Die Botschaft einer Palme

Have you ever seen the morning
When the sun coms up the shore
And silence makes
A Beautiful Sound
Have you ever sat there waiting
for the time to stand still
For all the world to stop
From turning around
And you run
‚cause life is to short …

Lyrics: The Scorpions

Immer wenn ich dazu neige zu vergessen, wie kurz das Leben sein kann, klopft das Universum mal kurz an meinen Kopf. Ein harmloser Strand, 30 Grad, Leute aus allen Ländern sitzen im Sand und an den Tischen der Beachbars. Plötzlich kippt eine Palme um und Urlaub unter Palmen bekommt eine vollkommen neue Bedeutung. Ein toter Einheimischer und zwei verletzte Chinesinnen liegen mit einem Mal auf dem eben noch friedlichen Strand.

Nun ist das nicht mein erster Toter, den ich in unmittelbarer Nähe gesehen habe. Die gesamte Situation hat mich beeindruckt. Eben noch Party, flackerndes Kerzenlicht, unbekümmerte junge Leute, Reggae Musik und eine Sekunde später ist alles anders. Keine Rettungskräfte, 20 Minuten später drei Polizisten, und eine Strandmatte zum Abdecken der Leiche. Darauf sollte man gefasst sein, wenn man sich in fremden Ländern herumtreibt. Dort funktioniert die Welt ein wenig anders, wie bei uns. Es kam auch niemand auf die Idee, den Platz abzusperren. Ich denke, es wird auch niemand die Frage nach einer Verantwortung stellen. Ja, jemand hat eine Palme zur Verbesserung der Atmosphäre mehr oder weniger einfach in den Sand gesteckt und gehofft, dass sie eines Tages Wurzeln schlagen wird.

Niemand wird heute am Strand eine Gedenkveranstaltung abhalten. Es werden auch keine Kerzen entzündet werden. Hier geht das Leben einfach weiter. Solche Dinge passieren halt. Welch krasser Gegensatz zum heimatlichen Verhalten und Lebensgefühl. Ich habe in den letzten Tagen häufig am gleichen Platz gesessen. An diesem Abend, aus einem puren Zufall heraus, hatte ich mich einigen Musikern angeschlossen, so dass ich einige Meter entfernt war.

Ich musste in den letzten Stunden wieder an eine alte Geschichte denken. In einer Reportage über indische Schlangenbeschwörer fragte der Reporter, ob es denn nicht gefährlich sei, wenn die Kinder mit den Kobras spielen. Der Inder antwortete: „Heute ist nicht der Tag der Kobra!“ Der Reporter setzte nach: „Woran merken Sie denn, wann der Tag der Kobra ist?“ Wieder antwortete der Inder sehr ruhig: „Ich werde es wissen!“

Gestern war wieder einmal nicht der Tag der Kobra. Den jungen Mann unter der Palme hat die Kobra geholt. Vielleicht war er um die Mitte 20 herum. Du hast im Leben keine Sicherheit. All die ganzen Diskussionen über Sicherheit, Terror, Kriminalität, sind für mich erneut in weite Ferne gerückt worden. Wie oft war ich in meinem Leben in Lagen, in denen ich mit dem Tod um mich herum rechnete? Ich war vorbereitet. Auf der Autobahn bei halsbrecherischen Fahrten, bei Festnahmen bewaffneter Straftäter, bei eskalierenden Großveranstaltungen, beim Beobachten mutmaßlicher Terroristen … immer hatte ich das Gefühl, der Tod treibt sich hier gerade auch herum und lauert auf eine Chance.

Ich habe in der Vergangenheit ähnliches erlebt. Damals saß ein junger englischer Soldat in Berlin zusammen mit seiner Freundin auf der Balustrade eines U – Bahnhofs in Berlin. Im Rücken hatte er die abwärts führende Treppe. Drei vorbeikommende angetrunkene Jugendliche pöbelten ihn an. Am Ende stießen sie ihn herunter. Im Krankenhaus erlag er seinen schweren Kopfverletzungen.
Auf dem Flur wartete ein Offizier auf eine Benachrichtigung. Als er mich sah, sagte er übersetzt: „Ich verstehe das nicht. Ich war mit dem Jungen in drei Kampfeinsätzen. Die Scheiß – Argentinier haben drei Tage lang versucht uns zu killen … hier ist Frieden … warum jetzt?“

Ich irrte mich damals, wenn ich dachte, es würde reichen, mich in gefährlichen Situationen auf ein Zusammentreffen vorzubereiten. Der Tod ist schlicht immer in der Nähe und wartet gemütlich auf seinen Tag. Nach seinem Belieben steht er eines Tages auf und sagt: „So mein Freund, Du hattest Deine Zeit und Deine Chancen, ob Du sie genutzt hast und wofür, ist Dein Problem, nicht meins!“

