Hängt ihn …

Eine junge Frau und ein Mann stehen morgens auf. Beide ahnen nicht, was Ihnen dieser Tag bringen wird. Am Ende des Tages wird die Frau tot sein und das Leben des Mannes hat sich durch den Tod der Frau vollständig verändert. Zwei Leben auf Konfrontationskurs. Genau das ist in Berlin passiert. Zwei Fahrzeuge knallten ineinander und für die Frau ging die Sache tödlich aus. Es hätte auch alles anders kommen können. Ebenso hätte der Mann oder sein Beifahrer sterben können.

Ich selbst bin über Jahrzehnte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über Autobahnen und durch die Stadt gerast. Stets am äußersten Limit und oft auch darüber hinaus. Nachträglich betrachtet kann ich jeden Tag in den Spiegel schauen und mir selbst ins Gesicht sagen: Du hast es überlebt! Jeden Tag hätte mich beides ereilen können. Ich habe meins und das Leben anderer riskiert. Wofür?

Es galt einen Job zu erledigen. Wir, mein Team und ich gegen die Kriminalität, den Terrorismus, den Staatsgefährder, den Rauschgifthändler und manchmal auch gegen den Eierdieb. Um was es ging, geriet all zu oft in den Hintergrund. Ich machte meine Arbeit. Durch den Verkehr zu rasen war für mich so normal und Teil des Jobs, wie für andere auf einer Baustelle mit dem Presslufthammer zu arbeiten. Menschen neigen dazu, die Gefahr zu verdrängen.

Es gab diese ruhigen Minuten des Nachdenkens. Was mache ich hier eigentlich? Aber sie waren selten.

Da waren auch diese Zeiten, in denen wir Kritik übten. Speziell meine Truppe, die eigentlich mal gebildet wurde um Terroristen und Schwerstkriminellen Einhalt zu gebieten, wurde ab 2000 immer häufiger mit Aufträgen belegt, die sich weit unter dieser Schwelle bewegten. Der Zeitgeist hatte sich gewandelt. Effizienz, bestimmte das Denken. Es konnte und durfte nicht sein, dass Leute «unbeschäftigt» auf einer Arbeitsstelle herum saßen und sich mit der Vorbereitung, Training und Fortbildung beschäftigten. Wir hätten bei diesen anderen Aufträgen einen Gang herunterschalten können, aber das hätte gegen die Ehre und das Selbstverständnis verstoßen. Wenn uns schon ein «Eierdieb» mit seinem Fahrzeug abhängen konnte, was sollte dann erst mit dem Schwerkriminellen sein? Wir ernteten viel Lob, so lange wir Erfolg hatten.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem wir nach einer langen Fahrt quer durch Deutschland zurückkehrten. Wir beobachteten zwei Rauschgiftdealer. Teilweise nutzten sie den Zug. Teile des Teams rasten mit den Fahrzeugen parallel zum ICE über die Autobahn und schafften es sogar vor dem Zug in Köln zu sein. Das dürfte ein ausreichender Anhaltspunkt sein. Berlin – Köln, und wir waren schneller, nur um dort das Aussteigen und die Taxifahrt begleiten zu können. Man kann niemanden vor Ort benachrichtigen, weil einem der Täter leider nicht vorher sagt, wo er hin will. Im Grunde genommen: Wahnsinn! Zwei Rauschgiftschmuggler! Mitteilnehmer eines sinnlosen Krieges, der nicht gewonnen werden kann. Jedenfalls saßen wir in unserem Raum und werteten die Geschehnisse aus. Die Tür ging auf und der oberste Leiter fand lobende Worte. Er sprach davon, dass wir wieder einmal bewiesen hatten, zu welchen Leistungen wir fähig sind.

Wenige Minuten nach ihm, trat sein Stellvertreter in den Raum und sprach ganz andere Worte. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir ab 130 km/h auf «eigene» Rechnung fahren würden und im Falle eines Verkehrsunfalls einer Verurteilung nicht entkämen. Ich war damals empört. Was sollte der Kram? Der Job war nur zu erledigen, wenn man sich weit jenseits dieser Grenzen bewegte.

