Polizeigewalt? Na ja …

In der Presse und in den Social Media wird mal wieder über Polizeigewalt diskutiert. Auf die ursprünglichen Sachverhalte will ich gar nicht eingehen. Lese ich die Berichte und Kommentare, müssen bei den aktuell diskutierten Einsätzen hochgerechnet mindestens 1000 Beamte und ebenso viele Opfer bzw. Täter beteiligt gewesen sein. Ich bezeichne dies für mich selbst als den Bundestrainereffekt, wahlweise als den Loveparade – Effekt. Während eines Spiels der Deutschen Elf, wissen alle wie es richtig gewesen wäre, und der Beobachter bekommt den Eindruck, dass alle ehemals in der U21 mitspielten. Die erste Loveparade bestand aus einem kleinem übersichtlichen Haufen, der mit lauter Musik den Ku’damm entlang zog. Höre ich heute den Schilderungen meiner Zeitgenossen zu, müssen es theoretisch 1,5 Millionen Raver gewesen sein.

Die Beurteilung von Sachverhalten, insbesondere wenn es zu Auseinandersetzungen gekommen ist, bei denen die Polizei beteiligt war, ist aus vielen Gründen schwierig. Keiner ist frei davon, sich des Themas mit seinen persönlichen Filtern zu nähern. Das ist ein vollkommen normaler menschlicher Zug, der merkwürdigerweise selten akzeptiert wird. Hinzu kommen viele Prozesse, die nach dem Prinzip der stillen Post funktionieren. Ich möchte hierzu vier kleine Beispiele aus der Realität anbringen.

Beispiel 1:

Vor langer Zeit arbeitete ich bei der kriminalpolizeilichen Sofortbearbeitung in der Direktion City. In einem Park sammelte sich täglich das örtliche Trinkermilieu. Die Angehörigen betäubten sich mit den üblichen Mitteln: Wodka, Korn, Bier. Unter Ihnen befand sich auch ein Blinder, der regelmäßig zur Mitte des Monats seine „Stütze“ aufgebraucht hatte. In diesem Fall ist guter Rat teuer, den das Amt zahlt nicht mal eben ohne Grund. Deshalb wurde ihm mal das Geld gestohlen, ein anderes Mal hatte er es unter extrem widrigen Umständen verloren und eines Tages zeigte er einen Raub an. Mir war schnell klar, dass er mal wieder eine Schnurre erzählte, um an frisches Geld zu kommen. Irgendwie menschlich nachvollziehbar. Er hatte einige Verletzungen, mit denen er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Art sprach für einen Sturz im Suff. Er selbst konnte sie nicht sehen, insofern kann ich seinen Gedanken verstehen, dass er den Versuch unternahm, sie als Folgen einer Raubtat zu verkaufen, um erneut Geld zu bekommen. Wenn einer eine Anzeige stellt und etwas behauptet, muss dies erst einmal aufgeschrieben werden. Es war aber klar, dass die weiteren Ermittlungen im Sande verlaufen würden. Dies alles trug sich an einem Samstag in den Nachmittagsstunden zu. Am Sonntag hatte ich frei und blätterte in der BZ. Zu dieser Zeit las ich immer drei Zeitungen: die TAZ, die BZ und den Tagesspiegel. Der Vorteil bei der BZ bestand in der Regel darin, dass sie alle Ereignisse mehr oder weniger 1:1 vom Polizeiticker abschrieben. Damit sparte ich mir die Fernschreiben. Diesmal war es anders. Auf den Mittelseiten prangte das Bild des blinden „Berbers“ und die Überschrift lautete: „Jetzt rauben sie schon die Blinden aus – eine neue Welle der Gewalt zieht durch Moabit.“ Ja, das hatten sie schon in den Achtzigern im Repertoire.

Beispiel 2:

Neben anderen kriminellen Gruppierungen residieren in Berlin die professionellen Einbrecher aus dem Belgrader Bezirk Zemun. Zwei von ihnen gerieten in Streit, in dessen Folge ein Älterer einem Youngster eine Pistole auf den Kopf schlug. In diesen Kreisen eine inakzeptable Beleidigung, die nur mit Blut geahndet werden kann. Ein paar Tage später streckte der junge Einbrecher den Alten mit einer Salve nieder. Die Presse bekam die Auskunft, dass es sich um eine Fehde zwischen serbischen Einbrechern im Bereich der Organisierten Kriminalität gehandelt habe. Was macht die Presse? „Krieg zwischen Hütchenspielern – ist die City noch sicher?“ Machen wir uns nichts vor: Hütchenspieler geht immer, und der Zemun Clan ist mehr etwas für Insider, der Pöbel will damit nicht belästigt werden.

