die AfD deutlich geschickter. Mit einfachen Parolen, seien sie auch noch so erlogen, schüren sie das Feuer unter dem Kessel. Sie versprechen sich davon, den Druckkessel zum Platzen zu bringen, damit sie auf den Trümmern ihren eigenen Kessel stellen können. Nichts wird sich ändern, im Gegenteil, die Armen werden noch ärmer werden, aber keiner kann sich dann noch offen beschweren. Eine Clique löst die andere ab, also im Vorzeigebereich, hintergründig agieren immer noch die gleichen Kandidaten. Finanzkräftige Strippenzieher, die sich Politiker leisten, gestern noch die Schwarzen, morgen halt die AfD.

2017 und 2018 werden tatsächlich historisch bedeutsame Jahre. Die CDU hat mit der Ablehnung einer Minderheitsregierung gezeigt, dass das deutsche Parlament nicht in der Lage ist, eine Diskussion mit dem Ziel einer alle zufrieden stellenden Politik zu führen, sondern sie nur in hierarchisch geführten Blöcken gegeneinander antreten können. Die Parteiführung hat etwas beschlossen, ich gehöre zu der Partei, also stimme ich zu, auch wenn ich anderer Meinung bin. Und selbst, wenn der Vorschlag der anderen Partei vernünftig klingt, kann ich dem nicht zustimmen, denn er kam ja nicht von meiner Partei. Das ist Grundschulniveau und hat mit erwachsenen Menschen nichts zu tun.

Die SPD war einst die gemäßigte Umsetzung einer Idee, die davon ausgeht, dass eine Gesellschaft mit starken Statusunterschieden auf Dauer immer in einem zerstörerischen Konflikt landen. Im Gegensatz zu den Kommunisten, den radikalen Anhängern der Idee, diese aber mit gemäßigten Mitteln und der Akzeptanz eines menschlichen Anspruchs, sich von anderen abheben zu wollen, mittels staatlicher Lenkung Ausuferungen zu verhindern. Aus der Sicht eines Sozialdemokraten beinhalten Gewinnsucht und Machtgeilheit eine stetige Bedrohung. Selbst die Kommunisten haben mehrfach bewiesen, wie hoch diese Gefahr ist, in dem sie Regime erschufen, in denen sich Macht – Cliquen bereichern und bereicherten. Beide politischen Bewegungen wurden von Vordenkern aus dem bürgerlichen Umfeld erdacht, die sich über die menschliche Natur Gedanken machten, und die Gefahren von Geld bzw. Macht erkannten.

Letztens las ich einen Artikel in der WELT, in dem eine junge Kolumnistin ihren Unwillen über die SPD zum Ausdruck brachte. Im Wesentlichen beschwerte sie sich über die Reichenschelte seitens der SPD. Sie führte auch an, dass mal an neue Bundesbürger aus der ehemaligen DDR die Frage herangetragen wurde, was sie besser finden würden: Ein reicher Mann würde sich sein Brot mit Kavier bestreichen können und der Ärmere mit Schmalz, oder beide bekämen nur Brot. Zu ihrer intellektuellen Verwunderung entschieden sich die Befragten für die zweite Möglichkeit. Diese Antwort hätte ihr jeder, der im Wirtschaftsstudium ein wenig aufgepasst hat und sich mit der Spieletheorie auseinander setzt, beantworten können. Bereits vor langer Zeit wurde in der Ökonomie dieser Effekt auf den Prüfstein gestellt. In einem Versuch gab man von zwei Probanden einem fünfzig Dollar. Jener durfte darüber entscheiden, wie er das Geld zwischen sich und dem anderen Versuchsteilnehmer aufteilt. Wenn der andere seiner Zuteilung zustimmt, können beide das Geld behalten.

