Mein Deutschland …

(Anmerkung zum Beitragsbild: Aufnahmeort: Geschützturm des ehem. polnischen Munitionsdepots auf der Westerplatte, Ausbruchsort des II. Weltkriegs am 1.9.1939)
In Neustadt/Weinstraße auf dem Hambacher Schloss feierten gestern die selbsternannten Patrioten; Karl Marx und seine Prophezeiungen haben 200 jähriges Jubiläum; in den „Social Media“ keifen die „Law and Order – Strategen“ und die Vertreter der AfD spielen die Zeugen Jehovas der Politik. So, wie sie das Ende des Abendlandes, Europas und der Deutschen prophezeien, wird immer häufiger im Bekanntenkreis das Ende der uns bisher bekannten Welt diskutiert.
Da erscheint es mir angezeigt, mir ein paar eigene Gedanken über das Land zu machen, in dem ich geboren wurde und bisher lebe. Vorgestellt wurde mir Deutschland, als ein Land, das es geschafft hat aus den Trümmern aufzustehen. Dem Erzählen nach wandelte es sich von einer fürchterlichen Diktatur zu einem Bollwerk der Demokratie. Ich lernte in der Schule und in meinem Umfeld, dass hier nicht alles schön ist, aber immerhin besser, wie anders wo. In diesem Ausmaß fänden sich deutsche Standards, Sauberkeit, Fleiß, Ordnung, Kultur und vieles mehr, nirgendwo auf dem restlichen Teil des Globus. In Ermangelung von Vergleichswerten nahm ich das hin und vertrat diese Meinung selbst. Die mir das beibrachten, waren nicht der einzige Faktor, der mich dieser Sicht von Deutschland folgen ließ, sondern dies war sicherlich auch meinem persönlichen Entwicklungsstand geschuldet.
Mit meiner heutigen Lebenserfahrung gehe ich an das Thema anders heran. Spontan fällt mir der Satz ein: Wer alles richtig macht, kann damit vieles falsch machen.
Erklärt wurde mir Deutschland von Angehörigen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration und zwar im ersten Anlauf aus der Perspektive des ehemaligen Proletariats. Später kamen Gymnasium, dann die Sicht der der neuen Mittelschicht und noch später die der Exekutive, hinzu. Meine Großeltern hatten den Krieg erlebt und meine Eltern wurden in die Trümmer hineingeboren. Ich selbst geriet ins Wirtschaftswunder hinein. Mein erster gedanklicher Stolperstein liegt in der unmittelbaren Zeit vor und nach dem Kriegsende.
Die Alliierten waren sich nicht einig. Da gab es etwas in der Kultur und im Wesen der Deutschen, dass ihnen unheimlich war. Bereits 1944 forderte Henry Morgentau in 14 Punkten Maßnahmen, die verhindern sollten, dass Deutschland jemals wieder zu einer europäischen Mittelmacht heranwachsen könnte. Geopolitische Aspekte verhinderten die vollständige Umsetzung. Entgegengesetzt zu seinen Vorstellungen bekamen die Bundesrepublik Deutschland und die DDR wieder eine Armee, durften in Uniformen durch die Gegend spazieren und hielten im Stechschritt Paraden ab.
