Mene mene tekel u-pharsin

Manchmal sitze ich mit einem Bier in einem Lokal und lese die Nachrichten in den Sozialen Medien und denke: «Fickt Euch doch alle!» Der Mensch erzählt sich jeden Tag selbst eine Geschichte. Aus dem Gesehenen, dem allgemein Wahrgenommenen, den Erzählungen anderer, den mehr oder weniger gut aufbereiteten Nachrichten, werden Kausalitäten und diese dienen dann als Erklärung für die Geschehnisse. Mir persönlich fällt es immer schwerer, die Geschichten nachzuvollziehen, die sich einige Zeitgenossen zusammenreimen. Aber gut, letztlich ihr eigenes Ding.

Die liebe Demokratie. Herrschaft des Volks, durch Mehrheitsverhältnisse, welche sich aus einem gegenseitigen Überzeugungsprozess heraus bilden. Je älter ich werde, desto weniger überzeugt mich dieses Prinzip. Mir sind dabei zu viele Ideale im Spiel. Der mündige Bürger, Verstand, Vernunft, die Fähigkeit Sachverhalte analytisch zu betrachten und Emotionen außen vor zu halten. Vereinzelt mögen diese Fähigkeiten vorhanden sein. Eher selten in der kompletten Bandbreite.

Ich weiß nicht, ob ich dies vermag. Spätestens bei den Emotionen wird es haarig. Allgemein wird mir unterstellt, dass es bei mir damit nicht weit her ist. Doch ganz nüchtern bekomme ich vieles auch nicht mehr hin. Insbesondere hege ich schon länger den Verdacht, dass es keine gute Idee ist, wenn ich danach handle, was mir der Verstand gebietet.

Augenscheinlich befindet sich die Welt im Umbruch. Die Zeichen stehen an der Wand, aber es ist schwer sie zu entziffern.

Niemand weiß so richtig, wo die Reise hingeht. Der Klimawandel, die geostrategischen Konflikte, das Verhalten der Großmächte USA, China, GUS, sprechen für umwälzende Veränderungen. Europa verschwindet in der Bedeutungslosigkeit und benimmt sich wie eine Stadtstaat der Antike, der sich hinter hohen Mauern verstecken will. Aber immerhin leben wir noch in Freiheit und können offen darüber sprechen. Ein letzter Ausweg, der noch geblieben ist. Wird er verschlossen, sind wir am Ende angekommen. Und ich glaube, diesem Ende nähern wir uns.

Spannenderweise kommen neuerdings deutsche Politiker mit markigen Sprüchen um die Ecke, in denen sie die Übernahme einer weltweiten Führungsrolle Deutschlands fordern. Ernsthaft, wirklich ohne Spaß, die würde ich einer Drogenkontrolle unterziehen. Daran ist einfach alles falsch. Gar nicht wenige Veteranen des II. Weltkriegs sind noch am Leben. In der Ostsee dümpelt jede Menge Kriegsschrott herum und überall werden bei Bauarbeiten noch Blindgänger gefunden. Äh … Nein! Wir sitzen aus guten Gründen immer noch auf der Strafbank. Und mit dem Aufkommen der AfD, den Sprüchen der Werteunion, Verlautbarungen diverser CSU Politiker, ist hinreichend bewiesen, dass wir noch lange nicht das Therapieziel erreicht haben. In ferner Zukunft, wenn wir unsere Verhaltensmuster nachhaltig verändert haben, könnten wir mal vorsichtig darüber nachdenken. Für meinen Geschmack rennt die Bundeswehr schon viel zu viel in der Weltgeschichte herum. Uns wurde nach 1945 die Verteidigung zugestanden – Ende!

Wie komme ich zur Auffassung, dass die Freiheit des Individuums in Deutschland langsam verschwindet? Nicht, weil jemand in Deutschland den Menschen die Freiheit nimmt. Die Leute geben ihre Freiheit freiwillig auf. Um in echter Freiheit zu leben, bedarf es einer strukturierten Praxis des Denkens. Man muss sich der möglichen Fehlerquellen bewusst sein. Ohne dieses Wissen, ist der Mensch das wehrlose Opfer von Manipulationen, Illusionisten und Betrügern. Wenn ich in eine Zaubervorstellung gehe, weiß ich, dass der Zauberer auf der Bühne ein geschickter Trickser ist, der mit meinen Sinnen und Wahrnehmungsfehlern spielt. Keine echte Magie, keine Geister oder übersinnliche Fähigkeiten, sondern eine Mischung aus Fingerfertigkeit, Hightech, Wissen um die Schwächen der menschlichen Wahrnehmung, um mich zu unterhalten.

Ich denke, außerhalb der Zaubervorstellung funktioniert das Leben ähnlich. Überall wird versucht mich zu täuschen, mich zu verleiten, meine Ratio soll ausgeschaltet werden, damit ich wähle, zustimme, konsumiere, unterstütze, mich vor den Karren spannen lasse. Lasse ich es zu, gebe ich meine Freiheit auf und werde zur Marionette. Menschen ist immer das zuzutrauen, wozu sie in der Lage sind, wofür ein Motiv als auslösender Impuls existiert und was zugelassen wird. Ich vertraue ausschließlich auf diese Grundformel. Ein weiterer Grundsatz bezieht sich auf Beobachtungen. Alles Sichtbare ist banal und für jeden erkennbar. Viel wichtiger sind die Dinge, die vorhanden sein sollten, aber aus irgendwelchen Gründen nicht da sind. Um zu erkennen, was denn eigentlich da sein müsste, benötige ich Erfahrungen.

