Brief eines versifften Linken

«Denn das ist Konservatismus: Das Nachdenken über die Erfahrung und die theoretische Ausformulierung des Empfindens, Macht zu haben, sie bedroht zu sehen und zu versuchen, sie zurückzugewinnen.»


Aus einem Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Corey Robin Quelle: Spiegel, 14.1.2018

«Die Geografie der CSU … ist eine Mitte Rechts-Volkspartei, ein Sammelbecken für Konservative, Liberale, Nationalkonservative, für Menschen, die auf dem demokratischen Boden unseres Landes stehen.»

Horst Seehofer, CSU

Sehr geehrte Damen und Herren von den Konservativen in Deutschland,

ich hoffe zunächst einmal, die richtige Anrede gewählt zu haben. Bewusst habe ich auf «Hallo», «Hi» oder Ähnliches verzichtet, damit sie sich nicht sofort brüskiert fühlen. Wahrscheinlich haben sie sich entweder in einer Partei, wie der CDU/CSU, SPD, der AfD oder vielleicht bei den GRÜNEN oder der FDP organisiert, einige von Ihnen sind eventuell Mitglied in einer Burschenschaft. Manche mögen auch nur ein Kreuz an passender Stelle auf dem Wahlzettel hinterlassen.

Ich räume ein, dass es sich bei Ihnen um einen ziemlich gemischten «Verein» handelt. Ich glaube am ehesten können wir uns vielleicht darauf einigen, dass Sie weder progressiv oder «Links» sind. Das ist jedenfalls die gängige Betrachtung. Ich persönlich glaube, es gibt Konservative auch bei den LINKEN, aber dies wird von den genannten Parteien vehement ausgeschlossen.

Ich wende mich an Sie, weil ich vieles nicht verstehe, logisch nicht nachvollziehen kann oder schlicht zu simpel im Denken bin.

Sie fragen sich zu Recht, wer ich bin. Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht genau. Ich besitze die deutsche Staatsbürgerschaft, war verheiratet, habe einen Eid auf das Grundgesetz abgelegt, bin Vater von zwei Töchtern, war 33 Jahre im Staatsdienst und habe eine ganze Menge Steuern in meinem Leben bezahlt. Ich habe in den Achtzigern ein Abitur absolviert, studiert und einen akademischen Titel. Das macht von außen her einen recht konservativen Eindruck.

Die Geschichte meiner Familie ist meiner Meinung nach typisch deutsch. Meine Vorfahren kamen einst aus Osteuropa und landeten irgendwann in Berlin. Teile meiner Verwandtschaft, waren in der KPD, im engeren Umfeld betrachtete sich meine Familie immer als sozialistisch orientiert. Durch meine Heirat erweiterte ich das Spektrum ein wenig. Da gab es dann auch ehemalige Mitglieder vom Bund Deutscher Mädel, Absolventen der Elite – Schule NaPoLa und diverse Konservative.

Ich gebe zu, dass ich darüber nicht sonderlich glücklich war.

Mir wurde vermittelt, dass die alten Kommunisten in der Weimarer Republik im Wesentlichen gegen die nicht zu bestreitende Ausbeutung der Arbeiter waren und sich auch nicht in einer auf Krieg ausgerichteten Industrie verheizen lassen wollten. Im Gegensatz dazu fand das profitierende konservative Bürgertum, dies trotz eines christlichen Anspruchs vollkommen in Ordnung.

Die Konservativen in der SPD ließen die Arbeiter, welche sich in der KPD organisiert hatten, am später als Blutmai bekanntgewordenen 1. Mai zusammenschießen. Mit der SPD und den Arbeitern war das schon immer ein kompliziertes Verhältnis.

Einige Ihrer Vordenker konstruierten irgendwann den sogenannten völkischen Anspruch. Entgegen dem uns bekannten Geschichtsverlauf wurde aus vielen unterschiedlichen Stämmen und zig Einwanderern aus allen Teil Mitteleuropas ein Deutsches Volk. Dem «Deutschen» wurden Wunschvorstellungen zugeordnet. Aus dem Menschen, der in einer Region lebt, wurde per Definition der «Deutsche». Plötzlich sollten alle Menschen dieser Region einem künstlich gebildeten Ideal entsprechen. Das erscheint mir unlogisch und ziemlich willkürlich. Ich muss Ihnen aber zu Gute halten, dass das damals dem Zeitgeist in Europa entsprach.

