Sport aus der Steinzeit

Eine neue, an sich kaum beachtenswerte, Diskussion geht derzeit durch die Medien. Kanadische Wissenschaftler/Pädagogen haben sich das Spiel «Dodgeball», das Pendant zu Völkerball vorgenommen. «Dodgeball» ist nicht 1:1 mit Völkerball zu vergleichen, weil es dort deutlich härter zur Sache geht. Doch der Kern der Diskussion ist das Setting des Spiels. Im Ergebnis unterstellen die Forscher dem Spiel Mobbing Tendenzen. Ich finde, dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Für Nerds und eher unsportliche Mitschüler war Völkerball mit Sicherheit kein Vergnügen.

Jeder Sportunterricht kann für Schüler zu Horrorveranstaltung werden. Im schlimmsten Fall prallen zwei Lebensarten aufeinander. Die körperlich orientierte, die das Durchsetzen, Statusgewinn, Identitätsfindung und Selbstbewusstsein über physische Aspekte ableitet und auf der anderen Seite, die eher intellektuell ausgerichtete. Ich finde, einfach kann in dieser Diskussion nicht argumentiert werden und vor allem, geht sie u.U. tiefer, denn man denken mag. Wichtig ist dabei auch immer, dass von Schulsport die Rede ist.
Sport ist bereits seit der Antike und auch schon davor, ein gesellschaftlicher Faktor. Selbst die Inka, Tolteken und Azteken, betrieben Mannschaftssport, der letztlich kriegerische Handlungen in den Sport umleitete. Grundsätzlich kann man zwischen Mannschaft – und Individualsport unterscheiden. Team gegen Team, oder Frau gegen Frau, Mann gegen Mann – so oder so, es wird Gewinner und Verlierer geben. Beides will gelernt sein. Der Mensch muss zur Ausbildung seiner Persönlichkeit lernen, mit seiner Gewinnerrolle, aber auch mit seiner Verlierersituation umzugehen. Verlierer? Gewinner? An diesen Begriffen hängt eine Menge hinten dran.

Bei Gewinner schwingen positive Emotionen mit. Ich habe jemanden besiegt, der gegen mich angetreten ist. Verlieren läuft eher unter negativ. Siegen und Verlieren ist mit Anerkennung, Selbstbestätigung, Selbstbewusstsein und damit gleichzeitig mit Identität verbunden. Persönlich finde ich die Ausbildung einer Identität über den Sport etwas simpel und vor allem, wie bei der Schönheit, eine gefährliche temporäre Angelegenheit. Die geistige Auseinandersetzung hatte bei mir einen höheren Stellenwert, da sie bis zum Ende wirkt, und nicht durch schwerwiegende Verletzungen oder Alterungsprozess eine empfindliche Störung erfährt.

Auf jeden Fall bedarf es beim sportlichen Wettkampf, so auch beim Völkerball, mindestens zwei Parteien, die gegeneinander antreten. Das hat etwas Archaisches. Im Prinzip kommt der Affe zum Vorschein, der auf eine andere Horde trifft oder sich im Einzelkampf in der Hierarchie nach oben kämpft, um seine Gene durchzusetzen. Bei allen Diskussionen über Emanzipation, Diskriminierung, darf dieser Affe nicht übersehen werden. Und genau hier rastet mein Inneres ein. Ist der Mensch dazu in der Lage, sich ab dem «Status – quo» jetzt, weiter zu entwickeln?

Nicht physisch, sondern psychisch! Sind wir dazu in der Lage, die Pubertät hinter uns zu lassen und nächsten Schritt zu gehen. Der Mensch, ein erwachsenes Wesen, Herr über seine Triebe und Instinkte?

Aktuell sieht es anders aus. Derzeit kann sich ein geistig einfach gestrickter Mensch mit sportlichen Leistungen in die Höhen der Gesellschaft bugsieren. Das Ansehen von Fußballern, Boxern, American Football Spielern, entspricht den Möglichkeiten eines antiken Olympioniken oder Gladiatoren. Von deren Möglichkeiten können hochintelligente Wissenschaftler nur träumen. In Deutschland werden prominenten Sportlern sogar politische Statements abgerungen. Das hat für mich in etwa die Qualität einer Befragung einer Miss Universum. Ich will weder dem einen, noch der anderen absprechen, dass sie eine Meinung haben oder intelligent sind – aber mit Verlaub … ihre politische Meinung interessiert mich bei ihnen sekundär und sie sind nicht die ersten Ansprechpartner/innen.

Ich selbst wollte sportlich immer mir selbst etwas beweisen. Ich trat gegen mich selbst an. Wettkämpfe habe ich nie gemocht. Mir war es zuwider, eine Anerkennung zu bekommen, weil ich meine Leistung entweder zur Schau stellte oder einen anderen besiegte. Mein Ziele waren Respekt und Anerkennung, weil ich existiere, nicht wegen einer Leistung, die eine Kombination aus genetischen Voraussetzungen und Training ist. Diese innere Haltung hat mich mein Leben lang begleitet und Trainer zur Verzweiflung gebracht. «Er könnte … wenn er wollte … Ja … aber er will nicht, jedenfalls nicht im Wettkampf.» Aus dieser Position heraus, habe ich andere argwöhnisch beobachtet. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Sport, im Sinne einer Förderung der körperlichen Fitness. Nebenbei eine, die hart körperlich arbeitende Menschen frei Haus geliefert bekommen. Gerüstbauer brauchen keine Hanteln, um sich Muskelpakete anzutrainieren. Bei Menschen, die sich exzessiv sportlich betätigen, gehen bei mir die Alarmglocken an.