Ich kenne zum Thema nahezu jeden Spruch, Argument und Ausführung. Oftmals wird der Jagdtrieb angesprochen. «Den kriege ich!». Da ist etwas dran. Am Steuer sitzt ein Mensch. Und umso schneller er fährt, desto mehr mutiert er zum von Instinkten gesteuerten Steinzeitmenschen. Dann wäre da die Argumentation, dass schnelles Fahren eine geringe Zeitverkürzung zur Folge hat. Eine Aussage, die für einen Menschen, der einen Termin einhalten will, korrekt ist. Für jemanden, der zu einem Geschehen fährt, eine unsinnige Aussage. Bereits wenige Sekunden können alles ändern. «Wenn Du einen Unfall hast, kommst Du gar nicht an!», ebenfalls eine bedenkenswerte Aussage. Aber wenn sechs Fahrzeuge losrasen und fünf kommen durch, wird auch dieses entkräftet.

«Kein Einsatz rechtfertigt die Gefährdung eines Unbeteiligten!» Dieses Statement eröffnet eine philosophische Diskussion. Auf der einen Seite habe ich eine Personengruppe, die sich nicht an die Regeln hält und sich rücksichtslos auf Kosten anderer bereichern will oder das Leben anderer vollkommen egal ist, anderseits eine Berufsgruppe, die im Auftrag der Gesellschaft dieses unterbinden soll. Wie weit dürfen die für diesen Auftrag gehen und welche Risiken dürfen sie eingehen? Welchen Preis ist die Gesellschaft bereit zu zahlen? Wird: «Zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen!», im Falle eines Unfalls akzeptiert oder gilt: «Das darf nicht passieren!».

In der Öffentlichkeit sind alle diese Überlegungen in der Regel kein Thema. Etwas passiert, ein Funkwagen rast mit Blaulicht heran oder vorbei. Das ist in Berlin Alltag. Oftmals sind es auch Zivilfahrzeuge, ohne Blaulicht und Martinshorn – ein besonders schwieriger Fall. Zum Thema wird es erst, wenn es zu einer Gefährdung oder gar zu einem tödlichen Unfall kommt. Es gilt dann in der Öffentlichkeit: «Das darf nicht passieren!» Die logische Konsequenz daraus wäre: «Nicht machen, weil es der Auftraggeber nicht wünscht.» So einfach ist es aber leider nicht. Der Auftraggeber will nämlich beides. Umgangssprachlich: «Wasch mich, aber mach mich nicht nass dabei!» Wer will schon hinnehmen, dass bei einem statt findenden Raubüberfall, die Polizei gemächlich zum Ort bummelt? Da ist noch nicht von der Observation eines potenziellen Terroristen (Gefährder), einer Verfolgungsfahrt nach einem Überfall oder die Gestellung eines Rasers, der sich und andere in Lebensgefahr bringt, die Rede.

In Berlin ist es zu einem tödlichen Unfall gekommen. Die Polizisten, welche am Unfallort eintrafen, hatten bewusst oder unbewusst diese Dinge im Kopf. Es ist das eingetreten, was nicht passieren darf. Jeden hätte es selbst treffen können. Am Unfallort geht es um zwei Menschen. Die tote junge Frau und den Kollegen, für den das Leben eine Wende genommen hat.

Alle Anwesenden wissen das. Der jungen Frau ist nicht mehr zu helfen, die Kollegen werden ins Krankenhaus gebracht. Alles andere hat Zeit. Ermittlungen, Feststellung der Fakten und Umstände. Und irgendwann wird es um eine Schuldfrage gehen. Schuld ist in unserem Rechtssystem die individuelle Vorwerfbarkeit einer Handlung. Ist das Geschehen wirklich individuell? Es gab da diesen Vorlauf! Nämlich all die ungelösten Fragen zum Thema. Bei einer Einsatzfahrt, darf der Polizist gegen alle Regeln verstoßen, aber er muss besonders sorgsam dabei sein. Anders gesagt, er muss das Risiko der Gefährdung auf ein Minimum beschränken. Ein Widerspruch in sich selbst. Risiko bedeutet, dass etwas nicht ausgeschlossen werden kann. Doch bei Gericht ist die Auslegung recht einfach. Wenn es zu einem Schadensereignis gekommen ist, bedeutet dies, dass der Unfallfahrer dieser Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen ist.

