Patriotismus? Fehlanzeige …

Letztens lief ich lange nachdenklich durch den Wald, irgendwann kam ich zu einer Stelle, an der an zwei Tote an der Berliner Mauer gedacht wird. Der eine wollte einen Kumpel nach Hause fahren, verirrte sich und wurde nah am Zaun erschossen. Der andere sollte ins Arbeitslager gesteckt werden, deshalb wollte er flüchten und wurde mit 10 Schüssen niedergestreckt. Zwei von vielen Toten an der Mauer, damals ca. 2 km von meiner Wohnung entfernt.

Ich setzte mich hin und rauchte eine Zigarette. 1989 ist lange vorbei, die Mauer ist nun solange weg, wie sie einst gestanden hat. Anlass genug, um mir über mein Land ein paar Gedanken zu machen. Da gibt es diese Menschen, die von mir Nationalstolz und Patriotismus fordern. Wenn mir Deutschland nicht gefällt, könne ich es ja verlassen und wo anders hingehen. Dieses Land, in dem ich lebe, habe immerhin über Jahrhunderte hinweg die tollsten Errungenschaften hervorgebracht. Sie reden von Völkern und Ethnien, die nicht zusammen passen. Die Aufklärung hätten wir hervorgebracht, das Christentum reformiert, und was die alles von sich geben. Martin Luther war erstens ein ausgemachter Juden Hasser, zweitens mochten ihn die Herrschenden nur, weil sie auf die Art den Katholiken die Ländereien wieder abnehmen konnten und die Bauern hat er auch verraten. Also was? Ich kann mich mit dem Typen nicht anfreunden.

Mir haben in Deutschland vier Jahrzehnte gut gefallen. Zwei davon durfte ich erleben und zwei kenne ich aus den Geschichtsbüchern bzw. aus Erzählungen. In den Siebzigern und Achtzigern lebte ich in West – Berlin und die Zwanziger hätte ich gern mal ein paar Tage in Berlin erlebt. In den Sechzigern wurde ich geboren, kenne sie aber nur vom Erzählen. Da muss eine Menge los gewesen sein. Die Zwanziger aber bitte nicht zu lange, Berlin war auch ein sehr heisses Pflaster und Proletarier wollte man auch nicht sein.

Deutsche Kultur? Die Klassiker der deutschen Literatur habe ich erst spät gelesen. Vorher las ich Remarque, Böll, Brecht, Engelmann, Tucholsky und Leonhard. Keine Bücher, die aus einem jungen Mann einen Patrioten machen, sondern eher ein nachdenkliches Bild über Deutschland erzeugen. Parallel dazu las ich die komplette Beat Generation rauf und runter, dazu noch die Amerikaner Miller und Bukowski. Wenn etwas ein Feuer gegen das Bürgertum erzeugt, dann solche Bücher. Später kam einiges dazu, aber rückblickend kann ich sagen, dass diese Autoren den Grundstock erzeugten, nachdem ich der Jugendliteratur entwachsen war.

Wenn es um die Deutsche Geschichte ging, habe ich immer versucht, aufmerksam Zeitzeugen zuzuhören. Einer meiner Großväter erzählte mir, wie er die Nazis damals erlebt hatte. Sie wollten ihn in die Hitler Jugend stecken. Dafür sollte er sich einen Tornister, eine Decke und anständige kurze Hosen besorgen. Er hatte nichts von dem, deshalb warfen sie ihn wieder heraus. So etwas ähnliches wie Markenverständnis schien es bereits damals zu geben. Meine Urgroßmutter wanderte zwischen Polen und dem Deutschen Reich durch die Wälder immer hin und her. Ihre Tochter entwickelte eine Aversion gegen die Bekennende Kirche, weil die nicht nur die Nazis segneten, sondern nach dem Krieg die gleichen miesen Heuchler wieder an oberster Stelle standen. Mein anderer Großvater war wie der Rest des Familienzweigs in der KPD und einer wurde zum Widerstandskämpfer. Zumindest haben sie nur ihn diesbezüglich zu Haft und Aberkennung der Ehre verurteilt.

Durch Heirat lernte ich die andere Seite der Deutschen kennen. Einer der Alten war in einer Napola ausgebildet worden. Seine Frau hatte sich für ihn von ihrem Mann getrennt, der sich wegen seiner Führungsrolle bei der IG Farben in die Schweiz absetzen musste. Die hatten so etwas wie einen Nationalstolz. Stets sagten sie, man dürfe das Dritte Reich nicht nur an seinen Gräueltaten messen. Gewalt und Kriminalität habe es nicht gegeben in Deutschland. Selbstverständlich abgesehen vom Krieg, dem Holocaust und der Gewalt an Kritikern, aber die Asozialen, habe es nicht gegeben und wenn, dann wusste man mit ihnen umzugehen.

