Meine Sicht auf den Protest – Sonntag

Die AfD hatte gerufen und knappe 3000 ihrer Anhänger versammelten sich. Jenseits ihres Antreteplatzes am Hauptbahnhof trafen sich an allen Ecken und Enden Menschen, die der Welt zeigen wollten, dass 87 % der Deutschen anders denken, als deren Anhänger. Wobei die Motive, und die politische Ausrichtung der Protestierer uneinheitlicher kaum sein konnte. Es galt mal wieder der alte Grundsatz, dass ein gemeinsamer Außenfeind innere Einigkeit erzeugt. Bereits auf dem Weg in Richtung Mitte überlegte ich, wie überhaupt festzustellen sei, dass einer mit der AfD sympathisiert. Wie sollte man bei Vorkontrollen zwischen ihnen und Protestlern unterscheiden, wenn sie nicht gerade eine überdimensionierte Deutschlandflagge in der Hand hielten?

Ich ertappte mich dabei, dass ich Fahrgäste um mich herum einsortierte. Die Frau dahinten auf keinen Fall, der Typ vorne links mit Sicherheit usw.. Was spielte sich da in meinem Kopf ab? Gedanklich setzte ich mich mit meinen Stereotypen auseinander. Ein Sympathisant der AfD ist meiner Vorstellung zunächst der Typ Mensch, der nicht durch individuelle Kleidung auffällt. Einige fallen allerdings durch ihre betont konservative Ausstattung bzw. an die dreissiger Jahre angelehnte Kleidung auf. Doch das sind die erkennbaren Rechtsextremisten in der AfD, nicht die Mitläufer. Sie machen es einem einfach, weil sie bereits mit ihrem Outfit ihre Botschaft transportieren wollen. Gleichermaßen verhält es sich mit den jungen Rechtsextremisten, die durch ihre szenetypischen Klamotten und Haarschnitte leicht erkennbar sind. Mir geht es um die anderen. Tatsächlich ist es die mangelnde Individualität, die mich stutzen lässt und die Schublade in meinem Kopf öffnet. Dann wäre da noch dieser Gesichtsausdruck. Entweder sie sind grimmig oder sie lachen seltsam. Nicht offen, weil ihnen etwas Freude bereitet, sondern meistens ist es ein hämisches Lachen oder zumindest über andere, niemals über sich selbst. Ich finde, diese Eigenart eines Menschen ist im Gesicht erkennbar. Später am Tage hörte ich die Rede eines Holocaust Überlebenden, der sich ähnlich äußerte. Es wäre eine Eigenart dieser Charaktere, dass sie damit nicht umgehen können, wenn über sie gelacht wird und sie nicht über sich selbst lachen können. Dieses über ich selbst lachen zu können, funktioniert nur, wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass man, wie alle anderen um einen herum auch, nur ein Mensch ist. Darüber hinaus empfinde ich es als ein Zeichen von Intelligenz und Ausdruck der Existenz eines Bewusstseins. Jenes entsteht bekanntlich dadurch, dass ich einen Schritt neben mich trete und mich selbst betrachte. Ich bin der festen Überzeugung, dass man all diese Dinge vom Gesicht eines Menschen ablesen kann. Nicht ohne Grund sprechen wir von einem dummen Gesichtsausdruck. Ein Mime auf der Bühne erzeugt ihn dadurch, in dem er jegliche Spannung aus dem Gesicht entfernt. Ich weiß nicht mehr wo es war, aber in einem Buch habe ich gelesen, dass der Mann beim Orgasmus den nachweislich dümmsten Zustand hat und so sieht er in diesem Augenblick auch aus. Ich will damit nicht behaupten, dass die männlichen Sympathisanten der AfD aussehen, wie im Zustand eines Dauerorgasmus.
Jeder von uns wird mehrfach minütlich Opfer seiner niederen Triebe und Instinkte. Doch die einen sind sich dessen bewusst und steuern mittels Ratio dagegen, während andere dies nicht erkennen und sich davon leiten lassen.

Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf den Weg zum Reichstag. Von mehreren Veranstaltungen hatte ich mich für diese aus zwei Gründen entschlossen. 1989 war ich dort bei der Wiedervereinigunsgfeier eingesetzt. Das Einsatzkonzept sah vor, dass die Hälfte der Wiese für die Weltpresse freigehalten werden sollte. Deshalb wurden sogenannte Hamburger Gitter aufgestellt, hinter denen wir in Mantel, Anzug und Krawatte Stellung bezogen. Auf den Fernsehbildern sollten so wenig Uniformierte, wie möglich zu sehen sein. Bereits in den Mittagsstunden versammelte sich dort an den Gittern die Wiking Jugend mit ihren Fahnen. Wenig später füllten sie die noch bestehenden Lücken mit den angereisten Anhängern der NPD und der Republikaner auf. Das Kalkül war offensichtlich. Sie wollten das Bild prägen. Der weitere Verlauf machte ihnen und dem Einsatzleiter einen Strich durch die Rechnung, da das völlige Chaos ausbrach.

Doch die Symbolträchtigkeit des Reichstags war mir damit für alle Zeiten gegenwärtig. Mir war es wichtig, dass die AfD diese Wiese nicht für ihre Zwecke verwenden konnte. Von dort aus, sollten andere Bilder gesendet werden. Auf der Wiese versammelte ich eine undefinierbare Mischung. Insgesamt sollen es 3000 Gewerkschaftler, Anhänger der Linkspartei, SPD, diverser Interessenverbände, DKP, GRÜNE, Hilfsorganisationen, Gemeinschaften von Holocaust Überlebenden und eine überwiegende Mehrheit von Menschen ohne Zugehörigkeit gewesen sein, die ähnlich dachten wie ich. Alte, Junge, Familien, Kinder, sie wollten diesen Platz besetzen. Die wenigsten verfolgten das Bühnenprogramm. Nebenbei: Wenn ich in den nächsten Tagen nochmals Antifaschisten/Antifaschistinnen hören muss, ticke ich aus. Die sich da auf der Bühne präsentierten hatten etwas von einem Pfarrer zum Konfirmationsgottesdienst. Wenn die Ungläubigen schon mal da sind, bekommen sie das ganze Programm.

Da die Wiese sicher war, machte ich mich auf den Weg zum Spreeufer, an dem sich auf der gegenüberliegenden Seite des Hauptbahnhofs ebenfalls tausende Menschen versammelten, um über die Spree hinweg die sich am Bahnhof sammelnde AfD zu beschimpfen. Mir bot sich ein ausdrucksstarker Anblick. Drüben wehten Deutschlandfahnen und am Ludwig – Erhardt – Ufer waren die Fahnen bunt. Die Brücke am „Capital Beach“ hatte die Polizei mit einer Gruppe besetzt. Die Ärmsten mussten in voller Ausrüstung in der prallen Sonne den „Brückenkopf“ halten. Die Sperrung hatte eher einen symbolischen Wert, denn einem Ansturm hätten sie nicht standhalten können. Unwillig mussten die Gegendemonstranten dabei zusehen, wie die Kundgebungsteilnehmer der AfD Meter für Meter weiter auf die Brücke gingen. Doch dann forderte ein junges Mitglied der Linksfraktion über Lautsprecher die Polizei auf, dieses zu unterbinden, immerhin würden sich die einige tausend Personen starke Gruppe auf der anderen Seite an die Spielregeln halten. Der Gruppenführer erkannte, dass sich diese Provokation gefährlich entwickeln könnte, und ließ unter Beifall die AfD zurückdrängen. Danach kam es zu einem der schönsten Augenblicke. Die Meute an der Brücke sang lauthals „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Nachdem sich die AfD Kundgebung in Bewegung setzte, blieb ich bei meinem ursprünglichen Plan und orientierte mich zum Brandenburger Tor, dem zweiten großen Symbol in Berlin. Dort hatte die Polizei bereits den 17. Juni abgeriegelt, so dass mein Vorhaben an einer Hecke mit Blick auf das Tor endete. Zahlreichen anderen Protestierern erging es ebenso. Wieder trafen sich dort Vertreter aller Gesellschaftsteile. Familienväter trugen ihre Kinder auf den Schultern, Senioren kämpften sich mühsam durch das Dickicht und jüngere Männer halfen dabei. Die immer als Aktivisten bezeichneten jungen Wilden kamen erst mit der zweiten Welle. Einige von Ihnen wurden dahingehend beraten, dass ein Überwinden der Hecke eine taktisch unkluge Maßnahme wäre. In großen Teilen zog die Polizei am gleichen Strang. „Ihr springt nicht auf die Straße und wir schicken die Provokateure der AfD wieder weg.“ Denn einige wollten es sich nicht nehmen lassen, vor den Protestlern, beschützt von der Staatsmacht, herum zu stolzieren. Und siehe da, meine Vorurteile vom Tagesbeginn bestätigten sich in Gänze. Neben mir stand zeitweilig ein älterer Mann um die Mitte Siebzig herum. „Schämt Euch!“, brüllte er aus vollen Halse. „Dafür habe ich nicht gekämpft!“ Leider blieb offen, in welcher Form und zu welcher Zeit er gekämpft hatte.