Anhänger ihrer Position berufen sich auf herausragende Leistungen dieses konstruierten «Deutschen». Wenn ich mir so die Menschheitsgeschichte ansehe, fällt mir zu herausragend die Bändigung des Feuers, die Erfindung des Rades, die Einführung von Zahlen, die griechischen Philosophen, das römische Staatssystem, die französische Revolution, die Entdeckung der Elektrizität und die Erfindung der Dampfmaschine ein.

Ich lasse mich gern von Ihnen korrigieren, aber nichts von alledem geht ursächlich auf einen «Deutschen» zurück. Inspiriert von den Franzosen hatten wir auch eine Revolution, die allerdings auch von Ihren Vordenkern zusammengeschossen wurden.

Woraus leiten Sie ihre Aussage ab? In diesem Zusammenhang verweisen Sie gern auf die deutschen Denker. OK, in erster Linie ist ein Denker ein intelligenter Mensch. Unsere Wissenschaftler haben zuverlässig nachgewiesen, dass das wenig mit der Herkunft zu tun hat. Wenn überhaupt, dann etwas mit dem System und den Möglichkeiten, die einem Menschen geboten werden. Wie erklären Sie sich, dass nahezu alle dieser benannten großen «Denker» den Konservativen enttäuscht den Rücken zu wandten und sich schon zur Kaiser – Zeit in andere Regionen absetzten? Korrigieren Sie mich, aber entspricht es nicht einer gewissen Logik, dass solche Leute eher «progressiv» sind?

Später wurde es nicht besser. Mehrheitlich lehnten diese Denker Ihre Vorstellungen ab. Ich erinnere sie an Nietzsche, der sich in jungen Jahren enttäuscht von Wagner abwandte. Erst seine ungeliebte Schwester verfasste dann ein eigenes Pamphlet, welches Sie Ihnen zu Munde verfasste. Konkret könnte ich anführen, dass nach Preußen die Intelligenz abgebaut wurde. Hauptsächlich konzentrierten Sie sich auf die Wissenschaften, welche industriell ausgenutzt werden konnten. Geisteswissenschaften waren verpönt, da sie im Wettstreit mit anderen Ländern nicht erkennbar benutzbar waren.

Ist das Ihre Vorstellung von Intelligenz? Alles muss kommerziell in einem Wettstreit einen Sinn ergeben? Manches wurde von der konservativen Seite schlicht nicht verstanden. Zum Beispiel die moderne abstrakte Kunst, der Dadaismus und der Jazz.

Was genau haben Sie eigentlich gegen Individuen und individuelles Verhalten? Bereitet Ihnen die Unkontrollierbarkeit Sorge? Ist es das? Wie weit reicht Ihr Sicherheitsbedürfnis?

Diese entflohenen Denker sprachen viel darüber, dass mit der Geburt das Risiko zu sterben um 100 % steigt. Das Leben birgt Risiken, und mit aller Mühe werden Sie das nicht ändern. Wenn Sie sich nicht selbst einsperren wollen, kommen sie daran nicht vorbei. Und immer wenn Sie etwas gebannt haben, werden sie eine neue Bedrohung entdecken. Sehen Sie das anders? Haben Sie in Erwägung gezogen, dass das auch sehr individuell sein kann? Neige ich dazu, ängstlich zu sein, kann ich auch eine Menge für die Absicherung alleine machen bzw. Orte meiden.

Was gefällt Ihnen nicht daran, einfach nur ein Mensch zu sein. Warum benötigen Sie eine Überhebung in dem Sie sich das deutsche Idealbild erschaffen. Es ist doch grundsätzlich angenehm, der den Planeten dominierenden Spezies anzugehören. Können Sie mir die Gründe für das Bedürfnis nach einem fixierten vorhandenen Unter – Ober – Hierarchiesystem erläutern? Oder ist das bei Ihnen einfach so? Der Instinkt kann es eigentlich nicht sein. Primaten organisieren sich an einer der Situation angepassten Struktur. Sie bilden Verbände, die sich in Gruppen situativ unterteilen und unbeständige Hierarchien aufbauen.