Was mich wieder zurückführt. Völkerball – die Antwort ergibt sich wie häufig aus der Frage nach dem dem Ziel. Körperliche Fitness? Nun, da gäbe es deutlich bessere Optionen. Teamgeist? Ich denke, auch da gibt es wesentlich bessere Mannschaftssportarten, die u.a. von einem gemeinsamen taktischen Vorgehen geprägt sind. Der berühmte deutsche Turnvater Jahn, ersah Völkerball noch als Wehrertüchtigung und die Rolle, als ritualisiertes Kriegsspiel, stand im 19. Jahrhundert außer Frage. Mit anderen Worten, dieses Spiel ist ein Relikt aus alten Zeiten, mit Zielen aus dieser Zeit – der Pubertät der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass Australien und die USA dieses Spiel noch ein wenig härter haben werden lassen und es dort auch einen anderen Stellenwert hat.

Wenn ich mir eine Gesellschaft anschaue und verstehen will, gibt es ein paar Indikatoren, die recht informativ sein können. Welche Sportarten werden bevorzugt? Welche ist der sogenannte Nationalsport? Welche Drogen werden hauptsächlich konsumiert? Welche Statussymbole haben die größte Wirkung? Welcher Art und Persönlichkeit sind die bewunderten Prominenten? Welche Religion hat sich durchgesetzt? Nach welchen Kriterien wird ein Mitglied nach oben durchgelassen und darf Massen anführen? Wie wird mit Kritik und den Formulierern dieser, umgegangen.

Völkerball spielt keine wesentliche Rolle in Deutschland. Aber kaum wurde die kanadische Studie veröffenltiicht, meldeten sich Kommentatoren, die von Verweichlichung, Unsinn, Sieg und Verlieren sprachen bzw. schrieben. Ganz im Sinne des alten Turnvaters Jahn. Ich habe auch in der Schule Völkerball gespielt.

Ehrlich? Kann weg. Beim Basketball, Handball oder auch Fußball, gilt es im Breitensport als unsportlich, bewusst und vorsätzlich ohne Torwillen einem gegnerischen Spieler den Ball voll auf die 12 oder die Magengrube zu zimmern. Gerade im Schulsport gibt es deutlich bessere Spiele, z.B. konditionsfördernde Spiele ohne Gewinner. Im Turnverein spielten wir Geräteball, bei dem die Spieler nicht den Hallenboden berühren durften, das hat eine Gerätesicherheit gefördert … OK … warum nicht, wenn jemand Turnen mag.

Doch so lange der Sport darauf hinaus läuft, dass sich Leute, welche der geistigen Einfalt den Vorzug geben, ein Erfolgsprofil verschaffen können, werde ich reflexartig dagegen sprechen. Wir haben genug einfach strukturierte Persönlichkeiten, dies muss nicht auch noch gefördert werden. Ich kann die verstehen, welche wegen ihrer körperlichen Voraussetzungen solche Spiele und die Art der Gestaltung hassen. Es geht um Schulsport! Da muss auf alle Rücksicht genommen werden. Turner sind sportwissenschaftlich betrachtet eher Ballidioten. Und ich kenne nicht viele «Hobbyfussballer», die sich am Reck sonderlich talentiert zeigten. Adipöse Schüler werden mit vier Stunden Sport in der Woche und davon alle drei Wochen mit einem Ball abgeworfen werden, nicht schlank werden. «Körperkläuse» werden hierdurch nicht zu Menschen mit einer guten Körperhaltung. Schulsport muss Spaß machen. Oberstes Ziel sollte es sein, den Schülern Freude an der Bewegung näher zu bringen, ihnen ein Ventil für Aggressionen anzubieten, und ihnen die Chance geben, ein Gefühl für den Körper zu entwickeln. Zu meiner Schulzeit hasste ich es, wenn Sportarten zensiert wurden, die mich nicht einmal im Ansatz reizten. Federball – sorry … Badminton, oder Hochsprung … Nein, da kann man andere Sachen anbieten. Wer mehr will, kann einem Verein beitreten.

Ich betone: Dies ist keine Gegenrede zum Sport und dem dadurch möglichen Gemeinschaftserlebnis und die verbindenden Elemente. Ich finde es aber wichtig, auch die andere Seite zu akzeptieren – es ist nun einmal nicht jedermanns Sache und die positiven Skills lassen sich auch anders erwerben. Wichtig finde ich auch den Hinweis, dass sich einige Sachen beim Sport verselbstständigen. Er ist und bleibt eine Nebensache … anderes sollte höherwertiger eingestuft werden. Und bevor wieder jemand mit Juvenal kommt: «In einem gesunden Körper, steckt auch ein gesunder Geist!» – Nein, das Zitat wurde sinnentstellt. Juvenal wäre heute ein Typ, der diesen Satz mit hochgezogenen Augenbrauen spöttelnd in einem Fitnessstudio sagen würde. Er hielt nicht viel von seinen sportiven eingeölten römischen Mitbürgern.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s