Burnout

Ähnliches dürfte sich beim neuen Lieblingsthema zugetragen haben. Nur das es diesmal nicht das Personal war. Die Geschichte, welche sich in Berlin zutrug, ist nicht sonderlich kompliziert. Ein Kerl aus dem Milieu akzeptierte nicht den allmächtigen Anspruch der Hells Angels und wurde daraufhin umgelegt. Letztens kam im Fernsehen ein Aussteiger zu Wort, der Klartext sprach. Ein derartiger Mordauftrag kann nur vom Präsidenten ausgesprochen werden. Ich hege keinerlei Zweifel an seinen Worten. Ich habe keinerlei Wissen darüber, wie die Ermittlungen vor und nach dem Mord abliefen. Ich kenne aber das Procedere. Wenn in Zusammenhang mit Ermittlungen bevorstehende Kapitalverbrechen oder schwerwiegende Delikte bekannt werden, wird dieses einer ganzen Menge Leute bekannt. KEIN Ermittler nimmt das auf die eigene Kappe. In der Regel ist auch keiner so dämlich, dass er sich völlig offen darüber unterhält. Hieraus ergeben sich immer Interpretationsprobleme.

Bei Ermittlungen in diesem Milieu ergibt sich immer eine Problematik. Reagiere ich auf eine vermeintliche Erkenntnis mit Maßnahmen, gebe ich alle meine Ermittlungen preis. Bereits vor Jahrzehnten wurde dieses erkannt. (Ist auch nicht sonderlich schwer.) Unter bestimmten Voraussetzungen können deshalb Maßnahmen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Davon bekommen Staatsanwaltschaft und Richter Kenntnis. Hinzu kommt, dass im Milieu immer viel geredet und gedroht wird, ohne dass Konsequenzen folgen. Alles was dort passiert, sprengt im Regel die Vorstellungskraft des biederen Bürgers, Journalisten, Richter und braven Leuten. Das mehrere Beamte und Vertreter der Justiz billigend den Mord eines anderen Gangsters in Kauf nehmen ist vollkommen abwegiger Schwachsinn. Wochenlang observierten Polizeieinheiten zum Schutz Bedrohte, wenn es nur ansatzweise Hinweise gab. Am Ende kommt bei der ganzen aufgeplusterten Geschichte nichts bei heraus.

Entscheidend sind die Artikel, Äußerungen von Politikern und die Kommentare von allen selbsternannten Fachleuten. Selbst Journalisten, die ich bislang für einiger Maßen versiert hielt, spielen sich mit Artikeln und Podcast Aussagen in den Vordergrund. Sie alle zusammen stellen den Auftraggeber. Die Formulierung des Auftrags ist auch hier klar. Wenn die Polizei etwas vernimmt, was im bürgerlichen Sinne gefährlich klingt, sind Maßnahmen zu ergreifen, auch wenn alle Ermittlungen dadurch gefährdet werden. BITTE! Wenn das der Wille ist, sollte er auch umgesetzt werden.

Ich war bei solchen Geschichten oft genug dabei und habe mich weit über den Auftrag hinweg gesetzt. Dabei habe ich mir mehrfach Beulen eingefangen. Heute kann ich nur jedem raten: Halte Dich an den Auftrag. Im Zweifel muss die Akte sauber kaputt gemacht werden – es ist gewollt! Ende.

Was ist mit der Ethik?

Das ist die von mir gemeinte Wechselwirkung zwischen Umfeld/System und dem Individuum.

  • Wie hoch ist die Bereitschaft den Willen des Auftraggebers zu ignorieren bzw. sein Unvermögen auszugleichen?
  • Welche Konsequenzen bin ich bereit zu akzeptieren? Im Zweifel stehe ich am Ende vor den Trümmern der eigenen Existenz, der Familie und Psyche.
  • Welche Opfer zur Kompensierung einer verfehlten Personalpolitik, die auch Ausdruck des Willens sind, bin ich bereit zu erbringen?

Der Polizist beantwortet täglich eine ethische Frage. Gemäß der Vorgaben, dürfen die ergriffenen Maßnahmen nicht über Gebühr, die Gesundheit und die Freiheiten der Unbeteiligten beeinträchtigen. Bei einer Fahrt mit Blaulicht besteht jederzeit die Gefahr, dass es zu einem Unfall kommt. Der/die Beamte/in darf die Verkehrsregeln missachten, es darf allerdings nichts passieren. Kommt es doch zu einem Unfall, wird ihm/ihr unterstellt, dass er/sie nicht seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen ist. Im Falle einer Observation wird es heftig. Da die Einsatzkräfte kein Signal verwenden können, steigt das Risiko erheblich. Dummerweise wissen das die Gauner auch und versuchen sich mit besonders rücksichtsloser Fahrweise der Beobachtung zu entziehen. Lässt der Polizist ihm das durchgehen? Greift er sofort ein? Dann wird sich kein Raubüberfall, Rauschgift- oder Menschenhandel auf diese Art beobachten lassen. Wo sind die Grenzen?