Der Angst vor dem Kommunismus, die die Alliierten trotz aller Geschehnisse im Dritten Reich mit den Deutschen Führungskräften teilten, wurde vieles geopfert. Die alten Nazis tauchten überall im öffentlichen Leben wieder auf. Sie bastelten fleißig am Fundament des neuen Deutschlands mit. Auf diese Art konnten Zucht und Ordnung überleben, denn nur so kann ein Land angeblich funktionieren. Dagegen sträubten sich einige Studenten am Ende der Sechziger. In meiner Schulzeit hatte ich das bisweilen zweifelhafte Vergnügen beide zu erleben. Zumeist in den alten humanistischen Fächern, standen die alten Knochen am Pult. In den Naturwissenschaften waren es eher die Neuen. In Deutsch und Kunst hatte ich das große Glück, echte Intellektuelle kennenlernen zu dürfen, deren Gedanken noch heute in mir nachwirken. Sie lehrten mich, die alte deutsche Gesellschaft zu Hinterfragen. Ich erfuhr von ihnen einiges über die Sprache, Gleichschaltung, Säuberung, Entartung, Obrigkeitsdenken, Philosophie, Propaganda, Gesellschaftsstrukturen usw.. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viel Wissen über eine gute Literaturauswahl und Vermittlung einer analytischen Betrachtung der Künste, transportiert werden kann. Erst kürzlich sah ich mir mal wieder das Bild „Stützen der Gesellschaft“ des Malers George Grosz an. Die Aktualität des Gemäldes jagt einem einen Schauder über den Rücken. Remarque, Brecht, Böll, Huxley, Orwell, selbst Goethe, Fontane, Heine, Kant, Nietzsche, Habermas, tragen nicht wirklich zur Beruhigung bei.
Wer alles richtig macht …! War es nicht genau diese Zucht und Ordnung, die einen straff durchorganisierten Genozid möglich machte? War es nicht dieses Prinzip, dass Intellektuelle, Kritiker, Querdenker, soziale Opfer und gestrauchelte Menschen, in die Konzentrationslager brachte?
Jene sture Akzeptanz der Obrigkeit in Verbindung mit der Einhaltung von Regeln, ermöglichte Handlungen, die man einem Menschen kaum zutrauen mag. Disziplin mag zu Erfolgen führen, aber muss man sich nicht manchmal auch die Frage stellen, ob man den überhaupt haben will? Am Ende gewinnt immer die Armee mit der größten Disziplin, wenn sie nicht gerade per Masse niedergerungen wird. Andererseits verleitet eine gut aufgestellte Armee auch zur Annahme, dass man es mal mit einem Krieg versuchen könnte.
Oftmals sind es die militärischen Fehlleistungen, die mich beruhigen. Wer will schon mit einem spaßorientierten desolaten Heer in den Krieg ziehen? Jeder Straftäter, egal was er unternimmt, ist auch immer ein Zeichen dafür, dass der perfekte Sicherheitsapparat nicht existiert. Weiterhin wird es offensichtlich nicht verschwiegen, sondern es wird darüber in der Presse berichtet.
Das Gegenteil erlebten wir im Nationalsozialismus und in der DDR. Doch diese Sichtweise ist alles, aber nicht deutsch. In wesentlichen Teilen der Gesellschaft sind das Störungen der angestrebten perfekten Ordnung, die ausgemerzt werden müssen. Was dabei heraus kommt, ist ein penibel aufgeräumtes Kinderzimmer. Jeder Kriminalbeamte und Sozialarbeiter weiß, dass es so etwas nicht gibt. Sieht er eins, gehen bei ihnen alle Alarmglocken an. Hier stimmt etwas nicht! Psychologen werden aufmerksam, wenn sie einen Menschen erleben, der versucht alles perfekt zu machen. Zumeist liegen dem Verhalten Zwangsstörungen zu Grunde.
Wie gesagt, vieles wurde mir erzählt und ich übernahm es. In der Regel interessiert mich die Herkunft einer historisch bedeutsamen Entdeckung oder Erkenntnis sekundär. Hauptsache einer hat sie irgendwann gemacht. Es ist unerheblich, ob nun die Grundlagen der Mathematik im alten Griechenland, Vorderasien oder Asien gelegt wurden. Was interessiert es mich grundsätzlich, in welchen Land unsere Buchstaben, Zahlen, Kartoffeln, Kaffee, das Rad, die Dampfmaschine, der PC, der Kategorische Imperativ, die Psychoanalyse, die Kernspaltung usw. erfunden wurden?