In diesem Getümmel, begleitet vom Geschrei der Protestler, den Reden der AfD Politiker, dem Getrommel einer Samba – Gruppe, der ebenfalls einige ältere Semester angehörten, geriet ich wieder ins Nachdenken. Was ging in den Köpfen, abgesehen von den erkennbaren Rechtsextremisten unter den Teilnehmern in der Kundgebung, der Frauen und Männer vor. Viele wirkten auf mich wie die üblichen herbstlichen Senioren – Touristen auf Mallorca. Waren sie schlicht in ihrer kleinen Welt überfordert? Mallorca war dabei ein guter Anker in meinem Kopf. Warum flogen sie dort hin? Sie finden dort ein angenehmes Klima, in den Restaurants können sie auf Deutsch bestellen, am Strand werden für sie Liegen reserviert, man bleibt unter sich und die Dekoration ist ansprechend. Das Leben um sie herum verändert sich. Ihnen wurde stets eingetrichtert, dass alles Deutsche gut und erfolgreich ist. Davon sprach auch Gauland auf der Bühne und ihnen damit aus der Seele.
Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß, Sauberkeit ist deutsch. Laissez – Faire ist französisch, wilde Lebensfreude ist afrikanisch, der Mallorquiner ist freundlich und anpassungsfähig, Italiener sind laut und haben viele Kinder, Türken und Araber sind religiöse Fanatiker, während es beim Jugoslawen viel Fleisch fürs Geld gibt. Die Asiaten sind merkwürdige Gestalten, denen im Restaurant entweder nicht über den Weg getraut werden kann, Zigaretten an der Straßenecke verkaufen oder mit Fotoapparaten aus Bussen herausfallen. Wer das mal zur Unterhaltung braucht, fliegt halt für drei Wochen hin und sieht es sich vorsichtig an, aber nur in kleinen Dosierungen. Sextourismus ist an sich auch nichts Negatives, immerhin bekommen sie in den armen Ländern Geld dafür.

Ihr Denken ist linear und einfach. Flüchtlinge kosten Geld, welches angeblich nicht da ist. Wie soll ein Mensch, der sein Leben lang in Bausparverträge investierte und für das Alter auf ein kleines Sparkonto einzahlte die komplexen Vorgänge der internationalen Wirtschaft verstehen? Mit hohen Risiko Geld einzusetzen, damit es sich vermehrt, ist wahrlich keine Eigenschaft des deutschen Kleinbürgers. Allein das Wort Risiko erzeugt einen Pelz auf der Zunge. Ein Gauland, Meuthen, Glaser oder eine Frau Weidel wissen das sehr gut. Bei Trixi hab ich den Verdacht, dass sie intellektuell dazu nicht fähig ist.
Ihr Denken, und ihre Erfahrung wird von den Rednern auf der Bühne bedient. Mehr Überzeugung benötigen sie nicht. Kämen sie mit den anderen dort am Straßenrand ins Gespräch, stellten sie fest, dass es eine Überschneidung gibt. Die da mit mir zusammen standen, sind nämlich auch mit vielen Entscheidungen der Regierung nicht einverstanden. Doch die Antworten, die da von der Bühne herunter kommen, sind zu simpel und realitätsfremd. Wenn in einer Gruppe etwas schief läuft, ist wie beschrieben der einfachste Weg, einen Außenfeind zu erzeugen. Amüsanter Weise funktionierte dies an diesem Tag hervorragend. Der gemeinsame Gegner AfD einte Gruppierungen, die sich sonst wenig zu sagen haben. Doch die Spannungen, Probleme, Auslöserfaktoren usw. behebe ich auf die Art nicht. Habe ich einen kaputt gemacht, benötige ich den nächsten Buhmann, bis mir alles um die Ohren fliegt.

