1. Mai und die Sensationsgeilheit der Presse

Der 1. Mai wurde in Berlin weitestgehend friedlich zelebriert. Sicherlich mag sich die Frage stellen, inwiefern das My Fest in Kreuzberg noch etwas mit dem Hintergrund zu tun hat. In den Wochen davor versuchte sich die AfD erneut an einer Propaganda, die aus alten Tagen stammt. Wobei die offensichtlich immer mehr dem Altersstarrsinn verfallende Frau Steinbach zwar gedanklich mit der Partei assoziiert ist, jedoch noch nicht Mitglied ist. Aber wie üblich twitterte sie ganz im Sinne der AfD, dass der Mai – Feiertag von den Nazis erfunden worden wäre, mit den echten Arbeitern habe dies alles nichts zu tun. Nun, 1929 war es immerhin die KPD, die zur Demonstration im Wedding aufrief, und von der anrückenden preußischen Polizei niedergeschossen wurde. Aber die geistigen Verwirrungen der AfD und Anhängern wie Frau Steinbach wundern mich nicht mehr.

Ich selbst ging nicht zum demonstrieren hin, sondern wollte die Gelegenheit nutzen SLIME noch einmal auf der Bühne zu sehen. Leider waren die Informationen zur Uhrzeit des Auftritts arg undurchsichtig, weshalb ich viel zu früh da war und mir dann doch das gesamte My Fest ansah. Den Görlitzer Park habe ich mir erspart. Ich gebe zu, die Veranstaltung habe ich nicht verstanden.

In Kreuzberg präsentierten sich an den legendären Plätzen der Krawalle das andere Deutschland. Eines, dass den Anhängern der AfD den Blutdruck hochschnellen lässt. Jung, bunt, durchmischt, schräg, schrill, aufgeschlossen und manchmal auch mit einer politischen Botschaft ausgestattet. Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Polnisch und Arabisch war überall zu hören.

Obwohl reichlich Alkohol ausgeschenkt wurde, kam zu keinem Zeitpunkt eine aggressive Stimmung auf. Vollkommen deplatziert muteten Clan Anführer an, die plattfüßig und aufgeplustert über den Heinrichplatz watschelten. Ich bezweifle auch, dass die drei rumänischen Bettlerinnen ansatzweise wussten, wo man sie hingesetzt hatte.

Die an sich geschlossene Rote Harfe mutierte zur Techno Disko und der Elefant hatte die Rollläden unten. Einzig der Trinkteufel hielt die alte Fahne hoch. Da konnte einem schon ein wenig wehmütig ums Herz werden. Die Stimmung an der „Coretex Bühne“ faszinierte mich. Eine Ansammlung von Leuten, denen im Allgemeinen seitens der Bürger alles zugetraut wird, tanzte Pogo. Über Stunden hinweg blieb jeglicher Stress aus. Kleinere Rangeleien wurden untereinander sofort mit Unterstützung alter erfahrener Leute friedlich geregelt. Weit und breit zeigte sich keinerlei Polizei – exakt das funktionierte. An vielen Ecken musste ich feststellen, dass die Fans gemeinsam mit den Musikern gealtert sind.

Selbstverständlich spielte SLIME gegen 22:00 Uhr „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ und die Stimmung kochte im positiven Sinne. Viele in die Jahre gekommenen, oftmals sehr etabliert aussehende, alte Punkrocker sangen aus vollem Hals. Sie hätten auch singen können: „Nehmt das, Ihr rechtes Pack!“ Es ging niemals um diese eine Deutschland, sondern das Deutsche, welches uns die negativen Klischees in der internationalen Welt eingebracht hat.

Am 2. Mai zeigte sich dann dieses Deutschland wieder. Überall steht in der Presse: Wider den Befürchtungen, verlief der 1. Mai ohne Krawalle. Dank des tollen besonnenen Einsatzes der Polizei blieb alles ruhig. In einem Blatt stand: Der Einsatzleiter Wulff, einer der erfahrensten Polizisten Berlins regelte alles. Wer schreibt so etwas? Ja, der „Locke“ Wulff ist ein erfahrener Polizist, einer von sehr vielen. Himmel, braucht Deutschland immer einen Personenkult? Da waren noch deutlich erfahrenere Polizisten auf der Straße unterwegs.

Doch mich persönlich ärgert etwas anderes. Der Tagesspiegel ließ sich zum Beispiel dazu hinreissen, die Teilnehmer der Revolutionären Mai Demo quasi zu verspotten. Ätsch! Ist vorbei mit der Randale! Die Bürger haben sich den Kiez zurückgeholt. Wie lange ist der G20 her? Das war noch nie anders … sie lauern auf ihre Chance. Wenn nicht dieses Mal, dann ein anderes Mal. Muss man sie seitens der Presse auch noch reizen? Warum? Damit die Sensationsgeilheit befriedigt wird? Kann man nicht einfach sagen: Klasse! War friedlich, Dank, an alle Teilnehmer. Danke an Coretex und die Rykers, die ein über Stunden gehendes friedliches Punk – Konzert organisierten. Die vielen kleinen Dinge auf dem Kiez haben den Frieden aufrecht erhalten. Die Polizei hat sich im Wesentlichen aus dem Kiez herausgehalten. Die können es also weder auf dem Heinrichplatz, O – Platz, SO36 nicht gewesen sein. Amüsiert beobachtete ich einen alten abgehangenen grauhaarigen Veteran, der mit seinem Hund, der ihn mit Sicherheit schon gute 15 Jahre begleitet, ohne Leine in der Ohlauer Str. spazierte. Der Typ trug eine Thälmann Mütze, speckige Hosen und Latschen. Sein Alter schätzte ich auf etwas über 60 Jahre. Zwei Ordner wiesen ihn mit energischen Ton darauf hin, dass er den wahrlich alten krummbeinigen ergrauten Schäferhund anleinen müsse.

Er warf ihnen wortlos ein Blick zu, der sie unvermittelt als lächerliche Figuren dastehen ließ. Wirklich? Ist das Euer ernst? Auch Leute wie er, die lässig auf den einen oder anderen Jungen einwirkten, erzeugten auf dem Fest die Ruhe. Am Ende wurden aus zwei Ordnern erfahrene Polizisten. Man muss in diesem Job auch mal Fünfe gerade sein lassen.

Aber die Presse bekommt ausschließlich einen Gedankengang hin. Feindbild aufrecht erhalten und den Leuten unterstellen, dass sie gerne gewollt hätten, aber die Polizei hat es verhindert. Ich unterstelle den Extremisten deutlich mehr Grips. Kreuzberg mit dem anwesenden Publikum war einfach keine gute Gelegenheit. Und das ist dem Fest- und Demoteilnehmern zuzurechnen. Sonst wären sie in die Seitenstraßen ausgewichen und hätten die alte Kleingruppentaktik wieder aufleben lassen. Das deutsche Bürgertum war am 1. Mai mit Sicherheit nicht in Kreuzberg unterwegs.

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