Gut, Böse, Vernunft, Unvernunft … wer steht wo?

Unser Denken ist auf Spiegelbilder und Gegensätze angewiesen. Existiert etwas, was wir benennen können, gibt es auch ein Gegenteil davon. Manchmal ist es aber gar nicht einfach, dies zu ermitteln. Viele benutzen das Wort «böse». Erstens ist schwer, zu benennen, was denn eigentlich «böse» ist und zweitens ist es unmöglich ein Komplement für etwas zu finden, was nicht einmal definiert werden kann.

Also machen es sich die Menschen einfach und drehen den Spiegel einfach um. Jetzt heißt die Feststellung: Das Gegenteil von allem Guten ist das Schlechte bzw. das Böse. Was ist alles Gut? Das kommt ein wenig darauf an, wen man fragt. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, wahrheitsliebend, Gewaltlosigkeit laufen in der Regel unter dieser Definition. Was ist das Gegenteil von Nächstenliebe? Den uns zugänglichen Überlieferungen nach, soll Jesus es mit den Worten: Liebe Deinen Mitmenschen (Nächsten). Setze ich der Liebe den Hass gegenüber, darf ein Christ keinen anderen hassen.

Tut er es doch, ist er per Logik «Böse». OK, widme ich mich der Hilfsbereitschaft, bin ich böse oder ein schlechter Mensch, wenn ich anderen meine Unterstützung versage. Wahrheitsliebend! Seit mehreren tausend Jahren streiten sich Denker darüber, was damit gemeint sein könnte. Gemeinhin ist eine absichtliche falsche Aussage, jenseits dessen, was der Aussprechende selbst für wahr hielt, eine Lüge.
Gewaltlosigkeit steht Gewaltanwendung gegenüber. Auch hier streiten sich alle regelmäßig, wie weit Gewalt zu fassen ist. Aktive Gewalt, passive Gewalt, verbale Gewalt, körperliche Gewalt, alles nicht einfach. Sie ist auf jeden Fall immer gegen etwas gerichtet und kann sinnhaft nicht alleine betrachtet werden.
Wende ich Gewalt gegen etwas an, bin ich schlecht. Moment! Dann wäre der Staat mit seinem Gewaltmonopol etwas Böses? Wir verneinen dies, weil wir die Durchsetzung eines legitimen Anspruchs im Zweifel mit Gewalt gegen einen Widerstand für sinnvoll befinden. Legitim setzen wir um, als allgemein anerkannt, vertretbar, vernünftig/ berechtigt und moralisch einwandfrei. Das lässt es nicht einfacher werden. Es gibt durchaus Leute, die mit recht guten Argumenten, einiges staatliches Handeln gar nicht in diesem Sinne sehen. Das soll sogar schon zu Revolutionen geführt haben. Waren die Revolutionäre böse?

Ja, da schwirrt einem der Kopf. Haarspalterei, werden einige sagen. Was ich aufzeigen will, ist die Tatsache, dass die Worte Gut und Böse, an sich vollkommener Unsinn sind. Ebenso ist es sinnbefreit Gewaltlosigkeit zu predigen. Wer nicht zu 100 % der neu testamentarischen Forderung folgt: «Schlägt Dir einer auf die linke Wange, halte auch die rechte hin», wird nicht daran vorbei kommen, Einschränkungen bei dieser Aussage hinzunehmen. Ich muss Stellung beziehen und mich für eine Seite entscheiden. Habe ich das getan, werde ich unter Umständen der Gewaltanwendung dieser Seite zustimmen müssen. Der deutsche Bürger wendet mittelbar jeden Tag Gewalt an. Sie auf andere zu delegieren, spricht einen nicht frei. Besonders schräg ist es, wenn ausgerechnet Polizisten das Prinzip der Gewaltfreiheit einfordern. Sie haben sich halt entschieden, auf welcher Seite sie stehen und wenden für diese Gewalt an.

Wenn die deutsche Regierung eine militärische Intervention unterstützt und Soldaten entsendet, wenden jene stellvertretend für alle Deutschen, die das Staatssystem bejahen, Gewalt an. Auch aus diesem Blickwinkel ist es unsinnig von Gewaltlosigkeit zu sprechen. In Betracht zu ziehen, wäre noch die öffentliche Demonstration der Ablehnung dieser Einzelentscheidung. Nennenswerte Demonstrationen der staatstreuen Bürger gegen die militärischen Aktivitäten der Bundeswehr sind mir in den letzten Jahren nicht aufgefallen.