Worin besteht die Problematik im Umgang mit Frauen? Welche Probleme haben ihre weiblichen Vertreter?

Wenn sie geschlechtsbezogenes Unterwerfungs – oder Dominanzverhalten bevorzugen, steht es Ihnen doch frei sich der BDSM Szene anzuschließen. Aber das müssen doch nicht gleich alle mitmachen. Ich meine, wenn Eure Dorothee Bär auf «Submissive» steht, kann Sie das doch machen. Genug passende Burschen werden sich beim RCDS finden. Oder wenn Markus Söder mehr den «Dom» spielen will, kann auch niemand etwas dagegen haben. Aber bitte alles privat und nicht andere dazu verpflichten.

Sie stehen dafür, die Verhältnisse zu bewahren und Änderungen nur zähneknirschend zuzulassen. Wenn dies bedeuten würde, nicht überstürzt zu Handeln, könnte ich mich damit anfreunden. Doch allzu zögerlich ist auch nicht förderlich. Sie sprechen ständig von Werten und Leitkultur. Wenn ich die Menschheitsgeschichte als einen Prozess betrachte, in dem alles aufeinander aufbaut, müssten theoretisch Fehler erkennbar sein, und neue Ideen zur Umgehung dieser Fehler ausprobiert werden. Wenn sich herausstellt, dass die Idee ungeeignet war, muss eine weitere her.
Ich weiß, dass das eine sehr idealistische Betrachtung ist.

In der Realität blicken wir auf eine Aneinanderreihung von Machtstrukturen und stets verfeinerten Taktiken, die unermessliche Gier des Menschen zu befriedigen. Gut, dies haben wir uns jetzt 3000 Jahre lang angesehen.
Selbst der größte Ignorant dürfte die Gier und die schädigenden Auswirkungen erkannt haben. Ich verstehe in diesem Zusammenhang nicht, dass sie an diesem Kapitalismus so vehement festhalten. Wie angesprochen wurde ich im alten West – Berlin groß. Da war es normal, dass ich mich in der Schule mit der Sowjetunion, dem Ost – Block und der DDR beschäftigte.

Von Kommunismus war bei uns selten die Rede. Meistens wurde vom Stalinismus, dem sogenannten real existierenden Sozialismus, dem Maoismus und den Trotzkisten gesprochen. Kommunismus wurde uns unter philosophischer Betrachtung näher gebracht.

Das ist nebenbei die Frankfurter Schule. Karl Marx als Philosophen zu sehen, der sich noch zu Lebzeiten fragte, was eigentlich ein Marxist sein soll. An seiner Stelle wäre ich auch verwundert gewesen. Da rechnet man einen beobachteten Prozess hoch und prognostiziert ein furchtbares Ende, schreibt dazu noch, dass dieser Prozess erst beendet sein muss, damit etwas Neues – Unbekanntes – entstehen kann und dann kommen Leute daher, die alles besser wissen wollen und meinen Namen benutzen. Die Beobachtung dieser Systeme zeigten, dass er in seinen Grundgedanken nicht falsch lag. Die bauten einfach nur ein neues Machtsystem auf, in dem sich andere die Taschen vollstopften. Ich finde als Leidtragender, kann es einem ziemlich egal sein, ob oben «schwarze» oder «rote» gierige Bonzen sitzen. Wenn Sie sich die Persönlichkeiten eines Ulbricht oder eines Honeckers ansehen, müssten Sie eigentlich zustimmen, dass die stock konservativ waren.

Ihre Vertreter sprechen gern vom Liberalismus bzw. dem Neoliberalismus. Die Worte suggerieren Freiheit. Hauptsächlich läuft es auf eine Freiheit für die hinaus, die viel besitzen.