Im konkreten Berliner Ereignis wurde die Schuld erst einmal dem Opfer zugewiesen. Angeblich habe sie mit dem Mobiltelefon telefoniert. Eher eine Konstruktion, denn eine wirkliche Begründung. Millionen Autofahrer machen dies. Im Übrigen ist die Lage im Einsatzfahrzeug noch eine ganz andere. Funk, die Gedanken bereits am Einsatzort, der Stress, sind um ein hundertfaches mehr geeignet, den Fahrer aus der Konzentration zu bringen. Dann wurde etwas bekannt, was die individuelle Vorwerfbarkeit vollkommen verändern könnte. Es besteht der Anfangsverdacht, dass der Unfallfahrer 1 Promille Alkohol im Blut hatte.

Es kann nur ein Anfangsverdacht sein. Denn die Blutprobe wurde nicht unter den üblichen Standards entnommen. Das reine Vorhandensein des Alkohols besagt nichts. Ich persönlich habe schon die merkwürdigsten Verläufe eines Geschehens erlebt. Leute mutierten zu schweren Heroinabhängigen, weil Proben verwechselt wurden. Werte jenseits der Letalität, liessen Fragen aufkommen und klärten sich durch den unsachgemäßen Umgang.

Diversen Leuten wird Fragen zu stellen sein. Der gemessene Wert von einem Promille kann beim Verdächtigen, wenn er denn tatsächlich vorher getrunken haben sollte, was bis zum erbrachten Beweis nicht fest steht, den anderen nicht entgangen sein.

Da der Beweis bisher nicht besteht, sind meine folgenden eine Sätze eine theoretische Annahme.

Nehme ich an, dass er dazu in der Lage war, dies zu verstecken, müsste ich von einem Alkoholiker ausgehen. Alkoholismus wird beobachtet, jeder weiß es, hinter vorgehaltener Hand wird drüber gesprochen, aber niemand reagiert. Warum? Weil er häufig dazu gehört und hingenommen wird. Meistens gehts dabei um den sozialverträglichen Alkoholismus.

Der Alkoholiker trinkt, aber er funktioniert. Welcher Trinker will einem anderen Trinker einen Vorwurf machen? Die Kriterien sind: Kein «Überhänger» beim pünktlichen Dienstantritt, wie viel Du zu Hause kippst, ist mir vollkommen egal. Das funktioniert bei den Dienstzeiten in Berlin vielfach nicht mehr. Der Personalmangel bewirkt unvorhergesehene Änderungen bei den Dienstzeiten, Alarmierungen und seltsam anmutende Rhythmen machen eine Planung unmöglich. Der sozialverträgliche Trinker muss nicht zwingend ein «Spiegeltrinker» sein. Es genügt vollkommen, dass er bei einer Grillparty so viel Alkohol konsumiert, dass er nach fünf Stunden Schlaf immer noch Restalkohol im Blut hat. Unsere Gesellschaft ist eine, die aus medizinischer Sicht von Alkoholismus geprägt ist. «Bitte? Fünf Bier und zwei Cola Rum sind doch kein Alkoholismus, erst recht nicht, wenn es nicht jeden Tag ist.» Doch!

Wäre dies der Fall, gäbe es jede Menge andere Leute im Umfeld, die sich Fragen zu stellen haben und ihnen auch zu stellen sind. Sie wären mindestens mitverantwortlich. Ein ganzes System müsste hinterfragt werden. Alkohol, private Probleme, heruntergeschraubte Aggressionsschwellen, Tunneldenken u.s.w. kommen nicht unerklärlich von irgendwo her. Das sind Folgen der beruflichen Belastungen und die Tatenlosigkeit der Verantwortlichen. Jeder Gastronom weiß, das Polizisten und Feuerwehrleute mit zu den trinkfestesten Kunden gehören. Das ist Teil ihrer beruflichen Sozialisierung. Ein sich in Pensionierung befindlicher ehemaliger Teampartner von mir sagte mir mal: «Eins werde ich dem Verein niemals verzeihen. Sie haben mir das Trinken beigebracht.» Aber wie geschrieben: Reine Spekulation. Genauso kann der Fehler, aufseiten des Krankenhauspersonal liegen. Auch die Verkettung unglücklicher Umstände ist in Betracht zu ziehen. Das ist Aufgabe der Ermittler.