Was ist mit Angriffen? Der mehrfach bekundete Willen der Politik lautet: „Keine Schussabgabe auf Angreifer mit Messer.“ In der Realität besteht eine erhebliche Gefahr einen Angreifer tödlich zu verletzen. Denn den angreifenden Täter in die Arme und Beine zu treffen ist oftmals ein Glücksspiel. Das öffentliche Geschrei geht an den Beamten nicht spurlos vorbei. Es ist nicht sonderlich erbaulich, selbst in biederen Kreisen als potenzieller Killer ersehen zu werden. Selbstredend legt sich jeder ein dickes Fell zu. Dennoch nagt es am Ego. Eine Folge davon ist die Abkapselung. Die Polizisten fühlen sich in der Rolle der Außenstehenden, die auf eine Gesellschaft schauen die komplett aus der Spur geraten ist.

Mich persönlich hat in den vergangenen 10 Jahren die verzerrte Darstellung der gesellschaftlichen Probleme kombiniert mit einer künstlich erzeugten Hysterie immer weiter auf die Außenbahn getrieben. Wild wird alles durcheinander geworfen. Ausländische organisierte Banden werden den Flüchtlingen zugerechnet, die hausgemachte Organisierte Kriminalität wird heruntergespielt, es wird pauschalisiert was das Zeug hält und am Ende wird nur auf den Biedermann geschaut, der an der richtigen Stelle sein Kreuz setzen soll. Hieraus entstehen fortwährend Fehlentscheidungen, für die Leute auf der Straße im wahrsten Sinne des Wortes ihr Leben riskieren.

Ohne den Glauben an die Gesellschaft geht es nicht.

Wer einen schweren Verkehrsunfall verursacht, die Waffe benutzt oder selbst in Gefahr gerät, muss daran glauben, das Richtige getan zu haben. War der vor dem Ereignis nicht mehr vorhanden, wird es danach übel. Es bestehen nochmals Unterschiede zwischen der Kriminalpolizei und der Schutzpolizei. Von einem Straßenkampf zum nächsten zu ziehen macht mürbe. Fehlt auch noch der Glaube … ist das Ende vorprogrammiert. Und den kann man beim Verfolgen der Diskussionen über die Rigaer, G20 und weitere Ereignisse schnell verlieren. Dazu gehören auch Einsätze, bei denen man durchaus zur Auffassung kommt, dass die Demonstranten nicht falsch liegen.

Das Berufsbeamtentum wird oftmals als Segen für den Beamten betrachtet. Allerdings kann es sich auch zum Fluch entwickeln. Nicht wenige sagen sich schon nach 10 Jahren: „Was soll’s, wenn ich hier drin hänge, ziehe ich es durch. Ohne Enddienstgrad gehe ich hier nicht freiwillig.“ Alkohol, Frust, seelische Probleme, Scheidungen, soziale Isolierung vom privaten Bekanntenkreis sind die Folgen.

Nicht ohne Grund ist in vielen Ländern nach 30 Dienstjahren regulär Schluss. Alles hat seine Grenzen. Wie gesagt, es ist auch immer eine Frage der Persönlichkeit. Problematisch wird es für Idealisten.

Wechselwirkung zur Gesellschaft

Die Polizei ist eben im Idealfall nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern sollte Bestandteil sein. Der Polizist sollte sich bei seinem Handeln auf sein Bauchgefühl verlassen können, dass er im Einklang mit den gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen agiert. Zumindest für meine Person kann ich sagen, dass dies lange nicht mehr der Fall war.
Ich habe kurz nach der Wende mehrfach im „Ostblock“ gearbeitet. Spätestens, als mir polnische Kollegen eine digitale Kamera ausliehen, weil sich meine Behörde keine leisten konnte, wurde mir einiges klar. Mit der Ausnahme von improvisierten Unterkünften auf Baustellen, ist mir kein anderer Arbeitsbereich begegnet, bei dem sich der Arbeitgeber getraut hätte, solch miese Unterkünfte zu bieten, wie die Berliner Polizeibehörde. Selbstverständlich gilt dies im Wesentlichen nur für das Fußvolk. Wertschätzung seitens der Gesellschaft sieht anders aus.

Einem Burnout, oder wie ich es nannte NOTLAUFPROGRAMM, kann man jederzeit vorbeugen, in dem der Idealismus außen vor gelassen wird. Eins faszinierte mich bei der Polizei 30 Jahre. Normalerweise muss niemand über seine Grenzen gehen. Faulheit und Dummheit wird nicht bestraft, niemand sitzt deshalb Morgen auf der Straße. Im Gegenteil! Bestraft wird häufig Engagement und Initiative, besonders wenn die Vorgaben von Geschäftsanweisungen, die ich eher als Absicherungsvorgaben für den Haushalt ersehe, nicht eingehalten werden.

Es gibt noch einige psychische Voraussetzungen mehr. Aber dazu in einem anderen Beitrag, weitere Anmerkungen.

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1 Kommentar zu „Burnout“

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