Nationalstolz und Patriotismus? Ich bin kein Historiker. Aber bei allem, was ich über die Deutsche Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts weiß, lief alles nach und nach auf die Katastrophe 1933 zu. Ich habe mich mal spaßeshalber in der Frankfurter Paulskirche ans leere Rednerpult gestellt und überlegt, was wohl einer der alten Versammlungsteilnehmer den Deutschen zu sagen hätte. Ich glaube, da wäre nichts Gutes bei herausgekommen.
In den Tagen des Jahres 1989 wusste ich, dass ich einen historischen Augenblick erlebe. Damals als junger West – Berliner Polizist war ich mitten im Geschehen. Innerhalb weniger Stunden standen sich West und Ost – Polizei in einem Büro Auge in Auge gegenüber. Besonders den älteren Kollegen waren die gemischten Gefühle in den Gesichtern anzusehen. Immerhin war man noch vor ein paar Tagen bereit gewesen, aufeinander zu schießen. Nicht wenige hatten in den Monaten zuvor darüber diskutiert, wie sich die Lage im Osten entwickelt, und dass das Übel ausgehen kann. Im Prinzip schloss keiner einen zweiten 17. Juni aus. Was danach folgte, war ein Lehrstück in Deutscher Geschichte. Die ganz harten Fälle wurden aussortiert, viele davon gingen nach Brandenburg und wurden wieder eingestellt. Der Rest wurde nicht müde allen zu erklären, dass sie schon immer dagegen gewesen wären und einfach nur ihren Job bei der Volkspolizei, wie alle anderen auch, gemacht hätten. Bei vielen mag das auch zu treffen, aber nicht wenige trafen mit eisigen Blicken aufeinander. Der Beobachter wusste genau: Da ist noch eine alte Rechnung offen.

Wir hatten viel Redebedarf miteinander und parallel änderte sich unmerklich, aber nachhaltig die Gesellschaft. Das Mobiltelefon und das Internet traten ihren Siegeszug an. Ich bin seither ein wenig in Deutschland herum gekommen. In den Dörfern und mittleren Großstädten der alten Republik wissen die wenigsten etwas von den neuen Bundesländern, waren jemals dort oder haben sich Gedanken über die Kultur und Gesellschaft der DDR gemacht. Das politische Interesse an Hintergründen war in Deutschland schon immer ein wenig beschränkt. Jeder West – Berliner kennt die dümmliche Frage, die einem in anderen Städten gestellt wurde. «Kommst Du aus West- oder Ost Berlin?» Den Normalbürger interessieren solche Kleinigkeiten nicht.

In West – Berlin waren die Leute aufgrund der besonderen Lebenssituation schon vor 1989 interessierter und danach aus praktischen Gründen, denn der ehemalige Osten war plötzlich Teil der Stadt und man lebte zusammen. Ehemalige West – Berliner haben sehr feine Antennen für alles, was seine Grundlage in der DDR Geschichte hat. Doch in unserer Zeit müssen wir nicht mehr voreinander stehen. Social Media machen es möglich, dass ich nicht einmal mehr weiß, ob sich hinter einem Account eine Frau oder ein Mann verbirgt. Erst recht weiß ich nichts über die Herkunft oder das Alter. Ich bin kein Soziologe, aber ich habe das Gefühl, dass sich auch einige kulturelle Aspekte der ehemaligen DDR, ausgehend von 16 Millionen Menschen, nach und nach auf das gesamte Deutschland ausbreiten. Ohne näher darauf einzugehen, ich habe nicht das Gefühl, dass es die besten Errungenschaften sind.

Letztens sah ich mir die Videoaufnahme des Ortsverbandes der Sächsischen Schweiz-Osterzgebirge AfD an. Da ist die Zeit stehen geblieben. Exakt so habe ich die ehemalige DDR kurz nach dem Mauerfall kennengelernt. Wer beim Zuhören die Augen schließt, kann die Intonation alter DDR – Politkader noch deutlich heraus hören. Und auch wenn Sachsen schon immer eine Kaderschmiede der DDR war, befürchte ich, dass es in Thüringen und Mecklenburg – Vorpommern nicht viel anders aussieht. Ich kenne diese Gasthäuser auf dem platten Land in den neuen Bundesländern, wo man beim Betreten das Gefühl hat in einer Wildwest Szene gelandet zu sein. Der Fremde kommt in den Saloon und alle Gespräche enden schlagartig. Wehe dem, der die falsche Hautfarbe hat oder die Haare zu lang trägt. Ich habe auch keine Ahnung, welcher politische Wirrkopf auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet in Cottbus Heime hinzustellen. Die traurige Wahrheit ist nun einmal, dass es Gebiete in Deutschland gibt, die aufgegeben wurden. Aus Rostock – Lichtenhagen und Hoyerswerda hat man nicht viel gelernt. 1991 flammte das Feuer auf und wurde niemals gelöscht, überall glühen die Brandnester und warten nur auf ein Aufflammen.

