Das Symbol „Broder“

https://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article187962993/Henryk-M-Broders-Rede-vor-der-AfD-Bundestagsfraktion.html

Herr Broder, bekennender Anhänger des jüdischen Glaubens, Journalist und prominentes Mitglied des deutschen Bürgertums, begibt sich scheinbar als harmloses Beutetier in eine Gruppe von Löwen. Er bemüht dieses Bild selbst in seiner Rede vor AfD Vertretern. Das harmlose Beutetier kommt bei ihm nicht vor. Dies ist eine Erweiterung von mir. Ich interpretiere dieses Bild. Denn als ausgewachsener Elefant kann ich mich relativ sorglos in die Mitte von Löwen stellen.

Einem Herrn Broder darf ich eine exzellente rhetorische Ausbildung unterstellen. Insofern ist seine Eröffnung der Rede ein wesentlicher Punkt. Er verweist darauf, dass die GRÜNEN noch nicht so weit sind, jemanden wie ihn einzuladen. Er wurde also  eingeladen und jemand der IHN einlädt, hat ein besonderes Level erreicht. Ergo, hat er gleich beide Seiten, sich und den Einladenden auf ein besonders hohes Niveau gehoben. Sich selbst, den selbsternannten Erfinder der nüchternen Kritik und Intellektuellen, und den Gastgeber, der diese Skills erkannt hat. Ob diese Überzeichnung der eigenen Person in seinem Glauben schicklich ist, kann ich nicht beurteilen, dazu weiß ich zu wenig darüber.

In einem zweiten Schritt stellt er deutlich heraus, worum es in allen nachfolgenden Ausführungen gehen wird. Er stammt prinzipiell aus einem anderen politischen philosophischen Spektrum, jedoch sieht er einen gemeinsamen Außenfeind, der Brückenköpfe möglich macht: die GRÜNEN. Unter dieser Sammelbezeichnung sortiert er alle ein, die den Klimawandel nicht nur anerkennen, sondern eine Ursache u.a. im Gebaren der industrialisierten Staaten sehen. Dabei unterlässt er es auch nicht, eine Eigendarstellung abzugeben. Herr Broder trennt seinen Müll nicht u. findet Schiffskreuzfahrten gut. Seine Botschaft: Meine Damen und Herren, ich bin genauso bockig, wie sie auch! Das kommt einem Typen gleich, der sich eine Nase Koks in einer Bar reinzieht, um Sympathien beim restlichen anwesenden Klientel zu verschaffen.

Weiterhin findet er eine Position zur aktuell präsenten jungen Schwedin, die den Herrschenden stellvertretend für viele andere ihrer Generation die Leviten gelesen hat. Herr Broder hat offensichtlich damit Schwierigkeiten, die Anklage an seine Generation zu ertragen. Ein häufig zu sehendes Phänomen. Da kommt ein Jüngerer und stellt die eigene Lebensleistung in Frage. Aber für ihn ist das kein Problem, denn er akzeptiert einen Klimawandel, den habe es von Anbeginn der Zeiten immer gegeben, verneint jedoch die exponierte Stellung der aktuellen Phänomene und verweigert die Annahme der von hochrangigen Naturwissenschaftlern international abgesandten Botschaft: Wir, die Menschheit, sind ein erheblicher Faktor im Geschehensablauf.

Dabei müsste man nicht einmal den Klimawandel heranziehen. Die um sich greifende Umweltverschmutzung und der massive Raubbau, reichen vollkommen aus. Beides hat spürbare und für einen naturwissenschaftlich nicht ausgebildeten Reisenden, sichtbare Auswirkungen auf alles Lebende. Allein diese Dinge würden ausreichen, um der nächsten Generation eine Revolte gegen die bestehenden Denkmuster zuzugestehen.

Er spricht davon, dass er niemanden folgt, der ihm dafür die Glückseligkeit verspricht. Diese Worte, von einem Anhänger einer Buchreligion ausgesprochen, klingen in meinen atheistischen Ohren etwas widersinnig. Zwar gibt es im jüdischen Glauben keine Hölle, aber eine Gefolgschaft und eine Einhaltung von Regeln, um über den Tod hinaus ein gutes Bild abzugeben, ist doch zu unterstellen. Und damit gehöre ich zu den von Ihm angesprochenen Kreis der Ungläubigen, die sich einen „Ersatzfetisch“ suchen u. in der Kritik am globalen menschlichen Gebaren bezüglich der Natur, einen gefunden haben. Bei einem Anhänger einer Buchreligion kann ich das nachvollziehen. Immerhin ist die eigene Verantwortung durch den göttlichen Willen beschränkt.