Die Bevölkerung und die Presse arbeiten sich am Geschehen ab. Das Motto der letzten Tage lautet: «Hängt ihn höher!» Der Mensch, der damit klar kommen muss einen anderen Menschen getötet zu haben, ist dabei völlig egal. Es wird vom «Suff – Cop» gesprochen. Dazu kann ich nur Anmerken, dass der Sprachgebrauch eines Menschen immer auch eine Selbstauskunft ist. Es gibt da diesen uralten Witz: «Laufen ein Journalist und ein Polizist an einer Kneipe vorbei!» Gerade die Herrschaften bei der BILD sollten recht vorsichtig beim Werfen des sprichwörtlichen Steins sein. Ein Part bei der Geschichte ist auch die Tatsache, dass Polizisten die undankbare Aufgabe haben, andere bezüglich Alkohol am Steuer zu kontrollieren und im Zweifel den Führerschein abzunehmen. Machen wir uns nichts vor: Ich unterstelle 90 % der Führerscheininhaber, dass sie mindestens zehn folgenlose Trunkenheitsfahrten hinter sich haben.

Die Logik vieler Menschen ist ein wenig eigenartig. Wenn mir einer den Führerschein abnimmt, tatsächlich passiert das eigentlich erst später seitens des Ordnungsamts, muss er eine weiße Weste haben. «Warum halten die mich an, die sind doch selbst nicht besser!» Das mutet ein wenig pubertär an.

Der Polizist soll ein Vorbild sein. Mit Verlaub: Schwachsinn! Wie muss ich mir das vorstellen? Oha, es gibt tatsächlich Menschen, die nicht saufen, nicht klauen, immer ehrlich sind, rücksichtsvoll und umgänglich sind – dem eifere ich mal nach. Ab sofort führe ich das Leben eines Polizisten. Ich kann theoretisch eine gewisse charakterliche und psychische Eignung, die dauerhaft von Vorgesetzten beobachtet wird, erwarten. Und bereits an dieser Stelle kommt die Kiste ins Schlingern. Täglich, das eigene Leben für vollkommen fremde Menschen zu riskieren ist normalerweise kein Zeichen von gesunden Menschenverstand. In Gefahrensituation nicht zu flüchten, sondern hineinzugehen ist nicht im Verhalten von Menschen vorgesehen. Erst kommt die Flucht, an zweiter Stelle, wenn es nicht anders geht, der Kampf. Das verändert die Persönlichkeit grundlegend. Normale Menschen haben grundsätzlich auch keine Veranlassung sich jeden Schrecken anzusehen, sich ständig mit Menschen konfrontiert zu sehen, denen der Eingriff in ihre Handlungen nicht passt.

Ein weiterer Punkt wird öffentlich an den Pranger gestellt. Am «Corpsgeist» entzündet sich der Unmut bis hin zu hassvollen Kommentaren. Fakt ist: Ohne ihn würde nichts mehr bei der Polizei funktionieren. Polizisten und Soldaten befinden sich in einer Gefahrengemeinschaft. Sie müssen sich gegenseitig im Einsatz blind vertrauen. Wenige Menschen in anderen Berufen kennen das. Aber es gibt sie. Bergsteiger befinden sich in der gleichen Lage. Ich vertraue einem anderen Menschen mein Leben an. Darüber hinaus findet eine Abkapselung statt. «Wir und die da draußen!»

Der Begriff Realität ist schwer zu fassen. Aber einem Einsatzbeamten wird die Natur des Menschen deutlicher vor Augen geführt, als einem Angestellten. Ein Einsatzbeamter kann sich nicht irgendwelchen Wunschvorstellungen hingeben, sondern er muss mit Fakten und Tatsachen arbeiten. Es wäre wünschenswert, wenn es vieles im menschlichen Verhalten nicht gäbe, doch die Realität sieht anders aus. Das findet Ausdruck im viel gesprochenen Satz: «Das darfst Du alles da draußen niemanden erzählen!»