Die anderen schauen in die leere Röhre. Die Wirtschaft, einer abstrakten Definition, setzen Sie mit einem lebenden Organismus gleich. Gut, warum nicht? Die Idee und Herangehensweise klingt ja erstmal interessant. Gier reguliert sich gegenseitig und organisiert sich. Aber zwei wesentliche Dinge wurden damals, wie wir heute wissen, übersehen. Erstens der Mensch und zweitens ein eintretender Mangel an Ressourcen. Immer wenn ein Mangel herrscht, kommt es zu einem Verteilungsproblem. Genau das haben wir. Sie bieten als Lösung an: Mit ein paar anderen zusammen klauben wir alles auf, was wir finden können und verwenden wir für uns. Meinen Sie, die anderen lassen sich das auf Dauer gefallen?

Sie sprechen von einer Leistungsgesellschaft. Diese Idee geht auf die Französische Revolution zurück. Im Gegensatz zum Geburtsvorteil im Absolutismus, sollte jeder Mensch mit Leistung einen Aufstieg schaffen können. Haben wir das heute? Wird Lebensleistung gewürdigt? Was ist diese Leistung überhaupt? Können Sie mir erläutern, was ein menschliches Wesen leisten muss, damit es eine fünfhundertfache höhere Entlohnung als ein Handwerker bekommt. Was können diese Manager? Aus Wasser Wein machen? Werden Dinge zu Gold, wenn sie von ihnen angefasst werden? Steuern wir nicht vielmehr gestützt von PR Kampagnen auf eine Situation zu, in der wir dystopische Verhältnisse im Sinne eines Orwells oder Huxley erleben? Mit bezahlten Manipulationsstrategien werden Massen auf ihre künftige Rolle in den niederen Regionen vorbereitet. Wenn ich vor der Wahl meine Bestrebungen bereits auf diesem Wege im Kopf implementiert habe, muss ich den Ausgang nicht mehr fürchten.
Innerhalb von Deutschland gehen Sie davon aus, wenn ich einzelnen genug Überfluss gebe, fließt auch ausreichend Rest für die Armen heraus. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Irgendwie hat das bei den Päpsten und im Absolutismus auch nicht funktioniert. Die benannten Stalinisten, Trotzkisten, DDR Sozialisten, Maoisten, sind auch daran gescheitert, dass sich immer ein Trottel über die anderen erheben will, also am Menschen. Da wäre es doch mal an der Zeit, über alle geschaffenen Grenzen hinweg, darüber zu sprechen. Also über Veränderungen und nicht wie man das System verzweifelt aufrecht erhalten kann.

Was ich auch nicht verstehe, ist Ihre Sprache.

Ich habe Sie zeitlebens als die «Schwarzen» oder die Konservativen bezeichnet. Warum sind Sie so unfreundlich mich als linksversifft zu titulieren? Ja nun, sie legen vermutlich beim Sexualakt ein Handtuch auf die Couch. Ich bin hingegen ein wenig unordentlich. Aber deshalb gleich versifft benutzen?
Ich kann doch nichts dafür, dass Sie, wie bei Jan Fleischauer zu sehen und zu hören, ein Problem mit dem Ablösungsprozess von den Eltern haben. Irgendwie haben wir das doch alle, aber man muss deshalb nicht gleich als trotziger Junge stellvertretend alle «Links» vermuteten Personen beschimpfen. Ich weiß auch nicht so recht, warum sie immer von der Generation der 68er sprechen. Wenn, dann müsste man von einer Bewegung und ihrer Anhänger sprechen. Es müsste doch in ihrem Sinne gewesen sein, dass die damals gegen übrig gebliebenen Fragmente vom Nationalsozialismus rebellierten.
Der ist teilweise mit Ihrer Tradition verbunden, kann Ihnen aber nicht allen zum Vorwurf gemacht werden.

Oder fanden Sie den Kampf gegen das über gebliebene nationalsozialistische Gedankengut an den Unis unangebracht? Mir kommt das häufig so vor. Meiner Meinung nach irren Sie sich gewaltig, wenn Sie den Gründungstag der NSDAP zum Beginn des Nationalsozialismus machen. Die Idee, dass jeglicher menschlicher Aspekt zum Wohl der Deutschen Nation ausgerichtet wird, wurde deutlich früher geboren.