Bei dem einen oder anderen Thema mag es relevant sein, vor welchen historischen Hintergrund etwas entstand. Kunst und Philosophie bleibt unzugänglich, wenn ich nicht gleichzeitig den historischen Kontext kenne. Wer im Jahr 2018 die Aussagen aus einer vergangenen Epoche „Eins zu Eins“ mit den Augen eines heute lebenden Menschen sieht – ist schlicht dumm! Entscheidungen und Aussagen können immer nur aufgrund des Wissenstands vorher und nicht anhand der Zeit danach beurteilt werden. Manchmal ist etwas bei verständiger Betrachtung absehbar, dennoch ist die Komplexität des Lebens, erst Recht die der Geschichte, viel zu hoch.
Deshalb begreife ich einen Patriotismus nicht, der darauf basiert, sich mit den Errungenschaften der vergangenen Tage zu brüsten. Im Verhältnis zu den Chinesen, Griechen, Ägyptern, Arabern müssten wir uns dann sehr klein fühlen. Die Zerstörung des Feudalsystems verdanken wir den Franzosen, die Industrialisierung den Engländern, vieles in der Kunst den Niederländern und den Italienern. Was wären wir ohne die alten Griechen? Mich erinnert diese künstliche patriotische Diskussion stets an den Film „Das Leben des Brian“. In einer Szene diskutiert die Volksfront von Judäa, wohlgemerkt nicht die Judäische Volksfront, über die Wohltaten der Römer.
„Mal abgesehen von sanitären Einrichtungen, der Medizin, dem Schulwesen, Wein, der öffentlichen Ordnung, der Bewässerung, Straßen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan?“

Solche Betrachtungen bringen niemanden weiter. Wenn ich mich überhaupt mit einem Deutschen Patriotismus anfreunden könnte, dann mit den Leistungen der Gegenwart. Was passierte mit den Deutschen nach dem Krieg? Es herrschte Mangel, Not und Elend. Aufbau aus dem Nichts heraus war angesagt. Da gab es wenig Spielraum für Gefühle, „Savoir – Vivre“, Schöngeist, Geisteswissenschaften. Die Menschen mussten funktionieren. Das ist ein sehr eingeschränktes Leben. Dann ging es ihnen besser und sie schauten zurück. Es entstanden Begriffe wie „Arme – Leute – Essen“. Eintöpfe, Gemüse, Suppen, wurden vom Speiseplan verdrängt. Fleisch, Wurstbelag, Butter, Kaffee in rauen Mengen, teurer Alkohol mussten her.
Heute leben wir dekadent in einer Dienstleistungsgesellschaft. Handwerksbetriebe verzweifeln an der Grundausbildung ihrer Lehrlinge. Jugendliche leiden an motorischen Störungen, weil sie nicht mehr auf der Straße spielten. Einfachste Dinge des Lebens sind ihnen nie beigebracht worden. Obwohl die Wissenschaft mannigfaltige Erkenntnisse über die geistige Entwicklung eines Menschen auflieferte, befinden wir uns der Schulausbildung immer noch in der Steinzeit. Nicht wenige Strukturen haben sich seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht verändert.
Ich gehöre zu den Menschen, die sich selbst einige Prüfungen auferlegten. Mich interessierte, wie es sich anfühlt, keinen sicheren voraussehbaren Schlafplatz zu haben. Wie ist es, wenigstens mal eine Nacht in einem sogenannten Slum zu verbringen? Wie wird man angesehen, wenn man als Bettler auf der Straße sitzt? Wo liegen meine körperlichen Grenzen? Was machen Panik und Angst aus mir? Ich habe meine Rückschlüsse daraus gezogen. Auf dieser Basis kann ich wenigstens den Versuch unternehmen, mich in die Lage eines Anderen zu versetzen. Hierzu ein simples Beispiel:
In Vietnam kaufte ich mir eine Busfahrkarte nach Laos. Eigentlich eine simple Angelegenheit, wenn man sich mit den Schriftzeichen, der Sprache und den Gepflogenheiten auskennt. Ich wusste nichts von den genannten Dingen. Wie bei einem Bild suchte ich ein Pendant zu den Zeichen auf meiner Fahrkarte und bestieg den Bus in der Hoffnung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Als der Bus hielt, wusste ich nicht, ob es sich um eine Pause handelte oder ich bereits angekommen war. Diesmal war ich auf meine Beobachtungen angewiesen.