Teile der Gesellschaft wollen mit Wattebäuschen und Balletttänzern der nackten rohen Gewalt begegnen. Nietzsche sagte: «Wenn Du lange genug in einen Abgrund blickst, schaut er eines Tages zurück.» Diese Teile wissen nichts von Gewalt und menschlichen Abgründen. Es ist ihnen schlicht egal, was der Umgang damit aus Menschen macht. Der letzte Krieg ist lange her. Einigen Leuten geht es sehr gut und sie können in Frieden leben. Andererseits bringt sie bereits das Lesen der Nachrichten in Wallung, Rage und Angst. Tatsächlich wurden sie selbst niemals Opfer oder es besteht eine geringe Chance, dass ihnen mal etwas passiert. Der Sturz von einer häuslichen Leiter, das Ausrutschen in der Dusche oder ein tödlicher Stromschlag sind die wahrscheinlicheren Ereignisse. Wir reden dann vom subjektiven Sicherheitsgefühl. Die Bedrohungen und der Anblick von Gewalt, Elend, Not, Verrohung und Leid sind für den Polizisten keine Annahmen, sondern die Realität. Wen wundert es, wenn sich diese Menschen zusammenschließen? Mit den «erlaubten» Mitteln, ist häufig der Auftrag nicht leistbar.

Wieder eine dieser philosophischen Fragen. Dazu ein kleiner Exkurs:

«… ein weiser Mann wird niemals jemanden tadeln wegen einer ungewöhnlichen Tat, wenn sie dazu dient, ein Reich in Ordnung zu bringen oder eine Republik zu gründen. Wenn ihn auch die Tat anklagt, so muss ihn der Erfolg doch entschuldigen».


Niccolò Machiavelli, «Discorsi».

Meinen Recherchen nach, u.a. auf der sehr empfehlenswerten Seite http://falschzitate.blogspot.com, wurde dieses Zitat später zu: «Der Zweck heiligt die Mittel.» Ähnlich äußerten sich Demosthenes, Ovid, Baltasar Gracián, Blaise Pascal und einige Jesuiten. Während auf Kant basierende Schulen dies ablehnen, wird es im Konsequentialismus, zu dem auch der Utilitarismus gehört, bejaht.
Ohne diesen Unterbau zu kennen, handeln viele Polizisten nach diesen ethischen Prinzipien und befinden sich damit im direkten Kollisionskurs zur deutschen Mittelschicht. Das schweißt zusammen und ein Schutzschirm wird installiert. «Corpsgeist» ist nichts anderes als «Group Thinking». Das Individuum ordnet seine eigenen moralischen und ethischen Prinzipien denen der Gruppe unter. Ein völlig normaler menschlicher Prozess. Dazu gehört auch die interne Regelung von Verstößen, da jedes Mitglied der Gruppe weiß: Draußen «hängen» sie Dich dafür. Man kann dazu stehen wie man will, aber in erster Linie ist es die Realität. Alles andere sind Wunschvorstellungen. Genauso wie es Realität ist, dass die Verrohung und die psychischen Erkrankungen in allen Gesellschaft zu nimmt. Wer dem betroffenen Polizisten «falschen Corpsgeist» unterstellt, sollte ich einige Gedanken mehr machen.

Wenn das nicht gewollt ist, muss das geklärt werden und diverse Konsequenzen müssen in Kauf genommen werden. Das ist immer so. Wer etwas fordert, muss die positiven und negativen Folgen mit in Betracht ziehen. Ebenfalls muss sich jedes Gruppenmitglied fragen, ob die vorhandene Gruppen Ethik den eigenen entspricht. Weiterhin muss es sich fragen, wie weit das gegenseitige «Decken» gehen darf.