Haben Sie sich jemals mit Hannah Arendt und ihren Ausführungen zur Banalität des Bösen auseinandergesetzt? Die 68er haben es getan. Gehorsam, Disziplin und Unterordnung in eine Hierarchie sind die Grundpfeiler des Nationalsozialismus und später der Regimes im Ostblock gewesen. Genau genommen haben uns diese Tugenden immer in Schwierigkeiten gebracht. Versuchen Sie mal, mit Hippies einen Krieg zu führen.
Und was ich so gehört habe, war der Sex in den 50ern nicht der tollste, spätestens an der Stelle sollte man den 68ern Dankbarkeit zollen. Die Musik war auch nicht schlecht. Was ich vom «Rechtsrock» nicht gerade behaupten kann. Der ist ziemlich anstrengend. Speed – Metal gespielt und gesungen von zugedröhnten tibetanischen Yak. Volksmusik können Sie gern weiter hören. Ich weise Sie nur darauf hin, dass Kinderlieder und Volkslieder musikalisch nah beieinander liegen und Sie sie deshalb mögen.

Was finden Sie an Militär so geil? Die Kameradschaft? Es gibt von hart bis soft alle möglichen Sportvereine. Gehen sie doch da hin. Geht es Ihnen wirklich um die Vaterlandsliebe?

Wissen Sie, ich bin als gelernter West – Berliner Veralberungen gewöhnt. Mir wurden als ziviler Polizist, lauter Sachen beigebracht damit ich zusammen mit einer handvoll alliierter Soldaten die Russen stoppe. Militärischer Schwachsinn. Die wären um dieses geringe Ärgernis einfach herum gelaufen. Mit Deutschland sieht es nicht anders aus. Vor dem Rhein ist heutzutage im Falle einer konventionellen Kriegsführung kein Frontverlauf zu erwarten.
Finden Sie schießen und schweres Gerät fahren toll? Machen Sie doch einen Baggerschein oder melden Sie sich im Schützenverein an. Mögen Sie Männern zuschauen, die aufeinander losgehen. Kaufen Sie sich eine Karte für eine MMA Veranstaltung oder ein Rugby – Spiel. Das lässt sich doch auch ohne Kriegsspiele regeln. Die Sache mit den großen Waffenarsenalen und Armeen geht doch immer irgendwann schief. Wissen Sie, ich habe viel Zeit mit solchen Leuten verbracht. Ich kann Imponiergehabe, Identitätsfindung und den ganzen Kram nachvollziehen, aber irgendwann ist doch jeder aus dem Alter heraus, oder? Oder?

Sie stehen nicht auf Geisteswissenschaftler und innovative Künstler. Alles was abweicht, ist Ihnen suspekt. Das kann ich aus der Perspektive ein wenig verstehen, aber was haben sie gegen Naturwissenschaftler?

Wissen Sie, die haben eine bestimmte Art zu denken. Ob das, was bei den Forschungen heraus kommt, wirtschaftlich ist, sich in Geld umwandeln lässt oder man damit etwas kaputt machen kann, ist denen nicht wichtig. Die sind einfach nur neugierig. Wenn jemand nur noch für Geld forscht, verliert er seinen Anspruch, Naturwissenschaftler zu sein. Das ist wie mit Künstlern, die für Geld schaffen. Kunst verkommt zur Befriedigung von Gelüsten, anstatt den Geist anzuregen.
Diese Wissenschaftler sagen Ihnen nun schon geraume Zeit: «Das haben wir heraus gefunden! Was sie daraus machen ist nicht unsere Aufgabe.» Dummerweise passen die Aussagen auf den ersten Blick überhaupt nicht in den Plan «Big Money». Aber dürfen sie deshalb ignoriert werden? Was ist Ihr Plan bzw. Ihr Problem? Sie brechen sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn Sie auf Vernunft umschalten.