Fairerweise müsste ich dann den nächsten Schluss ziehen. Wenn ich mir selbst unter der Voraussetzung eines von mir selbst definierten legitimen Ziels die Anwendung von Gewalt zugestehe, dürfte das für alle anderen auch gelten. Stopp, wird an dieser Stelle der eine oder andere sagen. Meine Ziele sind legitim, während die des anderen, meinen nicht entsprechen, also sind sie ungerechtfertigt. Sagt wer? Wenn ich zwischen den beiden Polen hin – und her laufe, gilt das immer gerade da, wo ich stehe.

Ich glaube, den meisten geht es um eine selbst vorgenommene Standortbestimmung. Wenn der andere Böse ist, bin ich einer von Guten. Wenn ich dem anderen erzähle, dass er alles falsch macht, stelle ich die Behauptung auf, dass ich alles richtig mache.

Die Botschaft lautet: Ich sitze hier in meinem Sessel, halte mich an die Spielregeln, gebe meine Stimme ab, also bin ich ein Guter. Ich lehne Gewalt ab und Befürworte das Gewaltmonopol des Staats – damit bin nochmals Gut.


Einfach zu wissen, dass man es besser weiß reicht unserem Gehirn nicht, wir brauchen eine wie auch immer geartete Bestätigung. Und ich bin davon nicht frei, weil das für alle gilt. Auch ich habe mich mehrfach für einen Standort entschieden. Das war falsch.
Mir fiel das auf, als ich nochmals meine alten Unterlagen zum Konfliktmanagement durchging. Standpunkte sind nicht verhandelbar. Verhandelt und gesprochen werden kann nur, wenn man sich auf ein gemeinsames Ziel einigen kann, aber bezüglich des Wegs bzw. Prozess zum Erreichen uneinig ist. Demnach macht es nur Sinn mit Leuten zu sprechen, die ähnliche Ziele wie ich verfolge. Mit Gut und Böse komme ich da nicht weiter.

Eines meiner Ziele besteht darin, jedem meine Unterstützung zu kommen zu lassen, der bereit ist Prozesse einzuleiten, die geeignet sind, die essenziellen Bedrohungen abzuwehren. Dazu gehören sich unkontrolliert entwickelnde künstliche Intelligenz, die Atomwaffen und die damit in Verbindung stehende Gefahr eines atomaren Krieges, moderne Seuchen, der Klimawandel und die Gier des Menschen nach immer mehr Energie. Wer sich aus unvernünftigen nationalistischen Denken, mangelnder Vernunft, überzogenen Bedürfnisanmeldungen, den Lösungsprozessen entgegenstellt, muss mit aller Härte seitens der Generation, denen die Zukunft genommen wird, bekämpft werden. Ich gedenke nicht, mich ihnen entgegenzustellen oder ihre Handlungen negativ zu kommentieren. Die heute Zwanzigjährigen befinden sich in einem Krieg, den es so in dieser Form noch nie gab. Bisher war die Erde eine Bühne für das Theaterspiel des nackten Affen. Es ist ein Punkt erreicht, an dem die Affen anfangen, die Bühne einzureißen. Aus purer in Massengesellschaften entstandener Dämlichkeit.

Ein Bekannter kommentierte einen meiner Beiträge mit dem Hinweis, dass es nur noch wenige gute Plätze zum Siedeln gibt und es schon immer Stress gab, wenn Neuankömmlinge auftauchten. Das mag sein. Dann muss das überwunden werden und innerhalb kürzester Zeit eine Entwicklung herbeigeführt werden. Jeder muss sich entscheiden, auf welcher Seite er kämpft und welchen Zielen er sich anschließt. Denen der jüngeren Bedarfsträger oder denen der alten Säcke, die weiter machen wollen, wie bisher.

Die Guten, die Bösen, das hat sich alles erledigt. Vernunft gegen Unvernunft, Gier gegen Erkenntnis, Niedere Instinkte gegen Verstand, Radikales Umdenken gegen Althergebrachtes ängstliches Festhalten an gescheiterten Systemen, heißen die Kampfplätze der kommenden 50 Jahre. Neoliberalismus, Kapitalismus, Kommunismus, Faschismus, Nationalismus waren Ideen, deren Umsetzung lohnenswert erschienen. Warum auch nicht? Aber wenn ich etwas erfinde und in Gang setze, schaue ich mir an, ob es funktioniert. Funktioniert es nicht, war es nicht die richtige Lösung und ich brauche eine neue Idee.