Buddhisten haben ein langwieriges Ritual, um sich auf den Tod vorzubereiten. In ihrem Denken ist es gut, wenn man aufgrund von Krankheit das nahende Ende erkennen kann und sich damit auseinandersetzt. Gleichermaßen heißt es im Buddhismus, dass man sich nicht früh genug mit einem Lebensereignis auseinandersetzen kann, welches mit absoluter Sicherheit eintreten wird. Das Verdrängen, welches in unserer Gesellschaft gängig ist, betrachten sie als einen schwerwiegenden Fehler. Das Ende und die Geburt sind der Rahmen des Lebens. Ein Fenster mit seinem Rahmen, bekommt seinen Sinn durch das, was es umgibt. Geburt und Leben bekommen einen Sinn durch das, was dazwischen passiert. Das Bild mit dem Fensterrahmen hat noch viele andere Aspekte, doch darauf will ich hier nicht näher eingehen.

Ich habe ihn, den Endpunkt, zu meinem Berater gemacht. Würde ich das, was ich jetzt in diesem Augenblick tue, auch machen, wenn ich wüsste das mir im nächsten Augenblick eine Kokosnuss oder gleich eine ganze Palme auf den Kopf fällt?

Ich habe mich gestern, wie an jedem anderen Tag auch, mit Sicherheit nicht allen Mitmenschen, Freunden oder Lebensgefährten gegenüber nett und korrekt verhalten. Der Tod war gnädig und hat sich einen,ein paar Meter von mir entfernt, geholt. So, als wollte er mir sagen: „Ich gebe Dir einen weiteren Tag. Mach was draus oder lass es. Ich gebe Dir nur die Chance.“  Der, welcher da lag, ist alleine gegangen. Beim Anblick seines toten Körpers erkannte ich wieder, dass es vollkommen egal ist, wie alle anderen denken, wann und wo es Dich erwischt. Dies sind alles nicht mehr Deine Probleme. Deine einzige Aufgabe bist Du selbst. Wenn Dein Verhalten einem anderen nicht passt, ist der Spielball auf seiner Seite. Wenn er oder sie dem Tod entgegnen will: „Ich habe meinen letzten Augenblick dafür genutzt, mich über einen anderen zu ärgern.“, ist das nicht Deine Sache.

Es ist egal, was man in der Vergangenheit gemacht hat. Sich dies selbst zuzugestehen, ist noch das einfachste dabei. Betrachtet man einen anderen Menschen, wird das leicht übersehen. Wir sinnen auf Rache und Genugtuung. Wir fordern Sühne bei anderen ein. Er oder sie soll büßen, für das, was in der Vergangenheit passiert ist. Doch keiner der beiden Menschen aus der Vergangenheit lebt noch. Vielleicht wurden Verhaltensmuster in die Gegenwart übernommen, die eine gewisse Prognose für das aktuell zu erwartende Verhalten zulassen, aber sicher ist das nicht. Mit Sicherheit ist es u.U, eine gute Idee diesen Menschen aus seiner Gegenwart zu verbannen, weil er dort nicht mehr hineinpasst, doch das Zurückliegende ist unabänderlich.

Was will man dem Tod sagen? „Sorry, ich brauche noch ein wenig Zeit, denn ich habe mich bisher nur um meine Vergangenheit kümmern können. Gib mir bitte die Zeit, mich jetzt um mein aktuelles Leben zu kümmern.“ Aus allen Perspektiven heraus betrachtet, ist diese Bitte unlogisch. Kaum ausgesprochen, liegt sie in der Vergangenheit. Es gibt Berater, die einem sagen, dass man sein Leben nicht immer führen kann, als wäre es der letzte Tag. Doch! Das geht nur dann schief, wenn man die falschen Prioritäten setzt. Alles auf den Kopf hauen, dem Chef mal so richtig die Meinung sagen, den Job kündigen usw. ist albern.

Soviel Geld ausgeben, dass man einen guten Tag, gesättigt und zufrieden, hat. Einfach immer sagen, was man zu sagen hat, ohne den Vorsatz zu haben, den anderen zu verletzen oder zu brüskieren. Die Arbeit so gestalten, dass man damit zufrieden ist. Reicht völlig aus. Ich bin auf meiner aktuellen Reise auch auf der Suche nach einem Verständnis für den Buddhismus gewesen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir eine Palme mehr darüber zu sagen hat, denn alle Literatur, Mönche oder Tempelbesuche.

 

 

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