Die BILD und andere Boulevardblätter schlachtete das auf Facebook zur Schau gestellte Privatleben des Peter G. aus. Ein sehr interessanter Faktor. Wie auch ich, hat er tiefe Einblicke zugelassen und sie damit einem Urteil von Menschen preisgegeben, denen es überhaupt nicht zusteht zu urteilen oder zu bewerten. Ich, einer der das alles überlebt hat, werde mit Sicherheit nicht auf die Idee kommen, sein Handeln zu bewerten oder gar zu beurteilen. Ich kann nur preisgeben: Ich habe mehrfach gehandelt wie er, in meinem Fall tatsächlich auch mit einem Überhänger, und es ist nichts passiert.

Im Nachgang habe ich mich mit meinem Handeln kritisch auseinandergesetzt und habe meine Schlüsse daraus gezogen. Und ich kann auch von mir sagen, dass ich Übertretungen anderer «gedeckelt» habe, die Gruppen Ethik lange Jahre akzeptiert habe und mich dem unterordnete. Ob mein Handeln falsch oder richtig war, steht für mich außer Frage. Der Mensch damals befand es für gut und richtig, heute würde ich anders handeln bzw. mich gar nicht mehr in diesen Beruf begeben, weil meine Überzeugungen sich an vielen Stellen gewandelt haben.

In meiner Vergangenheit gab es unzählige Gelegenheiten, in denen es mir exakt wie ihm gegangen wäre. Im Grunde genommen stellt die Boulevardpresse eine ganze Menge Polizisten an den Pranger und verurteilt. Ein Leben ist vorbei, ein anderes geht weiter. Peter G. ist nicht mit dem Vorsatz einen Menschen zu töten ins Fahrzeug gestiegen. Ich unterstelle ihm, dass er nicht mit 130 km/h gefahren ist, weil er geil auf schnelles Fahren war. Niemand schaut bei einer Einsatzfahrt auf den Tacho. Die Geschwindigkeit ergibt sich aus der eigenen Beurteilung der Strassensituation. Er hat sich selbst, die Situation und die Technik falsch eingeschätzt. Im Bruchteil einer Sekunde hat er sich entschieden. Genau genommen hat er zig Entscheidungen getroffen.

In diesem Beruf muss man an etwas Glauben. Wenn dann etwas völlig aus dem Ruder läuft, vom Schusswaffengebrauch bis zum tödlichen Verkehrsunfall, hat man in der eigenen Seele eine persönliche Begründung für das Geschehene. Wenn der nicht mehr vorhanden ist, wird es schwierig mit dem Weiterleben.

Was ich von Peter G. gelesen habe, spricht dafür, dass er sehr tief von diesem Glauben durchdrungen ist. Was da in der Öffentlichkeit passiert ist eine üble Geschichte. Ein Mensch, der ohne Vorsatz ursächlich für den Tod eines anderen Menschen ist, wird behandelt, wie ein eiskalter Mörder, damit sich der Pöbel daran aufgeilen und abarbeiten kann. Mir sagt das eine Menge über die Autoren der Artikel, ihrem Menschenbild, den eigenen Vorstellungen bezüglich des Berufsethos und ihres Selbstverständnisses. Eiskalte innerlich seelenlose Typen, die den Rest der Menschen zum Gegenstand degradieren und mittels modernisierten mittelalterlichen Pranger ihre Miete finanzieren. Das wird ihnen irgendwann im Leben auf die Füße fallen. Jeder erzeugt sich sein Umfeld selbst und in deren möchte ich nicht leben. Nattern in einer Schlangengrube.

Es geht auch gar nicht um Peter G., der Polizei soll eine mitgegeben werden. Ätsch, jetzt sind wir mal am Zug. Falsch! Die Polizei ist ein Dienstleister, den ihr bezahlt und beauftragt. Jeder kommt aus der Gesellschaft und ist damit auch ein Abbild dessen, wie es um sie steht. Und daran ist auch die Presse beteiligt, für die die Aussage gleichfalls gilt. Wir formen uns gegenseitig und was ich von dieser Gestaltung halte, habe ich zum Ausdruck gebracht.