Beispiel 3:

Am 1. Mai tobte in Kreuzberg wie immer das Leben. Mitten im Getümmel befanden sich auch einige zivile Beobachter der Polizei. Die machten ihren Job so gut, dass sie von Einsatzkräften im Bundesgebiet, in der Annahme es würde sich um Demonstranten handeln, übel zugerichtet wurden. Sie hatten nichts getan, außer auf der Straße zum falschen Zeitpunkt herum zu stehen. Auch das kann passieren und ist nicht zu leugnen. Ich selbst landete schon auf einem Gruppenwagen und bekam erst nach einigen unnötigen physiotherapeutischen Anwendungen die Gelegenheit mich auszuweisen. Ich sehe das sportlich. Oft herrscht über Stunden hinweg eine sehr unübersichtliche Einsatzlage, in der alle Beteiligten den Überblick verlieren. Es soll auch schon Autonome gegeben haben, die eigene Leute verhauen haben. Wer sich in diese Situation hineinbegibt, darf sich nicht wundern, wenn er etwas abbekommt.

Beispiel 4:

Für meine Verhältnisse extrem freundlich und nachgiebig vernahm ich eine Hausbesetzerin wegen einiger kleinerer Diebstähle. Sie wusste es nicht, aber sie hatte einige Sympathiepunkte auf meinem Konto, weil ich mit dem Gebaren des Senats auch nicht konform lief. Plötzlich sprang sie auf, rannte mit voller Wucht mit der Stirn zuerst gegen die Wand, risse sich ihr T – Shirt vom Leib und brüllte: „Hilfe ich werde vergewaltigt!“ Allerdings hatte sie übersehen, dass auf dem Gang zu einer anderen Sache drei vollkommen unabhängige Zeugen herum saßen und ich die Tür einen Spalt offen gelassen hatte. Es war dann aber auch meine letzte Vernehmung, die ich mit einer Frau alleine in einem Raum durchführte.

Mit ausreichend Erfahrung und Abstand kann man an all das gelassen herangehen. Menschen machen immer genau das, was man zu lässt und sie können. Ich kann von einem anderen erst einmal keine Fairness in diesem Spiel erwarten. Selbstverständlich nutzt fast jeder die Chancen, die ihm gegeben werden. Erst wenn ich klar zeige, dass es vorbei ist und nichts mehr geht, kann ich mich auf der sicheren Seite wähnen.
Von Profis erwarte ich persönlich ein gewisses Verständnis für die Geschehnisse, die sich jenseits des warmen Wohnzimmers von Karl – Heinz und Elfriede Schubert abspielen. Profis sind für mich die üblichen Verdächtigen, die aufeinandertreffen. Journalisten, Polizisten, Feuerwehrleute, Menschen die im Milieu leben und arbeiten, Autonome, Verbrecher pp. Jeder weiß doch für sich selbst sehr gut, wie die Regeln da draußen sind. Ich kann nachvollziehen, dass Demonstranten für ihre Zwecke versuchen, die besten Bilder zu bekommen, damit die Staatsmacht dumm da steht. Jeder weiß, dass wie beim Wasserball, die bösen Fouls unter der Wasserlinie stattfinden. Auf der anderen Seite verstehe ich auch den eingesetzten Beamten, der einem Gewalttäter, den er am Vorabend in der Walpurgisnacht nicht greifen konnte, am nächsten Tag eine „Einschenkt“, weil der scheinbar unschuldig grinsend am Straßenrand steht. Dabei kann es auch zu Verwechslungen kommen. Am Ende sind wir alle nur nackte Affen, die auch mal sauer werden können. Das ganze Gerede von der geforderten Professionalität geht an der menschlichen Natur vorbei – von beiden Seiten her. Wenn ich unschuldig etwas auf den Kopf bekomme, brennt bei mir unter Umständen auch eine Sicherung durch. Die Blockierer sitzen ja nicht zum Spaß auf der Straße herum, sondern sind der Überzeugung, das etwas schief läuft in Deutschland.