Rational betrachtet, haben beide bei der Ausgangslage einen Vorteil, selbst wenn der Verteiler 49,99 Dollar für sich behält. Denn vorher hatten beide nichts, und im Härtefall bekommt der zweite Teilnehmer immerhin noch einen Cent. Er hat also mehr als am Anfang. Der Versuch zeigte aber, dass die Probanden schon bei einer geringen Abweichung der 50/50 Lösung die Verteilung ablehnten und so dafür sorgten, dass keiner etwas bekommt. Menschen sind in ihrer Natur auf Gerechtigkeit ausgerichtet, geringere Abweichungen werden akzeptiert, markante ungerechte Verteilungen führen zu Auseinandersetzungen. Jegliche Politik, die dieses nicht akzeptiert, produziert Spannungen, welche dann mittels Macht geregelt werden müssen. Frau Nahles fragte in ihrer Rede nach dem Großen. Ich denke mal, dass ist das Große.

Polemik? Mag sein, aber es ist auch Leidenschaft und der Glaube an die Fähigkeiten des Menschen. Es macht einen Unterschied, ob ich einen Menschen alleine handeln lasse oder er gezwungen ist, in der Masse zu agieren. Das «christliche» in der CDU ist Programm, aber nicht im Sinne von Nächstenliebe, sondern eines Verteilungsprinzips. Keine andere Institution hat über tausende Jahre hinweg eine hierarchische Machtstruktur gelebt, wie es die katholische Kirche tat. Das Rechtfertigungsmittel war dabei stets die Religion. Der Pfarrer bekommt zum Martinstag die fetteste Gans, in diesen Kategorien denken die Anhänger der CDU immer noch. Die alten Sozialdemokraten verwehrten sich genau dagegen, denn sie hatten den Glauben, dass der Mensch an sich sozial handeln will, es im Zusammenhang mit der Masse aber schwierig wird. Deshalb versuchten sie ein System zu erstellen, welches diesen sozialen Anspruch auch der Masse ermöglicht.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der es unten wieder rumort, gibt die SPD ihre Rolle auf und wendet sich der Zielgruppe der gut verdienenden Bürger in der Mittelschicht zu und lässt die wirklich schlecht da stehende untere Schicht links und rechts liegen. Am Ende muss sich dann aber auch niemand wundern, wenn dort eine Sammlung statt findet. Der äußerste rechte Rand und die Kommunisten werden sich freuen. Ich selbst betrachte mittlerweile die Sozialisten und die Kommunisten, wie Atheisten und Agnostiker. Letztere sind Atheisten ohne Eier, als Kommunist kann man sich der aktuellen Sozialdemokratie gegenüber genauso aufbauen. Ihr wollt eigentlich in eine ähnliche Richtung wie wir, nur wir beziehen klare Stellungen, während ihr den Beischlaf mit den Bonzen vollzieht. Mal ganz abgesehen davon, dass Sozialdemokraten ohnehin Abstriche von der reinen Sozialismuslehre machen, in dem sie sich der Demokratie und dem Grundgesetz verpflichten.

Diverse Wähler der SPD setzen sich aber nicht detailliert mit dem Parteiprogramm auseinander. Sie betrachten die Unterstützung der SPD als ein demokratisches Kampfmittel gegen jene Besserverdienenden, die auf ihre Kosten leben. Gibt die SPD diese Rolle auf, wandern sie zu Stellen, die ihnen das Versprechen mit einfachen Worten geben. Du musst nur uns wählen! Wir schmeißen die Ausländer heraus, verhindern dass sie wieder hinein kommen und das Geld bekommt ihr! Um diesen geistigen Quatsch musst Du Dich nicht kümmern, den übernehmen wir für Dich. Alles was nicht schnell genug weg rennen kann, wird eingesperrt. Wer sich anpasst, brav arbeiten geht und dem Deutschtum von Schuhplattler bis zur ordentlich geschnittenen Hecke fröhnt, hat nichts zu befürchten. Wir werden dafür sorgen, das der Deutsche Arbeiter wieder tugendhaft, aufrecht, pünktlich und fleißig seine Arbeit macht. Heraus aus dem Underdog – Status, zurück zum stolzen Arbeiter, der auf deutsche Leistungen stolz sein kann. Die SPD hat Euch an das satte Bürgertum verraten, werdet wach und versteht es endlich. Von diesen Mitgliedern des politischen Kartells habt ihr nichts mehr zu erwarten. Sozialismus können wir auch, aber nicht zusammen mit diesen europäischen Schmarotzern, sondern national. Für Arbeiter haben wir auch immer ein offenes Ohr. Sozialismus auf nationaler Ebene unter Beteiligung des einfachen Arbeiters mit Berücksichtigung der Deutschen Volkskultur. Dafür gibt es eine Abkürzung, die ich mir verkneife.