Der Zustand der Erde, der Klimawandel, um die 160 Kriege im 20. Jahrhundert, 25 Millionen Tote durch Kriegshandlungen nach 1945, Konfliktforscher vermelden die höchste Zahl an Kriegen seit 1945, 42 Menschen auf dem Planeten Erde besitzen zusammen so viel, wie die restlichen 3,7 Milliarden Menschen, neun Atommächte verfügen über 14935 atomare Sprengköpfe, alle zusammen sind geeignet einen mehrfachen Overkill zu erzeugen, auf jeden Menschen kommt eine Sprengkraft von ca. 1 Tonne TNT, Ende 2017 waren 68,7 Millionen Menschen auf der Flucht, 821 Millionen Menschen litten 2017 Hunger, alle 3 Sekunden stirbt ein Mensch den Hungertod, die Industrieländer zwingen die Länder der Dritten Welt ihre Märkte zu öffnen und Subventionen für die eigene Agrarwirtschaft zu unterlassen, damit sie Nahrungsmittel in diesen Ländern verkaufen können, in großen Teilen der Welt drohen oder sind bereits Dürrekatastrophen zu befürchten, im Gegenzuge werden in Deutschland 11,5 Milliarden Liter abgefülltes Wasser getrunken, obwohl das Trinkwasser aus der Wand kommt, DAS ist alles Wahnsinn und Ergebnis der alten Ideen. Und die Zahlen verschlechtern sich jährlich.

Die Aufforderung an den Einzelnen, seinen Lebenswandel zu ändern ist schlicht lächerlich. Das hat noch nie funktioniert, wird niemals funktionieren und wird seitens der installierten Systeme stets verhindert werden. Macht kommt vom Verb «machen». Wenn wir schon Führungskräfte haben, die sich anmaßen Ideen zu haben, und wir ihnen Machtmittel in die Hand geben, dann sollen sie gefälligst etwas machen – und zwar global!
Ansonsten sollen sie gefälligst nach Hause gehen. Das Festhalten an den alten Denkmustern, ist kein Machen, sondern sie bewachen eifersüchtig eine Maschinerie, die funktionsuntüchtigen Müll produziert.

Ich habe aus guten Grund mit Gut, Böse und Gewalt begonnen. Die Unvernunft zeigt mit dem Finger auf die Gewalttätigen. Wer ist da gewalttätig? Da hätten wir den Ausschuss der Maschinerie. Religiöse Fanatiker und von den Erfindern unterstützte Despoten. Dann wären da die, die weiterhin unvernünftig handeln wollen, oftmals um ihre Gier zu befriedigen.

Immer mehr schlagen sich in das Lager derer, die auch etwas vom Kuchen abhaben wollen, hierfür aber erst einmal die anderen wegräumen müssen. Hierfür bedienen sie die niederen Instinkte ihrer Anhänger. Anhänger von Faschisten sind nichts anderes als ausgehungerte Kettenhunde, die mit einem Stück Fleisch dressiert werden. Und wie beim Kettenhund ist der Besitzer, welcher ihn zu seinem Werkzeug macht das Problem, nicht das Tier. Satt und rund wird der zum Schoßhündchen. Die an der Macht bleiben wollen erkennen das und versuchen ihn mit besseren Angeboten abzulenken. Hartz IV sichert immerhin regelmäßiges Fressen. Klappt das nicht, haben sie immer noch die Legitimation ihre Machtmittel einzusetzen.