Im Gegensatz zu Herrn Broder, bin ich ein Anhänger der buddhistischen Philosophie. Ich lege dabei wert auf die Genauigkeit. Ich sage damit nicht, dass ich den zahlreichen Interpretationen, die nur allzu oft für die Organisation von Hierarchien benutzt werden, folge. Ich leite meine Verantwortung allein aus meinem eigenen Handeln ab und ersehe es als logisch, dass mein Handeln über den Tod hinaus eine Auswirkung hat.

Was macht Herr Broder mit dieser Rede? Er wäscht meiner Auffassung nach die Weste der AfD. In der Zeit vor 1933 sympathisierten diverse Deutsche mosaischen Glaubens mit den Nationalisten. Auch hier möchte ich mein Verständnis davon klar stellen. Nationalismus ist für mich die Unterordnung jeglicher Lebensaspekte zum Wohle einer Nation. Der Gegensatz ist die Differenzierung. Damit meine ich die Anerkennung anderer Bedürfnisse, wie z.B. der Anspruch eines Vaters seinen Kindern über die nationalen Bedürfnisse hinaus, eine erlebbare Welt zu hinterlassen, die mindestens die Vielfalt hat, wie ich sie in jungen Jahren einst kennenlernte.

Meiner eigenen Analyse nach, übersahen die damaligen deutschen Konservativen, darunter auch diverse Deutsche mit mosaischen Glauben, dass dieser Nationalismus nahezu immer über die Begründung eines Außenfeindes funktioniert. Das hat eine innere Logik. Nationalismus ist ein künstlich erdachtes System, jenseits des ursprünglichen menschlichen Verhaltens. Evolutionär sind wir auf dem Stand, dass wir uns in Horden organisieren. Modern nennen wir das „Bezugsgruppen“.  Dieser ordnen wir normalerweise unsere Bedürfnisse unter. Nationalismus ist ein Steuerungsinstrument von Massengesellschaften.

Herr Broder scheint auf einem konservativen Kriegspfad zu sein, bei dem er versucht die sich bockig separierten nationalkonservativen Kräfte wieder zu einen, damit sie gemeinsam gegen den progressiven Feind antreten können. Er kommt mir dabei vor wie ein überheblichen Nachfahren des Zauberlehrlings, der von sich selbst glaubt, mit den Geistern besser umspringen zu können. Den menschlich mindestens forcierten Klimawandeln anzuzweifeln, ist nichts anderes denn purer Nationalismus. Eine Zustimmung würde Folgen nach sich ziehen. Eine Nationen übergreifende globale Vernunft wäre notwendig. Das eifersüchtige Betrachten des eigenen Wohlstands und die Verteidigung dessen gegenüber anderen Nationen, würden der Vernunft widersprechen.

Herr Broder geht aus jüdischer Sicht verständlich, die Aussage des GRÜNEN Michael Cramer an, der sich auf eine Meta – Ebene begab, in dem er gedankliche Parallelen zwischen dem Holocaust und den Klimaleugnern herstellte. Einem wie Broder, hätte ich persönlich eine tiefere Analyse zu getraut. Das Leugnen des menschlichen Einflusses auf den Klimawandel ist unvernünftig und basiert auf politischen taktischen Überlegungen, einer konkreten Gruppe von Menschen. Der Holocaust war das katastrophale Ende eines Denkens, welches lange vor der widerlichsten Offenbarung des menschlichen Verhaltens aufkam. Entgegen jeglicher Vernunft, wurde ein Außenfeind gesucht, der innere Einigkeit schaffen sollte.
Diesem Außenfeind wurden die abenteuerlichsten Aktivitäten unterstellt. Es wurde etwas in Gang gesetzt, was in einem perfektionistisch und durchstrukturierten Land, mit einem unerschütterlichen Glauben an Autoritäten, zum bekannten Markerpunkt, der Menschheitsgeschichte führte. Es wurde also aus politischen taktischen Gründen, nämlich der Sicherung des Nationalismus, ein Mittel eingesetzt: Erschaffung eines Außenfeinds mit Hilfe aller bekannten rhetorischen Mittel und propagandistischen Manipulationstechniken. Immer entgegen der Vernunft. Außerdem wurde die Naturwissenschaft insofern missbraucht, in dem die Propaganda mit daraus entlehnten Begriffen gespickt wurde.