Vor zwei Tagen lief ich durch meine alte Siedlung, in der ich lange Zeit in der Jugend heranwuchs. Dort gibt es keine Einfamilienhäuser mit beschaulichen Vorgärten, sondern das Gebiet ist durch fünf 22-geschossige Punkthochhäuser und durch mehrgeschossige Gebäuderiegel geprägt. In den rund 8000 Wohnungen lebt fast die Hälfte der 44.600 Einwohner von Berlin – Staaken. (Quelle: Wikipedia). 50 % der Bewohner sind erwerbslos und ihre Miete wird vom Staat bezahlt. Aktuell plant der Senat, 100 Millionen EURO in das Gebiet zu investieren, damit dort alles wieder schön wird. Für diese 22.300 Anwohner gibt es ein Woolworth, eine Drogerie, einen REWE – Markt, zwei DÖNER – Imbisse und eine nennenswerte Pizzeria. Auf den dunklen Straßen ist kaum ein Mensch zu sehen, alles verkriecht sich in die Wohnungen und sitzt vor dem Fernseher. Was sollen sie auch anderes machen, Geld zum Ausgeben haben sie ohnehin nicht im Portemonnaie. Die meisten von ihnen existieren, aber sie leben nicht. Die 100 Millionen EURO werden daran nicht viel ändern. Die wenigen politisch interessierten sehen im Fernsehen ein paar Bonner Bonzen mit Luxus – Problemen. Vielleicht verfolgten sie sogar die Rede einer sich überschreienden Andrea Nahles, die sich rühmte den Mindestlohn eingeführt zu haben. Dass der regelmäßig umgangen wird, weiß der Fernsehzuschauer in Teilzeit oder der Ängstliche, welcher seinen Job behalten will, nur zu gut. Das ist kein Nährboden für Rechtspopulisten, sondern ein wahres Paradies.

Doch man ist sich der Gefahr bewusst. Deshalb kommt man gemeinsam den Populisten ein wenig entgegen. Flüchtlinge sollen in zentralen Einrichtungen gesammelt werden. Gut, dass es dieses Wort gibt, sonst hätte man Lager schreiben müssen. Irgendwo in der Walachei, wo sie niemand sieht, wird es schon ein Plätzchen geben. An einer Änderung der humanitären Katastrophen in Italien und Griechenland scheint auch niemand ernsthaft interessiert zu sein.

Wer sich das Sondierungspapier durchliest, wird mit schönen Worten über Absichtsbekundungen eingeschläfert. Zwischen den Zeilen bemerkt man dann ein Gießkannenprinzip. Wenn der Arme etwas bekommt, müssen die Besserverdienenden, auch wenn sie es nicht nötig haben ebenfalls bedacht werden. Vieles wird versprochen und gleichzeitig wird die Umgehung für die Arbeitgeber gleich mitgeliefert. Auch an dieser Stelle werden die Populisten hinein grätschen.