Manchmal frage ich mich, ob Sie nicht längst selbst von dem Monster eingesperrt wurden, welches Sie selbst geschaffen haben. Ich habe Sie auf einer philosophischen Ebene und nicht als Kapitalist angesprochen. Die «Größen» des Kapitalismus haben doch längst unsere Geschicke übernommen. Der Mensch und seine Bedürfnisse sind zu einem bewertbaren Wirtschaftsgut geworden. Jenes beschrieb Marx dezidiert. Das betrifft Sie, wie auch mich. Alles, unsere Zeugung, unsere Entwicklung im Mutterleib, der erste Schrei, Emotionen, Bedürfnisse, Krankheiten, Alter und der Tod ist Business. Selbst wenn wir uns gegenseitig Töten, ist es ein millionenschweres Geschäft.

Geschichte, meine Damen und Herren! Bereitet es Ihnen keine Sorge, dass wir dieses schon mal am Vorabend der «Übernahme» erlebten? Auch damals hatte die Wirtschaft übernommen und lenkte die Geschicke mit Finanzierungen. Nicht alle verloren im II. Weltkrieg. Wie bewerten Sie die Tatsache, dass eine Vielzahl von Texten mit kleineren Änderungen auf heute anwendbar sind? Macht es Sie nicht nervös, dass ein Höcke mit den Mitteln eines Goebbels, die der nicht einmal selbst erfunden hat, immer noch eine Menschenmenge aufputschen kann?

Vernunft wäre, wenn maximal zwei betrunkene Säufer stehenblieben, weil es Freibier gibt. Mir sagt das: Die Krankheit ist lange noch nicht überstanden.

Konservative sind für mich selbstredend keine Faschisten, aber die Grundpersönlichkeit Gedankenmuster und Handlungsroutinen machen Sie zu Straßenarbeitern einer Autobahn, auf dem diese dann zum Ziel fahren können.

Ihre Hauptargumente sind die wirtschaftliche Leistungskraft, Aufschwung, Wachstumsraten und alles, was damit im Zusammenhang steht. Dafür sind Sie bereit alles zu tun. Ausgerechnet wir, die mal abgesehen von unserer Rolle im II. Weltkrieg, sehen mussten, was Bomben anrichten, sind wieder Großexporteure. Heute noch müssen Straßen gesperrt, werden um Überreste aus dem Boden zu holen. Nord – und Ostsee sind damit verseucht und wir steuern auf eine Katastrophe zu. Wir wollten uns nach dem II. Weltkrieg auf die Verteidigung unseres Landes beschränken. Dem meiner ketzerischen Meinung nach überbewerteten Konservativen Konrad Adenauer haben wird den Startschuss zu verdanken, dass sich Deutsche Soldaten an fremden Konflikten beteiligen. Militär hat weltweit etwas Eigenes in sich. Ist es wirklich förderlich, wenn wir sechzehnjährigen zumeist Jungen, die Grundvoraussetzungen einer Diktatur: Gehorsamkeit, Unterordnung, Disziplin vermitteln? Sollten wir Ihnen nicht erst einmal Demokratie näher bringen? Sie werden nicht bestreiten können, das Militär und Demokratie zwei grundverschiedene Dinge sind. Übrigens schicken Diktaturen Jugendliche gern in Zeltlager, Camps oder zu Ertüchtigungen, damit sie schon in jungen Jahren lernen, wie sie sich einzufinden haben.

Ich bin kein Pazifist! Ich lehne Gewalt nicht ab. Die Anwendung ist spätestens bei einem unmittelbaren Angriff legitim. Aber Kriege können nicht gewonnen werden, erst recht nicht mehr beim aktuellen Stand der Technik. Bis auf die Rüstungsgiganten, verlieren bei jedem Krieg, mittlerweile weltweit alle. Auch diese Position von Ihnen erscheint mir unlogisch und nicht zu Ende gedacht.

Einer ihrer Vertreter, Herr Dobrindt, fordert eine «Konservative Revolution».