Ein Jahr danach, verstand ich die hilflosen Blicke eines fremd aussehenden Reisenden am Busbahnhof Berlin. Mit Sicherheit geht es auch vielen Flüchtlingen so. Bei mir war es nur eine Episode mit dreifachen Netz. Immerhin hatte ich ausreichend Dollar und einen international anerkannten Pass in der Tasche. Dennoch passierte in mir einiges.
Eben dieses kann ich von jedem anderen Deutschen erwarten. Wer eine sichere Unterkunft hat, weiß wo er die Nacht über schlafen kann, über Wasser aus der Wand verfügt, eine Option hat seine Notdurft zu verrichten, dessen Hunger keine Übelkeit erzeugt, Bedürfnisse mit Geld befriedigen kann, befindet sich in einer Lage, in der er über seine niedrigen Instinkte hinaus denken kann. Dieser Mensch hat die Voraussetzungen auf einer Meta – Ebene über Frustration, Aggressionen, daraus resultierender Kriminalität, Auftreten im Ausland, Lebensstil und vieles andere nachdenken.
Selbst über einen freiwilligen Verzicht, ein weltweit seltener Luxus, kann dieser Deutsche sinnieren. Denn wer soll auf etwas verzichten, was er nicht hat? Denken, mitfühlen, helfen, unterstützen, analysieren, Solidarität entwickeln, sind alles Handlungen, die erst möglich sind, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Doch sind das heute in der Breite geforderte, akzeptierte und politische Ziele in Deutschland? Verfolge ich Reden von CDU/CSU, AfD, FDP, SPD Mitgliedern, muss ich dies Verneinen. Lese ich die Kommentare in den Social Media, fällt mir ohnehin nichts mehr ein. Einer unter vielen anderen Schritten in die richtige Richtung wäre die Rückbesinnung auf das Individuum, anstatt Menschen ständig in abstrakte Gruppierungen aufzuteilen. Alles andere ist ein Rückfall in die Zeit des Nationalsozialismus, in der dieses bewusst praktiziert wurde, um Gräueltaten an stigmatisierten Gruppen möglich zu machen.
Teile der in Deutschland lebenden Bevölkerung bezeichnen Menschen, die ihre Lehren aus der sprachlichen Manipulation der Menschen gezogen haben, als Gutmenschen. Die Steigerungsform davon ist „linksversifft“. Sie sind nicht in der Lage zwischen einem Verstehen, dem Nachvollziehen eines Verhalten und ein für Gut befinden zu unterscheiden. Ihre Antworten sind reflexartig, hysterisch und von Propaganda gesteuert. Dabei ist es ein simpler Prozess, den jeder Bauer kennt. Gebe dem Schlachtvieh niemals einen Namen, sonst stirbt es an Altersschwäche.
Viele sind von Gier getrieben. Deutschland war 1945 und auch danach nicht am Elend der restlichen Welt unbeteiligt. Betrachte ich Deutschland, als einen Menschen ergibt sich für mich folgendes Bild. Dieser Mensch wäre dann mein Vater. Er hatte eine entwurzelte gewaltsame Kindheit, die daraus entstandene Identitätskrise machte ihn für die Anstiftung zu einem ersten Verbrechen anfällig. Die Resozialisierung ging schief und es folgte ein einzigartiges Horrorszenario. Bereits die Alleinstellungsmerkmale geben Hinweise auf die Persönlichkeit. Andere Verbrecher haben unter Umständen sogar mehr Opfer zu verantworten. Aber keiner in der Kürze der Zeit, mit einer derartigen perfiden Konsequenz, durchorganisierten Struktur und abartigen Ziel. Dafür stellte man ihn vor Gericht. Die Richter erwiesen sich als gnädig. Da er nicht auf den Kopf gefallen war, machte man ihn zum Söldner gegen andere Verbrecher. Die Wiedergutmachung des angerichteten Schadens und die Entschädigung der Opfer wurden ihm weitestgehend erlassen.