Nein, ich verteidige nicht Polizeifamilie. Ein unsäglicher Begriff. Familie wird mir per Geburt zugewiesen. Mein weiteres Umfeld suche ich mir aus. Zum Ausdruck soll gebracht werden: «Blut ist dicker als Wasser und egal was passiert, wir stehen zueinander!» Ich habe die Polizei in vielen Bereichen deutlich anders erlebt. Auch da gibt es genug Nattern in der Schlangengrube. Anders würde sich zum Beispiel nicht ein ausgeprägtes Mobbing Problem, welches selbstredend immer bestritten wird, erklären. Die Behauptung, dass sich alle Polizisten gegenseitig decken, ist schlicht Unfug. Stellenweise und in bestimmten Situationen kommt das vor, aber es gibt mehr das entgegengesetzte Verhalten und man kann sich glücklich schätzen, wenn man seinem Team und unmittelbaren Partner vertrauen kann.

Ich bin weniger am Geschehen selbst interessiert. So hart es auch sein mag, das passiert und wird weltweit immer wieder passieren. Die Leute, welche herum krakeelen, dass sie in Gedanken bei der Familie sind, sind in meinen Augen Heuchler. Bei all den anderen täglich durch Gewalteinwirkung Sterbenden ist ihnen das auch egal. Vielmehr macht Ihnen Sorge, dass ihnen mal wieder eine Option mehr ums Leben zu kommen, auffällt. Hach ja … das Leben ist gefährlich. Sehr viel spannender finde ich den gesellschaftlichen Umgang mit der Zeit danach. Auch das zur Schau getragene Bild von der Polizei ist hoch interessant. Letztens fragte ich eine junge Frau zu einem anderen Thema, wie sie sich denn in einer von mir beschriebenen Einsatzsituation verhalten würde. Sie antwortete: «Die Position des Polizisten ist mir ziemlich egal, ich zahle Steuern und er hat für das Geld gefälligst zu handeln.» Ja, das sind sie, die lieben Auftraggeber.

Wie geht die vorwiegend mittelständische bürgerliche Gesellschaft oder wer auch immer alles Leserschaft der Boulevardpresse angehört, mit Menschen um, die eine falsche Entscheidung trafen? Bisher: «Hängt ihn höher!» Was mich persönlich wieder in meiner Einstellung zum Menschen bestätigt.

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5 Kommentare zu „Hängt ihn …“

  1. Eine gute Entgegnung zum „dummen Zeitgeist“? Der Spagat zwischen dem Corpsgeist und der Recht wird bleiben. Schön wäre es ,wenn dieser oder jener einmal mehr sagen könnte: „Du, das war nicht okay jetzt“: (Ein solcher Unfall ist da aber ungeeignet für) Das machen wenige. Aber das hast du ja angedeutet, Kollege.
    Es bleibt auch zu hoffen, dass der Eindruck, es könne alles „zurecht geschrieben werden“ in diversen Anwärterköpfen nach erstem Praktikum sich nicht zu tief einfrisst.

    Von der Seele geschrieben nenne ich das. Gut so.
    Einen schönen Abend.
    Uwe

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  2. Guter Artikel, aber ein Punkt würde ich gerne diskutieren. Du stellst den Korpsgeist als etwas positives in Gefahrensituationen hervor. Was auch richtig ist, allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Polizisten und Soldaten. Wenn man einen Korpsgeist entwickelt schafft man ein Gemeinschaftsgefühl. Ich würde sogar sagen, dass jede Sportmannschaft einen ähnlichen Zusammenhalt beschwört. Soldaten haben dann als Feind ihre Kombatanten mit denen sie sich im Krieg befinden. Polizisten haben auch ein wir gegen die Gefühl und das ist aber das Problem denn „die“ sind alle restlichen Bürger und die sind nicht der Feind der Polizisten. Sie sind ihre Mitbürger und deswegen finde ich einen Korpsgeist bei Polizisten hinderlich da man ein falsches Feindbild aufbaut.

