Rund um ein brennendes Symbol …

Das Dach der Kathedrale Notre Dame brannte und der Pariser Feuerwehr gelang es, den Brand einzudämmen. Das Schlimmste konnte verhindert werden. So weit die nüchtern Fakten. Was passierte rund herum? Manch einer beschwerte sich, dass der Brand nicht dauerhaft im öffentlich – rechtlichen Fernsehen übertragen wurde. Mindestens ein «Brennpunkt», ich finde in diesem Zusammenhang ein etwas unpassender Begriff , wurde eingefordert.

Einen Tag später vermuteten die üblichen Verdächtigen eine Verschwörung im Hintergrund. Macrons Vasallen hätten den Brand gelegt, um von den aktuellen politischen Problemen abzulenken. Zu schnell habe die Polizei verkündet, dass es sich um keinen terroristischen Anschlag gehandelt habe. Mit Verlaub – Terroristen in schwindelnder Höhe? Als terroristischer Akt nebenbei vollkommen ungeeignet. Vor allem, wenn niemand von den Zielen erfährt. Ich frage mich auch ein wenig, was in den Köpfen der Leute los ist, dass sie bei jedem Anlass von hunderten Optionen, ausgerechnet die Terrorismus Karte ziehen.

Und warum sollte die Regierung eine Kathedrale anzünden? Da gäbe es wahrlich bessere und vor allem definitiv weniger komplizierte Ablenkungsmanöver. Ständig brennen Dachstühle bei Dacharbeiten ab. Neben Steckdosen, in denen ein Lichtbogen vor sich hin brutzelt, ein Klassiker. Nun hat es halt mal wieder ein altes Gemäuer erwischt. Gab es schon einige Male. Insofern nicht ungewöhnlich. 

Menschen bleiben am Ende, was sie sind, Menschen.

Bewegte Bilder faszinieren sie, während Standbilder eher langweilig sind. Gaffen gehört zum Dasein dazu. Ob eine Kathedrale brennt oder auf der Autobahn ein schwerer Verkehrsunfall stattfand, ist dabei irrelevant. Fraglich ist für mich, ob jedes primitive Grundverhalten bedient und Gier befriedigt werden muss. Zumindest schadet es niemanden. Die Kathedrale interessiert es nicht und der Rest des Programmes bringt keinen Mehrwert. Warum nicht ein brennendes Gebäude zeigen? Das könnte Schule machen. Statt Informationen und Nachrichten, werden im Fernsehen Brände und Löscharbeiten gezeigt. Es dürfte sich dadurch wenig ändern.

Einige Spielverderber nörgelten, dass an anderen Ereignissen, von ertrinkenden Flüchtlingen, Opfern des Klimawandels bis zu Großbränden an fernen Orten der Welt, kaum einer Anteil nimmt (z.B. Brand 2.9.2018 Nationalmuseum Rio de Janeiro, Jokhang-Tempel, Lhasa, 18.2.2018 (1300 Jahre alt!) . Die Gescholtenen zeigten sich empört, dass doch mal eine Trauer möglich sein müsse, ohne das Ereignis in Relationen zu setzen. In der Regel wird  hier bei den Kommentaren der Social Media Plattformen der Hashtag  #Whataboutism verwendet. In der Langversion scheint dies bei vielen zu bedeuten: „Lass mich gefälligst in meiner Dekadenz – Blase mit Deiner Kritik  in Ruhe!“

Gäbe es ein wenig mehr Vernunft, Menschlichkeit und vor allem Gerechtigkeit auf der Welt, könnte das durchaus funktionieren. Doch durch die bestehende Realität entsteht ein Kontrast, den mache beim Nachdenken nicht aushalten. Gleichermaßen schwierig zu verkraften ist das Geschehen an den Tagen danach.

Milliardäre griffen in die Tasche und zauberten 200 Millionen für die Reparatur des alten Gemäuers hervor. Weitere 500 Millionen sprudelten schnell aus anderen Quellen. Festzustellen ist, dass es Leute mit übermäßigen Vermögen gibt, welches sie eher in etwas Totes, stand in Lebendiges investieren. Im gewissen Sinne eine vom neuen Geldadel ausgehende Renaissance eines absolutistischen Verhaltens. De facto ist die Kathedrale auf diesem Wege schon immer finanziert worden. Geld und tausende Menschenleben wurden für „großes“ dem Einzelnen „Übergeordnetes “ geopfert. Immer gab es Kritiker, die kein Verständnis für dieses Verhalten der Menschen hatten. Am übelsten waren die zu Zeiten der Französischen Revolution unterwegs. Nach der Revolution wurde zeitweilig der christliche Glaube verboten und in Notre Dame wurde dem «Vernunft Kult» gehuldigt, bei dem mittig ein Hügel aufgeschüttet wurde, auf dem eine die Freiheit symbolisierende Schauspielerin rezitierte.