Der Mann hat Abitur, absolvierte ein Studium und leistete seltsamerweise Zivildienst. Ihm ist also zu unterstellen, dass ihm der Begriff und seine bisherige Verwendung, im Zusammenhang mit dem Verhalten ihrer Position in der Weimarer Republik bekannt ist. Entweder hatte er einen geistigen Aussetzer oder … ich weiß auch nicht. Doch aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen reichen Sie diesen studierten Soziologen nicht in die hinterste Reihe durch.

Viele von Ihnen bezeichnen sich als Patrioten. Wohlgemerkt nicht als Verfassungspatrioten. Das deutsche Pendant dazu ist die Vaterlandsliebe. Dazu habe ich Ihnen schon einige Fragen gestellt. Der Grat zwischen Patriotismus und Chauvinismus ist bei einfachen Gemütern schmal. Die Verbundenheit zur vermeintlich einheitlichen Kultur, der dominierenden Religion und der Geschichte des Landes, schlägt blitzschnell in die Überhebung gegenüber anderen Ländern um.

Sie stürzen sich auf das Wort Heimat. Wenn Sie mit 100 Leuten sprechen, werden Sie 100 Erklärungen für den Begriff bekommen. Heimat hat etwas mit Sehnsucht zu tun. Eine idealisierte Wunschvorstellung. Wenn Sie ein Heimat – Ministerium einrichten, bedeutet dies: Ein Ministerium für die Wunschvorstellungen der Konservativen, wie Deutschland aussehen soll. Korrekt gesagt: Sie haben das Innenministerium, mit Bau und Heimat ergänzt.

Dabei sind Ihnen aber Fehler unterlaufen. Zum Minister machten Sie den Mann, der die Worte prägte: «Der Islam gehört nicht zu Deutschland!» Ich habe mir die Webseite des Ministeriums angesehen. Dort steht unter dem Strich: Die deutsche Gesellschaft ist offen und die Religionsgemeinschaften bereichern sich gegenseitig. Es ist auch zu lesen:

«Die gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung der christlichen Kirchen wird von der Bundesregierung anerkannt. Sie legt deshalb Wert auf die Einbindung kirchlicher Vertreter bei zahlreichen politischen Fragen, in denen es vor allem um ethische und soziale Themen geht (z.B. Gentechnik oder Asyl- und Ausländerpolitik)»

Website, BMI, Februar 2019

Da frage ich als Atheist, wie sie die Aufforderung zum Unterlassen einer Hilfeleistung im Mittelmeer mit den christlichen Vorstellungen in Einklang bekommen? Die Aktivitäten im Gen – Bereich von BASF und SCHERING muten auch nicht christlich an. Genauso wenig das Vorgehen gegen indigene Völker unter Schirmherrschaft deutscher Konzerne. Haben Sie noch ein paar alte Mitglieder der DEK (Deutsche evangelische Kirche im III. Reich) oder Katholiken, die sich am 2.3.1933 mit der Zusicherung der Anerkennung der katholischen kulturpolitischen Vorstellungen kaufen ließen, aufgetrieben?

Sehr geehrte Konservative, sie sind im hohen Maße unlogisch und von der Ausrichtung her, gänzlich ungeeignet Lösungen für die kommenden Zeiten zu finden. Sie fantasieren ständig von einem «Links – Diktat» welches in Deutschland stattgefunden hat. Wenn dem so wäre, hätten wir mehr progressive Politiker in den oberen Stellen, die die alten deutschen Krankheiten nachhaltig heilen würden und international auf die Suche nach innovativen Lösungen gingen. Statt dessen treffen Sie sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Machtzirkeln.

„Die Fiktion, dass der Staat zu unserem Schutz existiere, ist tausendmal widerlegt worden. Aber solange es dem Menschen an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein mangelt, wird der Staat gedeihen; seine Existenz gründet sich auf die Angst und Unsicherheit seiner einzelnen Bürger.“

Henry Miller

Mit freundlichen Grüßen … ein versiffter Linker. Sie haben mich selbst erschaffen, denn nur durch Ihre Handlungen war es mir möglich, den Unsinn zu erkennen. Ich selbst weiß nicht, ob ich ein Linker bin, aber da ich Sie alle zusammen für eine gefährliche Truppe halte, bin ich es wohl.

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