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    1. Zunächst würde ich den Begriff gern gegen Group Thinking eintauschen. Polizei ist nicht Polizei, sondern bei einer Betrachtung muss ich genau schauen, über welchen Einsatzbereich gesprochen bzw. diskutiert wird. Geschlossene Einheiten – der Begriff impliziert quasi Group Thinking – lassen sich nicht mit einem Ermittlerkommissariat vergleichen. Doch selbst die bilden im Idealfall ein Team. Einem Einsatzbeamten ist auf der Straße eine andere Persönlichkeitsstruktur zu unterstellen, als zum Beispiel einem Stabsbeamten. Es gibt durchaus in einigen Bereichen ein nahezu vergleichbares Feindbild, wie beim Soldaten. Wer längere Zeit in Demonstrationen eingesetzt wurde, die in Riots ausarteten, hat ein Gegenüber welches töten will. Darüber hinaus gibt es immer mehr Straftäter, die töten wollen. Aber es soll um die Bevölkerung gehen. Ja, wünschenswert wäre, dass eine Einheit zwischen Bevölkerung und Polizei besteht. Bevölkerung ist auch einer dieser schwierigen Begriffe, denn sie existiert als einheitliches Gebilde nicht. Anteile der Bevölkerung, haben die Polizei als Vertreter des Staats zum Feindbild erklärt. Zu ihnen gehören Politiker, besondere Rechtsanwälte, und eine nicht zu verachtende Zahl der Radikalen aus beiden Richtungen. Meiner Auffassung nach hat sich dieses aus dem Demonstrationsgeschehen heraus entwickelt. Die meisten, welche sich wütend auf „die“ Polizei stürzen, sind irgendwann mal auf eine Kampagne bezüglich Demo eingestiegen u. wie bei vielen Konflikten, ist der Ursprungskonflikt in Vergessenheit geraten. Weiterhin sehe ich eine gesellschaftliche Entwicklung, die davon geprägt ist, dass der Hauptteil der Bevölkerung nicht mehr bereit ist, eine Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Kurzformel: „Stimmt, habe ich Mist gebaut, OK!“ In diesem Zusammenhang wollen auch alle nur erdenklichen Freiheiten für sich in Anspruch nehmen, während ihnen die anderer vollkommen egal sind. Und wie ich schrieb: In der Wohlstandsgesellschaft wird immer mehr Sicherheit eingefordert, die letztlich irreal, am Geschehen der Zeit vorbei geht u. aus logischen Gründen heraus, auch nie bestand. All das zusammen ergibt eine Mischung, in der sich ein Regelbeauftragter nicht mehr bewegen kann. In einer kleinen Gruppe von zehn Leuten würde er vermutlich alles hinwerfen und sagen: Macht doch Euern Dreck alleine. Der „Bürger“ will, dass der andere reguliert wird, aber er selbst will frei sein. Ich möchte noch einen Punkt anführen: Wer kommt auf die Idee einen Fachmann herbei zu holen u. ihm dann erstens drei Stunden lang erklärt, wie man es richtig macht, dann das schlechte Ergebnis sieht und im Nachgang den Fachmann anklagt? In einem privaten Haushalt nicht, im Falle des Polizisten durchaus. In einigen Gebieten ergibt sich das Problem, dass der Täter nur gestellt werden kann, wenn viele Risiken in Kauf genommen werden. Was normal ist … der will ja nicht gefangen werden und ergreift alle möglichen Gegenmaßnahmen. Risiko bedeutet für den Polizisten in diesen Einsatzlagen: Geht’s schief, biste in der Presse und Dein Job hat sich erledigt. Das sieht der angesprochene „Bürger“ nicht. Sah er noch nie … doch früher gab es eine gewisse Akzeptanz. Die hat sich in der Assekuranzgesellschaft erledigt. Das sind tiefgreifende Konflikte, die das festgestellte entstehen lassen.

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  3. Ergänzung: Basierend auf der Annahme, dass Sicherheit und Freiheit sich auf einem Schieberegler befinden, mehr Sicherheit auch immer Freiheitsverlust bedeutet, bin ich strikter Gegner von Law & Order eines Wendt. Ich tue mir das alles nicht mehr an. Große Teile der deutschen Gesellschaft sind meiner Auffassung nach unlogisch und konfus unterwegs .Jenes kann mir aber egal sein. Mir ging es um die MENSCHLICHE Seite des Sachverhalts und die Erinnerung daran: Hier wird ein Mensch gezielt zerstört. Wollt ihr das? Wenn ja, warum?

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