Politischer und religiöser Extremismus gehen Hand in Hand. Wie er zustande kommt, wurde ausreichend wissenschaftlich untersucht, dazu muss niemand mehr etwas schreiben. Als Rechtsextremist wäre ich allerdings auch ein wenig säuerlich, wenn mich jemand mit den Islamisten auf eine Ebene hievt. Aber es hilft ja nichts. Wenn es denn nun einmal so ist. Mit zahlreichen Protest lassen sich die Gründe nicht beheben.

Doch nicht jeder Mitläufer ist ein Extremist. An der einen oder anderen Stelle gelingt es mir, mich in die Leute hinzuversetzen. Ich kenne diese Annahme der deutschen Vorzüge und des damit angeblich verbundenen deutschen Wirtschaftswunders, das weder ein Wunder noch ein alleiniger deutscher Verdienst war, nur zu Gut. Nahezu jedes Klischee begegnete mir in meiner Sozialisierung. Es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, bis ich begriff, dass vieles erst einmal nur eine Verhaltensweise ist, bei der eine Verknüpfung mit gut, schlecht, erfolgreich usw. völlig unzulässig ist.
Für mich ist entscheidend, ob sie sich für meine gesteckten Ziele praktikabel erweist. Zum Beispiel sind aus dem ungeordneten Chaos die tollsten Errungenschaften für die Menschheit hervorgegangen. Disziplin kann vorteilhaft sein, sie kann Menschen aber auch krank machen. Ich bringe dabei auch immer wieder die Feststellung ein, dass ich mir gern mal einen Krieg zwischen zwei disziplinlosen Armeen mit einem starken Hang zur Lebensfreude und Gelassenheit ansehen würde. Wären weltweit alle Menschen danach gestrickt, würde sie anders aussehen.
Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben in vielen Lebensbereichen vollkommen anders, als wir Deutschen und seltsamer Weise erreichen sie damit ihre gesteckten Ziele, die wir wiederum manchmal nicht nachvollziehen können. Die Verkleinerung der Welt durch das Verkürzen von Reisezeiten, Digitalisierung und schneller Kommunikation hat dazu geführt, dass in die ehemals abgeschotteten Gesellschaft fremde und neue Ziele bei den Menschen entstanden sind. Häufig handelt es sich dabei um Vermischungen, die aus unterschiedlichen Richtungen entstanden. Wer da stoisch an seinen eigenen Gewohnheiten hängen bleibt, bekommt langfristig Probleme. Selbst wenn die AfD über Nacht die Regierung übernähme, würde sich daran nichts ändern. Dieses an alten Mustern festzuhalten ist einfach vorbei.

Auf diese Art gesehen, sind die Mitläufer arme Geschöpfe, die den Anschluss an die Entwicklung verpasst haben. Doch mein Mitleid führt nicht dazu, dass ich ihnen einen Zentimeter überlassen würde. Die zwingend zu lösenden Aufgaben lassen sich nicht mit dem Gerede der AfD lösen. Selbstverständlich bringt es nichts, die Demonstranten der AfD anzubrüllen. Den Extremisten ist es egal und die Mitläufer treibt es noch tiefer in den Sumpf. Den 13 % ist damit nicht beizukommen. Selbst diskutieren bringt einen da nicht weiter. Wie soll man mit jemanden diskutieren, der etwas von einer Deutschland GmbH faselt? Ich sehe auch keine Option die Praxis des Denkens zu durchbrechen. Diese pathologische Einnahme einer Opferrolle ist meiner Meinung nach etwas für eine Verhaltenstherapie. Ich bin jedenfalls an den Grenzen meines Diskussionsspielraums angekommen, wenn sich Sympathisanten der AfD mit den Opfern des Nationalsozialismus gleich setzen. Wenn sich Täter zu Opfern machen, wird es immer schwierig. Selbstverständlich muss man Rechtsradikalen das Leben so schwer wie möglich machen, viel andere Möglichkeiten bleiben nicht. Würde dieses nicht passieren, würden diese Auswüchse noch salonfähiger werden, als sie es ohnehin schon sind. Menschen die auf der Kippe stehen, müssen sich die Frage stellen: „Was haben die alle gegen mich?“ Angeblich soll dies das Motiv für einige Aussteiger gewesen sein. Nicht wenige von ihnen sind auf der Suche nach einer Gemeinschaft, wenn sie bemerken, dass mit der Hinwendung zum rechten Weg die Isolation immer heftiger wird, kommt es unter Umständen zur Wende.