Die Epoche der Revolten ist vorbei. Die Menschen sind dick, rund und satt. Was kümmert es sie, wenn einer in der Wüste verreckt oder zu viel Salzwasser schluckt? Symbole wie Notre Dame, stehen in moderner Zeit neben anderen, für eine Legende, die in den vergangenen 10 Jahre eine Wiederbelebung erfuhr. Der philanthropische Mitteleuropäer, von einer alten Kultur geprägt, hilft der restlichen, meist hinter vorgehaltener Hand als barbarisch bezeichneten, Welt. Die Identität einiger Länder hat schon länger einen Knacks bekommen. Die einen sind kein Empire mehr, andere haben ein Reich verloren und die Grande Nation, musste nach und nach alle Kolonien abgeben. Insofern war es nicht verwunderlich, dass die Rechten von einem Symbol des untergehenden Abendlandes und der Kapitulation vor dem Islam sprachen. Da kann man glücklich und zufrieden darüber sein, dass Israel das Heilige Land unter Kontrolle hat, sonst riefen die wieder zu Kreuzzügen auf.

Ich finde dies insgesamt erklärlich und es wundert mich nicht, weil es dem entspricht, wie zur Zeit alles funktioniert. Sich darüber aufzuregen, zu schimpfen, oder bittere Kommentare zu schreiben, ist schlicht sinnlos. Jeder der gegen diese Verhaltensweisen antritt, sieht sich gleich mit mehreren übermächtigen Gegnern konfrontiert. Da wäre die, mittels Manipulation auf ein kollektives Denken ausgerichtete Masse. Diejenigen welche dafür sorgen, dass dies geschieht. Und die uralten Verhaltensmuster der Menschen, die erst den Bau, der an sich völlig irrationalen Prunkbauten ermöglichten.

Die aktuelle Rhetorik ist banal. Kritik darf per Postulat ausschließlich geäußert werden, wenn man selbst eine passende Lösung vorzuweisen hat. Wer also feststellt, dass ein Vehikel beim Verzicht auf Bremsen demnächst mit hundert Stundenkilometern gegen eine Wand fährt, darf dies nur feststellen, wenn er auch Herrscher über die Bremspedale ist. Klingt für mich nicht logisch – aber gut. 

Das gab es schon im Altertum und hat sich bis heute erhalten. Ich will nicht ausschließen, dass die Großspenden wenige zum Nachdenken brachten. «Moment Mal! Wo haben die eigentlich die Kohle her?» Ein Spender, Bernard Arnault, verkündete: „Es ist bestürzend, dass man in Frankreich kritisiert wird, wenn man sich für das Gemeinwohl einsetzt“. Und hunderte Aktionäre applaudierten.

Ein wenig amüsiert mich dabei der Umstand, dass er mit seiner Luxus – Produktion für Dekadenz und Überflüssigkeit steht. Aus buddhistischer Sicht einer, der noch Äonen davon entfernt ist, auch nur ansatzweise etwas über den Lauf des Lebens verstanden zu haben. Doch es passt zusammen. Mich wundert schon länger, dass Buddhisten noch nicht als Kommunisten bezeichnet werden. Faszinierend bleibt es aber. Lehnin prägte das Denken: Wer nicht für uns, ist gegen uns. Lustig wie die Kapitalisten dies adaptiert haben. Wer nicht Kapitalist ist, muss Kommunist sein. 

Ich gehe nebenbei davon aus, dass die Spender den Betrag steuerlich absetzen und damit unter dem Strich einen Gewinn erzielen. Das mit dem Gemeinwohl ist nachvollziehbar und findet sicherlich reichlich Anklang. Erst einmal dem eigenen Volke mit dem Geld helfen, statt es irgendwelchen Frauen, Männern und Kindern in den Rachen zu werfen, die keiner kennt. Ich hätte da wieder diese Frage. Wo kommt das Geld her? Für das Gemeinwohl, wie z.B. eine Reinvestition in die heimische Marktwirtschaft, war es offenbar nicht gedacht. Aber darüber nachzudenken wird sich auf eine Minderheit beschränken. Eine, die ohnehin am Nörgeln ist.

Das konservative Propagandablatt «WELT» fängt bereits an, die bösen LINKEN zu beschimpfen. Von den Nachdenkenden (Gutmenschen, Hetzer, Linksfaschisten, Intellektuelle, und was sich die Propagandisten sonst noch einfallen lassen) habe ich im letzten halben Jahr einige gesprochen. Traveller aus der Schweiz, Frankreich, Spanien, Italien, Holland, England, USA, Australien, Kanada und Deutschland stellen einheitlich eine sich immer deutlicher zeigende Übernahme der Gesellschaften durch das konservative Bürgertum, bei einer gleichzeitigen Resignation der «unteren» Schichten fest. Dazu passte das ganze «Rundherum» um das Ereignis Notre Dame. Vor allem das einfach strukturierte Denken. Den Liberalen würde ich gerne um die Ohren hauen: «Was habt ihr? Ist doch genau nach Eurem Geschmack. Da ist ein Markt entstanden und nach Euren Vorstellungen ist es das Beste, was Paris passieren konnte.»