Das nennt sich dann «Experimentierräume» öffnen. Für die Rentner werden nach 35 Jahren braver Einzahlung 10 % mehr als die Grundversicherung versprochen. Leider findet sich an keiner Stelle ein Hinweis darauf, woher das Geld dafür stammen soll. Den Langzeitarbeitslosen werden jährlich eine Milliarde EURO zur Reintegration versprochen, de facto werden damit aber nur die Defizite der zurückliegenden Jahre ausgeglichen, Innovation sieht anders aus. Gegen die Leiharbeit, mit der regelmäßig alle Bestimmungen umgangen werden, wir gar nichts unternommen und die Midijobs sollen ausgebaut werden, die dann wieder zu geringeren Renten führen. Auch die beliebte Umgehungsvariante Teilzeitstellen wird ausgebaut. Dies lässt sich im gesamten Papier fortsetzen: Willensbekundung, Forderung und anschließend die passende Hintertür. Exakt auf diese Art kann man sich prima einigen. Schreibt ihr mal Euer nettes sozial Geschwurbel hinein und wir sorgen für die Umgehungsmöglichkeit. Alles was einiger Maßen funktioniert wird sich am Ende die CDU ins Büchlein schreiben und was nicht eintritt, bekommen die Sozialdemokraten aufgedrückt.

An manchen Stellen enthält das Sondierungspapier böse Lachnummern. Es heißt dort in Zeile 1207: Völkerrechtswidrige Tötungen durch autonome Waffensysteme lehnen wir ab und wollen sie weltweit ächten. Mit anderen Worten: Drohnen, die von den USA von Rammstein aus gesteuert werden, lehnen wir ab. Eine Zeile darunter kommt dann der Lacher: Wir werden im Rahmen der europäischen Verteidigungsunion die Entwicklung der Euro-Drohne weiterführen. Wenn schon, dann wenigstens mit den eigenen Waffen.

Ein paar Zeilen geht es dann weiter mit den Rüstungsexporten. Man will keine Länder mehr beliefern, die sich am Jemen – Konflikt beteiligen und es wird angestrebt weniger zu Exportieren. Anstreben kann man bekanntermaßen viel, nur muss es nicht eingehalten werden. Doch dafür findet sich der Passus, dass eine Europäische Rüstungsexportpolitik unterstützt wird. Dies bedeutet, man will sich den Beschlüssen der anderen Länder anschließen. Wir wollten weniger liefern, aber die anderen haben nun einmal etwas anderes beschlossen – kann man nichts machen. Praktisch, wenn man dann Saudi – Arabien über einen Zwischenhändler beliefern kann, außerdem ist keine Rede von den bereits beschlossenen Verträgen.

Doch die Zerlegung des Papieres überlasse ich lieber den dafür bezahlten Journalisten. Neuerdings wird ja Schriftstellern und anderen Künstlern wieder geraten, sich aus der Politik heraus zu halten. Frei nach dem Motto: „Schuster bleib bei Deinen Leisten!“ In Anbetracht der Berufe der hauptamtlichen Politiker frage ich mich, welchen Wissensvorsprung die haben. Schriftsteller wissen unter wenigstens, wie die Botschaften ankommen und sich der normale Mensch verhält. Ich glaube Böll und Brecht haben das Angesicht dieser Republik mehr geprägt, als die Mehrzahl der Hinterbänkler. 

Ein Part des Papieres amüsierte mich dann aber doch noch. Zeile 1296: Der Deutsche Bundestag muss der zentrale Ort der gesellschaftlichen und politischen Debatte in Deutschland sein. Wir stärken die Entscheidungsfindung in Bundestag und Bundesrat. Liebe Leute, genau dieses habt ihr bisher bewiesen. Ihr debattiert, per Definition haut ihr Euch damit Eure Standpunkte per Fraktion um die Ohren. In einer Diskussion tragen die Teilnehmer ihre Argumente vor, bewerten diese und kommen zu einer Einigung. Im aktuellen Bundesrat wird es schwierig für die SPD. Bei Jamaika konnte sie das Zünglein an der Waage spielen, in einer Großen Koalition entstehen Verpflichtungen. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass sich die SPD auch dort kaufen lassen wird.