Seine Werkzeuge bekam er zurück, gleichermaßen beließen sie ihm Teile seiner Persönlichkeit. Heute würde man sagen, sie machten sich das erlangte Wissen aus dem Verbrechen zu Nutze. Anschließend gründete er eine Familie mit Kindern. Wie alle Kinder von Verbrechern haben sie ein ambivalentes Verhältnis zu ihm. Einerseits ist er der Böse, andererseits aber auch der Vater. Sie kümmern sich wenig darum, wie er die Familie ernährte. Ihnen ist es egal, dass die Familie für immer hätte Not leiden müssen, wenn die Richter ein weniger mildes Urteil gefällt hätten. Erwachsen werden, bedeutet auch, sich differenziert mit dem Leben der Eltern auf der Basis der eigenen Lebenserfahrung auseinanderzusetzen. Warum fällten die Richter dieses Urteil? Warum wurde der Vater zum Täter? Was sahen die Richter in ihm? Welche Vorteile für sich selbst, erkannten sie in seiner Persönlichkeit?
Selbstverständlich kann ich, der Sohn dieses Vaters, nicht für seine Taten verantwortlich gemacht werden. Für mein eigenes Leben ist es aber wichtig, auf Spurensuche zu gehen, damit mir nicht sein Schicksal widerfährt, welches fürchterliches Leid über andere brachte. Es steht mir nicht zu, mich über andere zu erheben, denen mein Vater alles wegnahm. Noch weniger sollte ich auf die Idee kommen, andere Familienstrukturen zu kritisieren, wenn meine vor dem Hintergrund der Taten eher zweifelhaft sind. Vielmehr sollte ich mir neugierig die Strukturen von Unbeteiligten ansehen. Auf jeden Fall sollte ich argwöhnisch alles untersuchen, was aus der Jugend meines Vaters stammt.
Summasummarum kann mir niemand verbieten, meinen Vater in einer Art von Kinderliebe, zu ehren. Aber ich muss mir immer darüber bewusst sein, wer mein Vater war und ist. Der Sohn lernt von den Erfahrungen, Erfolgen und Fehlern des Vaters. Zusammen mit den eigenen ergibt sich daraus ein eigenes Leben. Exakt hier scheitern immer größer werdende Anteile der deutschen Bevölkerung. Eine Freundin sagte mal zu mir: Erst wenn meine Eltern gestorben sind, kann ich ein eigenes Leben führen. Der klassische Fall eines nicht vollzogenen Ablösungsprozesses. Prinzipiell zitierte sie die Punkband SLIME, die ich in diesem BLOG immer mal wieder erwähne. „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“
An dieser Stelle sehe ich Deutschland und die Geschehnisse der zurückliegenden 30 Jahre. Es wäre die Aufgabe meiner Generation gewesen, sich gegenüber diesem Vaterland Deutschland zu emanzipieren. Der richtige und gesunde Ablauf der Dinge wäre es gewesen, wenn wir ein eigenes Deutschland gegründet hätten. Vollzieht sich der aktuell zeigende Prozess weiterhin, sind wir dabei grandios zu scheitern. Dann bleibt uns nur noch die Rebellion unserer Kinder, die brachial die Strukturen zerstören müssen. Die Babyboomer in Deutschland gehen dann als ein langweiliges Intermezzo zwischen den Ereignissen ein, die eine Gestaltung versäumten und einfach nachmachten, was der Vater lebte.
