Ergänzung zu Hängt ihn …

Nach der Veröffentlichung meines Beitrags hat sich die Diskussion bzw. die Debatte weiter entwickelt. Ich finde es ergeben sich mehrere Aspekte, die sauber voneinander zu trennen sind.

  1. Die Grundsätze einer Beweisführung. Die schriftliche Fixierung eines Promillewerts, die im Krankenhaus stattfand, hat lediglich einen sehr bedingten Beweiswert. Ich kann meiner Meinung nach von einem „ausgebildeten“ analytisch denkenden Journalisten diese Wertung erwarten. Erwartungen sind unausgesprochene Verträge, ich habe es hiermit ausgesprochen. Macht er es nicht, verdient einer meiner Auffassung nach nicht die Bezeichnung Journalist, sondern ist für mich lediglich ein den Pöbel bedienender von Dorf zu Dorf ziehender Moritaten – Sänger mit den modernen Möglichkeiten. Es geht dann nicht mehr um Journalismus, sondern um das Geld verdienen um jeden Preis.
  2. Es gibt eine Diskussion über «Korpsgeist» bzw. «Group Thinking». Sie ist separat zu führen. Ob dieses psychologische Phänomen im Sachverhalt eine Rolle spielte, ist eine reine Mutmaßung. Von individueller Solidarität eines Einzelnen bis zum menschlichen Fehlverhalten unter dem Eindruck des Unfalls ist alles möglich. Wer das unkritisch einfach annimmt, wollte da schon immer mal ran und benutzt die Verstorbene und den Überlebenden Peter G. für seine Zwecke. Ich erachte dies als ethisch unzulässig.

  3. Weiterhin ist abgetrennt eine Diskussion über die Grenzen, auch ethisch, bezüglich der Verfahrensweise von sog. Sonder – und Wegerechtsfahrten, zu führen. Was ist die Gesellschaft bereit zu tragen?

  4. Ich sehe eine Diskussion über die Zulässigkeit der Einnahme der Position eines Richters durch einen einzelnen Menschen bzw. durch eine Institution, nämlich der Presse. Dies ist eine ethische und kulturelle Diskussion. Wenn schon über eine Leitkultur diskutiert wird, gehört dieses Thema dazu. Warum sind wir eine Gemeinschaft von Richtern geworden und ist das ethisch zulässig? Wo liegen die Ursachen? Warum überheben sich immer mehr Menschen?

  5. Weiterhin eröffnet sich für eine Diskussion darüber, ob die berufliche Tätigkeit «Polizist» ein ausreichendes Argument ist, einen Menschen öffentlich an den Pranger zu stellen und ihn gleichzeitig jenseits seiner individuellen Persönlichkeit, zum Werkzeug zu degradieren. Im Übrigen gilt dieses für jeden Menschen! Diese Diskussion ist nicht neu und wurde bezüglich der «BILD» bereits 1977, von Günther Wallraf im Buch «Der Aufmacher. Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war.», eröffnet.

  6. Abgelöst von der Person Peter G. ist u.U. eine Diskussion über einen Verhaltenskodex von Beamten in den Sozialen Netzwerken zu führen. Das Gesehene, welches ebenso von hunderten anderen so gelebt und präsentiert wird, ist ein Teilbild der aktuellen Polizei. Hierfür gibt es Gründe, Erklärungen und psychologische Effekte. Und auch dieses Thema ist sehr differenziert anzugehen.

  7. Für mich ergibt sich die Fragestellung, inwiefern das sich zeigende Bild in den Social Media ein reales gesellschaftliches Abbild ist und inwieweit die Presse an dem sich immer deutlicher zeigenden Spaltung der Gesellschaft involviert ist oder sie nur ein Ergebnis dieses Effekts ist.

Die Vermengung dieser Einzeldiskussionen verfolgt Ziele und erfolgt vorsätzlich. Erneut wird von einer gesellschaftlichen Institution, die Presse, die niederen Instinkte bedient. Vorsichtig, aber teilweise sichtbar, springen politische Interessenvertreter auf den Zug auf. Erneut erleben wir in unserer Gesellschaft ein wütenden pöbelnden Mob, der von Institutionen, die Ratio anwenden könnten, angestachelt wird. Das macht nachdenklich. Gleichfalls erfolgt wieder einmal, eine Zusammenfassung und eine Stigmatisierung dieser erzeugten Gruppe. Ein Phänomen, welches wir bereits hinter uns wähnten.

Es ist dabei vollkommen egal, ob die Hartz IV Empfänger, die Flüchtlinge, die Schüler, die Studenten, die Polizisten oder andere unzulässig gruppenweise stigmatisiert werden. Das ist ein gefährlicher Trend und jeder, der eine differenzierte individuelle Betrachtung vornimmt, ist zu unterstützen. Die betreffenden Journalisten der TAZ, Tagesspiegel, BILD sollten sich vielleicht mal selbst hinterfragen, wie es passieren konnte, dass sie auf einem gemeinsamen Niveau gelandet sind. Ein durchaus interessanter Effekt.

Ich gedenke mich diesen Themen beizeiten einzeln zu widmen. Peter G. ist für mich in erster Linie ein Mensch, dessen Biografie mit mir beruflich Überschneidungen hat. Ich kenne ihn nicht persönlich, sondern habe lediglich einige Male etwas von ihm gelesen. So wie jeder Hausbesetzer, aus irgendeinem Land aus individuellen geflüchteter Mann, oder wer auch immer, hat er das verbürgte Recht in meinem Deutschland als Mensch unter Beachtung seiner Würde behandelt zu werden. Wer das missachtet, verstößt gegen einen Minimalkonsens. Besteht dieser Konsens allgemein nicht mehr, will ich mit diesem Konstrukt nichts mehr zu tun haben und distanziere mich davon.

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