Den Protest sehe ich mehr als eine Botschaft an die sogenannten etablierten Parteien. Egal, wo wir herkommen, wir stellen die Mehrheit. Fahrt Ihr einen Kuschelkurs mit diesen Leuten, bekommt Ihr mehr Probleme, als ohnehin schon.“ Da draußen wächst immer stärker eine junge Protestbewegung heran. Fangt schleunigst an, auf die einzugehen. Euer auf Gewinnmaximierung ausgerichteter Kurs interessiert die nicht mehr. Das wurde mir bewusst, als ich zum Ende des Tages den Hauptbahnhof betrat. Die Mehrheit der anwesenden Skandierenden waren zwischen 20 und 25 Jahre. Es mag den einen oder anderen in den Kram passen, sie als Autonome, Antifa oder was weiß ich zu bezeichnen. Die wenigen 100 Autonomen waren irgendwo im Stadtgebiet beschäftigt. Die geschätzten 800, die da im Bahnhof die Abreisenden der AfD anbrüllten, waren normale Sprösslinge aus der Mittelschicht. Meiner Auffassung nach, hatten sie jede Berechtigung dazu, denn es geht um ihre Zukunft. Sie fangen zu begreifen, dass ihnen in diesem Deutschland 2018 niemand zuhört, wenn sie sich nicht Gehör verschaffen.

Ich habe versucht, mir an diesem Tag einen Überblick über den Protest zu verschaffen. Da standen einfach nur Töchter und Söhne auf der Straße. Das waren nicht die Extremisten, die verschrobene Texte auf indymedia.org verfassen oder mit schwachsinnigen Anschlägen agieren. Immer wieder hörte ich die Aussage: „Was soll das? Warum dürfen diese Faschos vor dem Brandenburger Tor demonstrieren?“ Ich habe darauf keine Antwort. Die das fragten, verstehen Deutschland als eine Idee, ähnlich wie viele US Amerikaner die USA als ein Symbol für etwas verstehen.
Es ist möglich aus einem Land, welches eine der übelsten Diktaturen der Welt erlebt hat, ein Land für freie unterschiedliche Menschen zu machen. Plötzlich kommen welche daher und wollen sie wieder zu einem drögen gleichgeschalteten Volk mit röhrenden Hirsch an der Wand, Fliesentisch und guter Stube machen. Aus ihrer Perspektive hat es die alte Generation vermasselt. Irgendwann wussten wir etwas über Müll, Umweltverschmutzung, Klimawandel, die Gefahren der Atomenergie, die Folgen der Ausbeutung und dem Waffenexport. Getan haben wir dagegen nichts, und wenn nur wegen massiver Proteste. Wir haben zugelassen, dass eines der reichsten Länder seine Umwelt ohne Not an die Wand gefahren hat. Armen Ländern kann man schwerlich einen Vorwurf machen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Doch wir haben nicht einmal vollgefressen gegengesteuert – das ist schlicht peinlich. Und nun sollen sie sich auch noch ruhig verhalten, den Gestrigen der AfD alles durchgehen lassen? Ich weiß, viele denken sich, wenn die erst einmal vom Wohlstand genascht haben und im Establishment angekommen sind, werden sie ruhiger werden und ebenfalls die gemeinsamen Götter Wachstum, Geld und Wohlstand anbeten. Wenn das mal nicht nach hinten losgeht. Zugegeben, bisher hat das immer funktioniert, aber da war auch noch genug Platz für Wachstum vorhanden und es gab weder eine Globalisierung oder eine Digitalisierung.

Mich haben die meinem Eindruck nach ca. 35.000 Menschen sehr nachdenklich gemacht. Es waren halt nicht nur die offiziellen Veranstaltungen. Unzählige rannten hin – und her, waren quasi überall. Wer will sich da auf konkretere Zahlen festlegen? Auch dieses Denken, da sind die Linken, da ist die SPD, dort die Autonomen ist völlig veraltet, das interessiert die nicht. Sie haben Ideen und eine Haltung, welcher Partei sie damit eventuell zugehörig sein könnten, ist unwichtig. Dieses Einteilen in Parteien, Fraktionen, links oder rechts, ist weit über 100 Jahre alt und völlig out. Da stehen die Faschos, die Leute kaputt machen wollen, uns beleidigen, Freunde in Kiegsgebiete abschieben wollen und sich an anderen satt machen.
Der Tag danach:

Im Nachgang zu diesem Tag, war schon beinahe erwartungsgemäß die Presse mehr als ärgerlich. Die BZ titelte, wie sie als Revolverblatt titeln muss, immerhin muss das Papier verkauft werden, mit den negativen Erscheinungen. Als junger Mensch würde ich denen schlicht den Mittelfinger zeigen. Andere tröteten ins gleiche Horn. Ca. 100 Personen von den angeführten 35.000 begingen nicht zu vertretende Straftaten, ich denke mal harmlose Versuche des Durchbrechens, kann man bei einem Protest durchgehen lassen und man muss nicht gleich die Keule heraus holen. Da hat man im Schanzenviertel beim Zusammentreffen zwischen Links und Rechts schon ganz andere Sachen erlebt. Also unter 1 % der anwesenden Personen fielen durch Straftaten auf, wer sich darauf fixiert, dem ist nicht mehr zu helfen.

Besonders bedenklich finde ich die Art und Weise, wie sich Polizisten in den Social Media über den Verlauf des Sonntags äußern. Neuerdings wird der Vergleich mit dem Verhalten von Rechten angestellt. „Was würde geschehen, wenn sich Rechte vor einem Lokal positioniert hätten, wenn die eine Absperrung durchbrochen hätten usw..
Liebe Kommentatoren, zur Erinnerung: Dieses Land heißt Deutschland und ist aus den Trümmern des Nationalsozialismus hervorgegangen. Da kann es nur eine klare Aussage geben! JEDER Deutsche hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit mit allen Mitteln zu verhindern, dass es auch nur ANSATZWEISE wieder in diese Richtung geht. Wer sich in Deutschland nach 1945 soweit außen rechts positioniert, muss mit der Mehrheit der Bürger ein Problem bekommen. Das Ausbleiben der Zivilcourage wäre erschreckend, nicht das Auftreten.

Wenn sich beispielsweise eine Rentnerin mit 73 Jahren mutig zwischen diese Typen stellt, dann hat sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung in der Nachkriegszeit ihre Gründe für das Verhalten. Sie hat gefälligst respektvoll behandelt zu werden und ist von Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, deren Lebensalter ihrer Kinder entspricht, nicht einmal ansatzweise nachträglich belagert zu werden.
Jeder Polizist hat einen Auftrag, an dem er nicht herum kommt. Ich erwarte jedoch von Polizeibeamten, die einen Eid auf das GG geschworen haben, ein persönliches Augenmaß. Es macht einen Unterschied, ob ich mit langen Zähnen, die Rechten beschützen muss, weil sie die Gesetze gegen das GG verwenden und es taktische Erwägungen gibt, sie nicht zu verbieten, oder ob ich mit aller Konsequenz und voller Härte gegen die Protestierer vorgehe. Zur freundlichen Erinnerung: Es gab auch zum Ende der Weimarer Republik Schutz – und Kriminalpolizisten, die Zivilcourage zeigten.

Nicht alles steht in den Gesetzbüchern! Das menschliche Verhalten und der Charakter eines Polizisten, ist dort nicht erfasst. Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland und die DDR existiert nicht mehr. Wir haben im Westen früher mit dem Finger auf die miesen Volkspolizisten und Mauerschützen gezeigt, die alles Menschliche der Diktatur unterordneten, oftmals mit dem Hinweis, ausschließlich die Gesetze befolgt zu haben. Viele der älteren Semester wollen schlicht verhindern, dass die Staatsdiener in der Zukunft wieder einem falschen Herrn dienen müssen. Aber vielleicht wollen das ja auch einige. Vor allem macht es mich nachdenklich, das ein Polizist sagt: „Der Weisung eines Polizisten ist strikt Folge zu leisten!“ Nein! Wer so etwas sagt, muss definitiv sein Berufsbild und wofür er steht, überdenken. Der Polizist ist manchen Situationen purer Vertreter der Staatsmacht, und wenn die Bürger beginnen, sich im vollen Umfang an die Staatsräson zu halten, sind wir mindestens drei Schritte zu weit in die falsche Richtung gelaufen und diese Forderungen haben nichts mehr mit den Ideen der Väter des Grundgesetzes zu tun. Im Gegensatz zum Soldaten und Polizisten ist der Bürger nämlich kein Befehlsempfänger … und das ist gut so! Das geht fürchterlich in die falsche Richtung.

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