1989 hätte es für mich eine echte Chance gegeben zum Patrioten zu werden. Ich hätte in die Welt hinaus gehen können und auf Reisen berichtet, wie stolz ich auf mein Land bin, dass wir aus zwei Teilen Deutschlands, wovon einer immerhin 40 Jahre unter einer Diktatur litt, ein Land gemacht haben, welches offen ist und eine internationale Botschaft hat. Gern hätte ich erzählt, dass wir aus unserer Geschichte vieles gelernt haben und damit als Vorbild fungieren. Zu den Erfahrungen gehören auch die Mauertoten. Unvergessen sind die Geschichten, bei denen Grenzer der DDR auf Flüchtlinge schossen und die West – Berliner Polizei zurückschoss, um ein Menschenleben zu retten. Es ging niemals darum, einen Deutschen zu retten, sondern es ging um Menschen, die von denen drüben abgeschlachtet wurden. Meine Generation hat auch nicht die vielen Flüchtlinge aus der DDR vergessen, die erst einmal in Aufnahmelagern landeten. Heute stellen sie sich auf den Standpunkt, dass sich ja immerhin Deutsche untereinander geholfen hätten. Blödsinn! Wir halfen Menschen, da war es vollkommen egal, ob nun DDR oder was anderes.
Wir nahmen als West – Berliner dafür auch in Kauf, dass in den Bussen immer nur zwei frei gekaufte politische Häftlinge saßen und der Rest Kriminelle waren, derer sich die DDR entledigen wollte. Einige dieser «Glücklichen» starteten dann im Westen eine erfolgreiche kriminelle Karriere.

Doch leider haben wir nichts gelernt. Gekrönt wird alles vom neuesten Propagandafeldzug der AfD. Die Bürger der alten Bundesrepublik Deutschland wurden 75 Jahre mittels linker Propaganda geistig vernebelt und sind deshalb unerfahrener als die ehemaligen DDR – Bürger, die 1989 die Wende herbei führten. In den letzten Wochen peitscht die AfD diese These in die Köpfe. Das ist derart skurril, dass sich jedes Wort hierzu erübrigt.
Ich lebe 2018 in einem Deutschland, in dem Millionen von Menschen diesen Parolen auf den Leim gehen. Mit Schaudern erfüllt mich die Menge an Staatsanwälten und Richtern, die sich an diesem Spiel beteiligen. Recht und Gesetz sind wichtige Schaltstellen in einer Gesellschaft. Es beruhigt mich auch nicht, dass es angeblich nur wenige sind. Wenn bei der Berliner Justiz ein AfD Mitglied, wie Roman Reusch zum Leitenden Oberstaatsanwalt aufsteigen kann, stinkt die gesamte Hierarchie. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Republikaner soweit aufsteigen konnten. Aber das sind nur Teilaspekte eines Gesamtbilds, welches ich von Deutschland gewonnen habe. Hinzu kommen noch die immer mehr geduldeten Aussagen, der sich wie Gift ausbreitende Hass, die Deutschtümelei, das unsägliche Gerede von einer überlegenden deutschen Kultur usw..
Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer Neuköllner Eckkneipe, in der die Säufer mit dem flachen Hintern hinter vorgehaltener Hand nach einem rufen, der mal wieder Zucht und Ordnung in Deutschland herstellt. Für solch ein Land kann ich keinen Patriotismus oder gar Nationalstolz entwickeln.

Als wir im zurückliegenden Sommer als Spandauer, Jung und Alt vereint, den Rechten zeigten, dass sie in bei uns nichts zu suchen haben, war ich stolz auf den Bezirk, in dem ich wohne. Damit kann ich mich anfreunden. Grinsend denke ich an das Gesicht des Polizisten zurück, der mir sagte, dass diese Blockaden rechtswidrig wären und ich ihm sagte: «Nicht nach Spandauer Landrecht!»

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