Was passiert heute? Die Nationalkonservativen wenden wieder einmal politisch taktische Mittel und Rhetorik an und setzen etwas in Bewegung. Jenseits aller Vernunft verweisen sie einen logisch und naturwissenschaftlich belegbaren Einfluss des Menschen in die Legende. Erneut finden wir uns in einer Zeit wieder, in der der Vernunft die Propaganda, von einem Neffen Sigmund Freuds – Edward Bernays – in Public Relations – umbenannt, entgegengesetzt wird. Es gilt Naturwissenschaftler und kritische Intellektuelle auszuschalten in dem man sie auf der Oberfläche angreift, Aussagen vereinfacht, Argumente umdreht usw.. Der jüdische Glauben hat weitestgehend in seiner Rolle des Außenfeindes ausgedient und erreicht nur noch wenige. Deshalb kann sich Hr. Broder bei der AfD für die Akzeptanz Israels bedanken. Seine Zuhörer sind längst einen Schritt weiter. Sie haben mittels Erschaffung von Stereotypen und Schubladen die „Flüchtlinge“ für diese Rolle auserkoren. Alles zusammen ergibt ein Gesamtbild einer „Bewegung“, die einem nicht unbekannt erscheint.

Hr. Cramer mag sich unglücklich ausgedrückt haben u. erzeugt im ersten Anflug einen Reflex des Widerwillens, doch bei genauerer Betrachtung, ist seine These mindestens diskutierwürdig und mit Sicherheit kein Griff ins Plumpsklo. Nun wissen wir, dass Hr. Broder nicht der erklärte und legitimierte Sprecher aller Deutschen mit mosaischen Glauben ist. Er selbst stellt in seiner Rede fest, dass er oft instrumentalisiert wurde. Welche Idee er bei der Annahme der Einladung auch immer verfolgte, faktisch hat er sich präsentiert: „Hier stehe ich, macht mich bitte zu Eurem Instrument!“. Damit auch keinerlei Zweifel aufkommen, wurde er PR tauglich fotografiert.

In meiner Philosophie hat er gehandelt, muss sich damit selbst zur Verantwortung ziehen und seine Wirkung auf das gesamte Geschehen, von dem er ein Teil ist, anerkennen. Folgerichtig endet er mit den Worten:

„Also mache ich es kurz und schmerzlos: Vielen Dank für die Einladung. Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt. Und ich wünsche Ihnen die Kraft und den Mut, sich selbst infrage zu stellen.“

Ja, dieser Mut und die Kraft ist ihm zu wünschen. Mir wurde vor wenigen Jahren die Botschaft zu teil: „Beenden Sie den Kampf gegen das vermeintlich Böse und unterstützen Sie das ihrer Meinung nach Gute.“ Gut und Böse sind Definitionen und sind abhängig vom Betrachter. Meiner Meinung nach, hat sich Hr. Broder der Unvernunft zugewandt, während die junge Schwedin Greta Thunberg an die globale Vernunft appelliert. Selbstkritisch muss ich einräumen, dass ich früher jungen Menschen ebenfalls eine politische Weitsicht absprach.

Mit Sicherheit wird auch sie instrumentalisiert. Dem kann heutzutage niemand entkommen. Und selbst wenn sie ein Teil einer PR Kampagne ist, ist sie immer noch ein Teil der Unterstützung der Vernunft. Warum hierfür nicht die Mittel der PR einsetzen? Ich wundere mich schon länger, warum seitens der Menschen, die eine Abkehr vom unvernünftigen, nationalistischen und zerstörerischen Verhalten des Menschen einleiten wollen, dieses Mittel der Massensteuerung nicht viel häufiger genutzt wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige ehemalige Kämpfer für die andere Richtung ihre Verantwortung entdeckt haben und Willens sind, die anderen zu unterstützen.

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