Ich glaube daran, dass vieles im Leben halt nicht in Gesetzbüchern steht. Das Zwischenmenschliche ist schwer zu erfassen. Wenn es mal Aua gibt, sollte ich mir auch mal an die eigene Nase fassen. Manchmal bin ich nicht unbeteiligt. Das gilt auch für Polizisten. Ich habe auch einige sogenannte „Widerstandspolizisten“ kennengelernt, bei denen quasi jeder Einsatz eskalierte. Wenn die dann aber ständig verletzt sind, müssen sie sich nicht wundern. Andersherum geht es aber auch bisweilen nicht anders. Das sich die Presse, Politik und ein breites Spektrum der Gesellschaft sich an diese Prinzipien nicht mehr hält, sondern stets alles hysterisch betrachtet, Vorverurteilungen vornimmt und jeder Hansel der Meinung ist, sich ungestraft alles herausnehmen zu dürfen, hat mich müde gemacht. Alle pochen auf ihre Rechte als freie Bürger, übersehen dabei aber ihre Pflichten und Verantwortungen. Freiheit hat zwei Positionen: Meine und die des anderen Menschen. Ich kann grundsätzlich als freier Mensch machen, was ich will, wenn ich bereit bin die Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen.

Für mich gehört dazu auch, dass ich ein Haus besetzen kann, mich aber nicht wundern darf, dass die anderen etwas dagegen haben. Wäre das nicht Fall, würde die Buchte nicht leer stehen. Logischerweise kommt irgendwann die Exekutive ins Spiel, die den Auftrag hat, die Politik der Legislative durchzusetzen. Wenn die Hausbesetzer einfach wieder gehen würden, ergäbe die ganze Maßnahme keinen Sinn. Doch die Polizei kann auch nicht einfach wieder nach Hause fahren. Vielleicht wäre es sinnvoller ein Haus zu besetzen, die Presse anzurufen und der anrückenden Polizei das Haus ohne Widerstand zu übergeben, um dann einen Tag später die Nummer wieder durchzuziehen. Damit würde ich der Bevölkerung zeigen, wie viele Häuser idiotischerweise leer stehen. Manch ein Besetzer erscheint mir, wie ein Boxkämpfer, der sich in den Ring stellt und nach einem K.O. einen Prozess wegen Körperverletzung führen will. Bitte? Was soll das?

Auch meine Freunde aus der faschistischen Ecke des Rings gehören für mich dazu. Wenn ich den lieben langen Tag nichts anderes zu tun habe, als gegen alles und jeden zu hetzen, der oder was sich von mir unterscheidet, kommt es zu einer Antwort. Zusätzlich wird aus der Ecke ständig Gewalt propagiert. Was die alles wollen! Jagen, einsperren, vermöbeln, lynchen, Schwänze abschneiden … In meiner Welt kommt da der Tag, an dem ich sage: „OK Freunde! Jetzt mal die Tür zu und wir regeln die Sache unter uns! Ohne Polizei, ohne Staatsmacht und Presse!“ Wenn ich mir als Partei Hooligans, rechte Schläger, Wehrsportgruppen pp. mit ins Boot hole, wird die Antwort kommen. Insider werden den Schlachtruf der Hooligans nicht überhört haben, als der erste Redner in Kandel die Ordnertruppe begrüßte. Ich kann diese Statements über die angeblich nicht vorhandene Politisierung der Hools nicht mehr hören und lesen. Sie verfolgen den Gedanken, dass der körperlich stärkere gewinnen möge, und die vergeistigten Pappnasen um sie herum alle minderwertig sind. Wenn das keine rechtstendenziöse Aussage ist, weiß ich auch nicht weiter. Also liebe Rechtsradikale und Rechtsextremisten stellt Euch dem Theater, was ihr angezettelt habt und hört auf, über Linken zu jammern, die sich Euch in den Weg stellen. Ihr wolltet Deutschland am Vorabend der Machtübernahme, jetzt bekommt ihr es langsam. Unter Umständen habt ihr den aktuellen Zahlen nach, die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Wer freier Bürger sein will, sollte sich auch mal als solcher zeigen und nicht immer gleich Mama und Papa in Form der Polizei herbeirufen, und Eigenverantwortung für sein Handeln zeigen. Wenn ich immer die Staatsmacht hinzu ziehe, muss ich mich nicht wundern, wenn der Staat eines Tages allgegenwärtig ist.

Die Presse der letzten Tage, die sich zu den Einsätzen äußerte, kann man getrost in die Tonne treten. Das ist nur das Bedienen des Volkszorns mit der Gießkanne. Die ständig von Polizeigewalt redenden Propagandisten der linken Szene freuen sich über die ausgeschlachteten Einsätze und die Rechten freuen sich über die Berichte bezüglich der Hausbesetzungen. Der Verlag hat am Ende an beiden verdient … Wenn das der Sinn ist, haben sie alles richtig gemacht.

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