Zuletzt zu nennen sind die Jungen, welche zwar bisher keinen bauchbaren Plan haben, doch wissen: Wenn es so weiter geht, haben wir keine Zukunft. Das ist wenigstens ein erster Schritt: Erkenntnis! Sie sehen die Mächtigen aus ihren dicken repräsentativen Kisten aussteigen, weil man das halt schon im alten Ägypten so machte. Mit wichtigen Gesichtern verhandeln sie Pakete aus, bei denen sich niemand weh tut,das System erhalten beibt, alles weiter geht wie immer und danach gibt es Kultur und leckere Häppchen. Wenn man schon mal Macht hat, will man auch etwas davon haben. Zwischen den Zeilen wird noch ein wenig darüber geredet, wo man mit Gewalt Weichen stellen kann.
Den Jungen auf der Straße brennen die Sicherungen durch. Sie greifen alles an, auch die nicht Handeln, sondern still unterstützen. Auf die zeigt das Bürgertum mit dem Finger. Fakt ist: Wenn Du in Deutschland nicht etwas kaputt machst, hört Dir auch keiner zu. Dann jubeln sie brav und artig mit verklärten Gesichtern den neuen Monarchen in den gepanzerten Limousinen zu, die im Vorbeifahren gnädig mit der Hand winken und ein paar Worte in die Mikrofone sprechen.

Der G20 war nur ein Anfang, ebenso wie der Hambacher Forst nur einer war. Das ist auch alles nicht mehr auf Deutschland zu begrenzen. Die französischen Gelbwesten werden nach aktuellen Erkenntnissen immer mehr von den Faschisten beeinflusst. Das deutsche Bürgertum redet von Gewaltlosigkeit, und wie immer von Gut und Böse. Zu Hause mit Mama vor dem Fernseher zu sitzen und sich im liberal – konservativen Sessel zu rekeln, wird sich in wenigen Jahren als schwerer Fehler erweisen. Noch tanzen viele auf dem Vulkan. Ich erlebe sie gerade, wenn sie sich einen Jetski mieten und 20 Minuten lang durch das leergefischte Meer dem Sonnenuntergang entgegen rasen. Aber auffällig viele verweigern sich oder sind bereit zu handeln. Noch ein Taifun zur falschen Zeit, noch eine Überschwemmung, noch einige Wetteranormalitäten und es wird immer kritischer.

Gefühlte 80 % der Frauen und Männer im Alter zwischen 20 -30 Jahren, die unterwegs traf, haben mir erzählt, dass sie sich noch mal alles ansehen wollen, bevor es untergeht. 90 % verzichten auf eine Zukunftsplanung, weil sie unter den gegebenen Umständen keine sehen. Das bedeutet, die da auf der Straße kämpfen und Gewalt anwenden, haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Wofür entscheide ich mich? Für die welche resigniert haben?

Diejenigen, welche Gewalt anwenden um das zerstörerische System aufrecht zu erhalten oder die, welche noch ein paar Jahre auf den Zug aufspringen wollen, die Mächtigen abräumen wollen, die Schwachen für die letzten Jahre versklaven wollen und sich eine schöne Zeit machen wollen? 1981 drehte John Carpenter den dystopischen Film «Die Klapperschlange». Jenseits einer Mauer herrscht das Chaos der Abgehängten. Darauf laufen die Pläne der konservativen Beschützer der Maschine hinaus. Das funktioniert aber nur, wenn es noch ein Gebiet gibt, welches man mit einer Mauer schützen kann.

Wie auch immer, für Menschen, die sich gegen Jugendliche stellen, welche den Finger heben und entweder die Eltern als bösartig bezeichnen oder primitiv ihre spezielle Art der Wahrnehmung (Asperger) angehen, habe ich maximal Mitleid übrig. Selbst wenn sie instrumentalisiert wurde, geschah es von der richtigen Seite aus. Ihr Auftritt ist noch das geringste Mittel der Wahl. Man kann wenigstens sagen: Wir haben es auch mal friedlich ohne Gewalt versucht.

Eine gewisse Zeitlang wird alles noch funktionieren. Das Fernsehen, das Entertainment, PC Spiele, gigantische Sportveranstaltungen, verblödende Soaps, werden noch eine Weile ihre sedierende Funktion erfüllen. Wer weiß, vielleicht lässt sich das Prinzip in eine Realität gewordene Dystopie nach Carpenter herüberretten. Aber es gibt eine sehr viel ältere Geschichte, die nicht vergessen werden sollte. Edgar Allan Poe „Die Maske des Roten Todes“. Prinz Prospero schließt alle Türen des Palastes für einen Masken – Ball und will so die in der Stadt wütende Pest aussperren. Er regt sich furchtbar über einen Gast auf, der sich als „Roter Tod“ verkleidet hat. Zu Mitternacht gibt es eine böse Erkenntnis. Der „Rote Tod“ hat seinen Weg gefunden.

Geschrieben Langkawi/Malaysia 2019

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