Das ausgerechnet ein Friedrich Merz zur Gründung einer Bürgerinitiative zum Zweck der Spendensammlung aufrief, war dann aber doch Realsatire. Egal, wie man es dreht und wendet, Kathedralen stehen für den christlichen Glauben. Friedrich Merz ist nicht Matthäus der Zöllner, welcher mal eben sein Haus übergibt und dem Herrn folgt. Er arbeitet in einem Genre, in dem man weltweit an der jeder Krise Geld verdient. Siechende sind Langzeitpatienten, die Medikamente konsumieren, deshalb wird in Präparate investiert, die lindern, aber nicht heilen. Während jene, die nachhaltig gesunden lassen, nicht dem Investor empfohlen werden. Das ist keine Schnurre, sondern wurde in diesem Sinne vom Bruder im Geiste, Goldman & Sachs, in einer Broschüre formuliert. Kommt es zu Flüchtlingsströmen, powern die Investoren das Geld in Rüstungsfirmen, Lagerausstatter, Kamerahersteller pp.. Das ist alles legal, aber eben nichtchristlich. Den schnöden Mammon anbeten, ist in diesem Glauben nicht vorgesehen. Und ausgerechnet der fordert zum Spenden auf? Ach ja … da war ja etwas. Der Absolutismus! Dann passt es wieder. Merz & Co. haben ihre eigenen Götzen und Kathedralen, die stehen in Frankfurt/Main. Wenn er sein Gewissen erleichtern will, soll er es tun, aber warum er andere damit belästigt, erschließt sich mir nicht.

Beim Sinnieren fällt mir auf, dass russische Oligarchen, Diebe im Gesetz und Mafia Paten auch einen Hang dazu haben, der Kirche großzügige Spenden zu kommen zu lassen. Ich glaube das verschafft eine gewisse Reputation. In der Grundstruktur sehe ich ohnehin Parallelen. Kriminelle handeln oft mit dem Antrieb, ohne Aufwand und unter Vermeidung körperlicher Arbeit, möglichst große Summen Geld zu verdienen oder Statussymbole zu erlangen. Illegal wird dieses Verhalten erst durch die verwendeten Mittel. Kriminellen fehlt häufig aus unterschiedlichen Gründen der Zugang zu den legalen Mitteln, weshalb sie halt die anderen nehmen. Der Grat ist häufig sehr schmal. 

Das ergibt alles keinen Sinn. Statt sich über die Pappnasen aufzuregen und gegen das menschliche Verhalten anzukämpfen, ist es zweckdienlicher die wenigen zu unterstützen, die anders leben. Eins fand ich positiv. Die Dünnhäutigkeit der Bürger. Das lockt sie aus der Reserve und lässt sie sich zu erkennen geben. Sie lassen sich dazu Hinreißen ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Eine nicht zu verachtende Zahl an «Spießern» und Engstirnigen versteckt sich hinter einer Maskerade der Parteizugehörigkeit bei den Linken und den Grünen. Das schätze ich an den aktuellen Debatten. Unzählige Leute präsentieren sich und zeigen ihr wahres Gesicht. Da weiß man doch wenigstens, woran man ist. Und man kann sich daran erfreuen, dass man selbst anders ist.

Um Notre Dame mache ich mir keinerlei Sorgen. Das kriegen die recht schnell wieder hin. Im Gegensatz zum Leben, können tote Sachen, wie erwähnt, repariert werden. Und bis auf die Bastille, haben die Pariser immer alles wieder aufgebaut.

Zusätzlich noch ein kleiner kultureller Hinweis. Kathedralen wurden niemals in einem Baustil errichtet, sondern waren über hunderte Jahre hinweg Baustellen, in die sich jede Epoche einbrachte. Warum nicht auch das 21. Jahrhundert? Folgerichtig melden sich die ersten mit Modifikationsvorschlägen – warum auch nicht?

Aus meiner persönlichen spirituellen Weltanschauung ergibt sich, dass das Lebende vorrangig zu Gegenständen zu behandeln ist. Wenn es den Lebenden gut geht, kann man sich um den Rest kümmern. Ob im Kleinen oder im Großen, sich von Dingen besitzen zu lassen belastet das Leben. Doch ich muss einräumen, dass sich diese Weltsicht in den letzten 3000 Jahren nur bei einem geringen Teil der Menschen durch setzte. 

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