Die von der CDU/CSU, AfD, geforderte konservative Revolution ist nichts anderes, wie die Rückkehr zu Mama und Papa. Wir Kinder sind in die Welt hinaus gezogen, haben es nicht auf die Reihe bekommen, jetzt machen wir halt wieder das Alte, mit dem Risiko wieder straffällig zu werden. Diese Form der Vaterlandsliebe ist nicht meine Lebensart. Ich sage den Leuten lieber: Pass mal auf, ich komme von dort, meine Familie hat folgende Erfahrung gemacht, deshalb bin ich an dem Punkt losgelaufen, habe meine eigenen Lehren gezogen und jetzt steht hier ein Ergebnis. Dieses setzt sich aus dem Alten und dem Hinzugefügten zusammen. Den alten Kram muss ich nicht wiederholen; ich kann mich auf das Neue konzentrieren.
Menschen, die sich aus schwierigen Familienverhältnissen zu einem weisen und klugen Mitglied der Gesellschaft entwickelt haben, verdienen Respekt. Bis Mitte der Achtziger hatte ich diesen vor Deutschland und der sich damals abzeichnenden Entwicklung. Heute bin ich enttäuscht, dass ausgerechnet Leute meiner Generation und deren Kinder eine Konservative Revolution fordern, einer längst überwunden gedachten Religiosität verfallen, nicht in der Lage sind Propaganda entgegen zu wirken, sich für die Krönung der Schöpfung halten und einen internationalen Schwanzvergleich anstellen. Wir schlagen, wie der Vater die kriminelle Karriere ein. Es begann mit Delinquenz, entwickelte sich weiter zu ernst zunehmenden Taten und läuft am Ende auf ein Verbrechen zu. Sollten wir noch Enkel erleben, werden sie mit uns weniger gnädig sein, wie die damaligen Richter.
Sie werden wenig Verständnis für die Gier nach Geld und Macht aufbringen, die Ihnen die Hinterlassenschaften bescheren. Auch werden sie uns fragen, wer von uns die glorreiche Idee hatte, Millionen Menschen verhungern zu lassen, im Meer zu ersäufen, in Lagern zusammenzupferchen, an Zäunen wie Hunde herunter zu prügeln. Wir werden uns wieder einmal der Barbarei bezichtigen lassen müssen. Kopfschüttelnd werden sie alte Ton- und Filmdokumente auswerten.
Wieder wird es zur alles entscheidenden Lebensfrage kommen: Was hast Du damals gemacht? Nein, ich werde nicht antworten: Ich wusste es nicht besser, vieles haben wir auch nicht gesehen. Ich werde sagen: Ich sah, ich wusste und ich war ein Teil davon. Aber meine Worte und die vieler anderer prallten an der Ignoranz der selbst ernannten Konservativen ab. Der Rest verhielt sich, wie sie sich immer geben. Sie suchten das Supertalent, geilten sich an nackten gerade mal volljährigen Frauen auf, verbrachten ihren Urlaub in an alte Kolonialzeiten erinnernde Ressorts, und jammerten über ihr luxuriöses Elend. Im alten Rom ließen sich die dekadenten Römer ähnlich unterhalten, ihr Ende ist von den Geschichtsschreibern dokumentiert worden. Im Kaiserreich ließen sie die „Neger“ tanzen und die Nazis erfreuten sich an „primitiven“ Darbietungen, der niederen Rassen. Erschreckenderweise ging mit all diesen historischen Entwicklungen immer ein überzogener Körperkult daher. Der ist mit das primitivste Imponiergehabe des nackten Affen. Gutturale Töne von sich gebend hüpfen die Männchen voreinander herum, präsentieren die Vorzüge ihres Körpers, während die Weibchen sich präsentieren und für die Begattung bereit halten. Schaue ich mich um, sehe ich davon einige Vertreter. So sieht es aber nur im unteren Teil des Affenfelsen aus, weiter oben müssen die Kreditkarten die Mankos ausgleichen. Letzteres bezeichnen wir dann mit dem Wort: Zivilisation.
Dieses Deutschland, für das diese rückwärts gewandten Menschen stehen, muss sterben, damit ein neues vorbildliches Deutschland, an Erfahrungen gereift, mit Weisheit und Weitsicht beseelt, leben kann.

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