Was soll der ganze Ärger? Vielleicht macht es wirklich keinen Sinn, dagegen zu polemisieren, die machen ohnehin ihr Ding. Einziger Lichtblick war der Vorschlag von Wagenknecht, ein neues Linksbündnis zu schaffen. Die SPD hat eine klare Antwort formuliert: NEIN! Die konservativen Anteile in der SPD haben daran kein Interesse. Irgendwo stand letztens, dass Andrea Nahles dem linken Flügel der SPD zuzurechnen ist. Wo stehe ich dann? Wir werden verhandeln, bis es quietscht. Lächerlich! Die CDU hat bereits an mehreren Stellen signalisiert: Jenseits des vorgelegten Papiers wir es nichts geben. Die genannten Hintertüren werden noch ein wenig mehr offen stehen, und sie werden nicht quietschen, weil so ein Geräusch nur bei Türen entsteht, welche geöffnet und geschlossen werden. Einzig ein paar Ministerposten wird es geben und einige Staatssekretäre können sich wieder entspannt zurück lehnen.

Diese Gesellschaft hätte meiner Auffassung nach, eine deutliche Ansage an die Konservativen, Ultra – Konservativen und rechtslastigen Populisten gebraucht. Wir sind vielleicht weniger, aber wir existieren und wer eine Heimat jenseits dieser Bewegung sucht, findet sie in der SPD. Gemeinsam bieten wir dem immer heftiger werdenden Rechtsruck, Nationalismus und Patriotismus die Stirn. Doch Schulz und Nahles haben die Hand ausgestreckt. Sie glauben tatsächlich daran, dass sie auf diesem Wege den Rechtspopulisten entgegenwirken. Etwas anderes wird passieren. Die CDU/CSU hat schon mehrfach angedeutet, die Rechten wieder einfangen zu wollen. Doch das Immunsystem kann versagen und dann sind sie infiziert. Für eingefleischte Sozialdemokraten ist da kein Platz mehr.

Aus meiner Sicht ist in den letzten 20 Jahren eine SPD entstanden, die sich von der CDU nicht mehr unterscheidet. Demokratisch betrachtet, wird damit die freie Wahl unterbunden. Denn eine Wahl ist nur sinnvoll, wenn ich auch mehrere Optionen habe. Für Menschen wie mich, fällt die Option SPD flach, weil ich dann ebenso die CDU wählen könnte. Notgedrungen muss ich mich mit den «LINKEN» auseinandersetzen, deren linker Flügel den Boden der Verfassung verlässt. Noch nie hat eine Große Koalition Deutschland einen Segen gebracht und dies wird sich auch nicht verändern. Vielleicht war dies der Sinn des Hinweises auf die zentrale Stellung des Bundestags und Bundesrats – traut Euch nicht eine Außerparlamentarische Opposition aufzubauen. Genau dieses könnte aber passieren und dieses Mal werden es keine linksorientierten Studenten sein. Die SPD wird weiterhin existieren, aber die gelebte Sozialdemokratie wird sich wohl oder übel neue Plätze suchen müssen. Was denken die Herrschaften in der Bundesgeschäftsführung, wo sich die junge Generation der Jusos künftig engagieren werden? Wäre ich Mitte 20, wäre meine politische Heimat sicherlich nicht mehr die SPD, da gibt es bessere Anbieter.

Es gilt noch die Mitgliederabstimmung abzuwarten … aber dafür sehe ich schwarz. Ich selbst werde mich mal eine Weile mehr auf den einzelnen Menschen konzentrieren, als auf die Politik. Ich habe mich hier als demokratisch denkender Sozialist geäußert, ob es für diese Einstellung auch noch eine Partei gibt, wird sich zeigen. Immerhin ist diese Einstellung durch die Beobachtung von Menschen entstanden – erst dann kam die politische Entscheidung.

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