Jeder Wanderer kennt dies. Wird es um einen herum still, stimmt etwas nicht oder Gefahr ist im Anzug. Verschwindet an einem Strand außerhalb der Gezeiten das Wasser, sollte man die Beine in die Hand nehmen, weil sich ein Tsunami ankündigt. Dies lässt sich auf die Gesellschaft übertragen. Eine moderne industrialisierte Wohlstandsgesellschaft geht zwingend mit Terror und Kriminalität einher. Besitz weckt Begehrlichkeiten bei denen, die nichts haben. Der moderne Wohlstand basiert immer auf dem Verlust anderer. Dies erzeugt Frust, Identitätsverlust und damit religiösen, politischen, Fanatismus. Gäbe es keine Kriminalität und Terrorismus, stimmte etwas nicht. Entweder ich werde belogen oder getäuscht, wie es zum Beispiel in der DDR praktiziert wurde oder die totale Überwachung hat eingesetzt. Beides halte ich persönlich für nicht erstrebenswert, weil es die Aufgabe der Freiheit bedeutete.

Viele meiner Zeitgenossen wollen sich täuschen lassen oder sie tun es gleich von alleine. Euphemistisch nennen wir dies selektive Wahrnehmung. Sie wollen den Wohlstand, aber nicht die Begleiterscheinungen hinnehmen. Nun, alles hat seinen Preis. Entweder ich bin bereit ihn zu bezahlen oder ich muss mir etwas einfallen lassen. Unser Lebensstil funktioniert nur über die Ausbeutung anderer, produziert Gescheiterte, die sich dem Drogenkonsum hingeben, erzeugt Gewinner und Verlierer, depressive psychische Reaktionen, Psychopathen, Kriminelle und einiges mehr. Pulle voll, Frau besoffen, funktioniert nicht. Wenn ich diese Folgen des Lebensstils nicht ertragen kann, sollte ich darüber nachdenken, ob es an der Zeit ist, etwas zu verändern. Wegsehen, verdrängen, negieren, aus der Sicht schaffen, ist meiner Auffassung nach Feigheit, Verlogen und Heuchlerisch. Auch dies hat nichts mit Freiheit zu tun. Frei bin ich nur, wenn ich für mein Handeln, so auch meinen Lebensstil die Verantwortung übernehme.

Wir lassen bewusst Menschen im Mittelmeer ersaufen. Ihr Tod soll andere davon abhalten, sich ebenfalls auf den Weg zu machen. Wir wollen sie bei uns nicht haben. Sie sollen gefälligst für uns in den Minen arbeiten, sich aus den Erdölfördergebieten verdünnisieren, die notwendigen Rohstoffe liefern, damit wir gut leben können. OK! Warum nicht? Es ist eine Option. An sich nichts Neues in der Menschheitsgeschichte. Neu ist nur die Heuchelei und Verweichlichung. In der Antike und im Mittelalter standen die Menschen wenigstens zur Sklavenhaltung und Ausbeutung anderer Völker.

Die Aufzählung der Verlogenheiten könnte ich seitenweise fortsetzen. Meine Lebensart, immer genau hin zuschauen, niemals weg zusehen und konsequent die Ehrlichkeit einzufordern hat mir im Leben selten Freunde eingebracht. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich die Worte zu hören bekam: „Andreas, Du musst akzeptieren, dass Menschen verdrängen und das Schlechte nicht sehen wollen!“ Warum? Eigentlich ist es doch einfach. Wenn ich mir eine andere Welt wünsche, eine in der ich nicht wegsehen muss, sondern erhobenen Hauptes leben kann, mache ich etwas dagegen. Das Paradies wird daraus nicht resultieren. Aber wenn ich jedem einem eine faire Chance gebe, liegt der Spielball auf der anderen Seite. Einige werden sie nicht ergreifen. Doch damit habe ich dann nichts mehr zu tun.

Doch zu dieser Welt gehört auch, dass die Menschen in der Wohlstandgesellschaft zu großen Teilen ein verlogener Haufen sind. Sie werden nicht so geboren. Der Wohlstand macht sie dazu. Sie kennen es nicht anders. Sich dieser Realität zu verschließen ergibt keinen Sinn. Aber es steht mir frei, mich dem zu entziehen. Theoretisch sollte Wohlstand die Freiheit begünstigen. Da gibt es ein Problem. Die nackte Angst, ihn zu verlieren, etwas von dem zusammengerafften Tand abzugeben. Mehr, immer mehr, das neue Telefon, der nächst größere Fernseher, noch eine Jacke, Kleid, Schuhe, Wohnungsausstattung, Gartenmöbel …

In mir wirken immer noch meine Erfahrungen aus Asien nach. Ich werde sie einfach nicht mehr los. Auf der einen Seite erinnere ich mich an die Einfachheit diverser Menschen und andererseits erlebe ich die Dekadenz um mich herum in Deutschland. Ich benutze bewusst das Wort Einfachheit in Abgrenzung zur Armut. Wenn ich meine Grundbedürfnisse befriedigen kann, eine halbwegs vernünftige medizinische Versorgung bekomme, eine zu den klimatischen Verhältnissen passende Behausung besitze, bin ich nicht arm. Komme ich in diesem Zustand an und erkenne, dass ich im Leben an Gütern nicht mehr benötige, erreiche ich Freiheit.

Einer meiner Lieblingspolitiker, Christian Lindner (neuerdings sagt er nicht mehr Leistungsträger, sondern Hochqualifizierte! Was für eine PR Farce.), warf bei Anne Will den GRÜNEN vor, dass sie der Bevölkerung eine andere Lebensart aufdrücken wollen und eine De – Industrialisierung vorantreiben. Wenn sie es denn mal tun würden! Passieren wird es ohnehin nicht.

Ein anderer wesentlicher Faktor, der Freiheit entgegensteht, ist augenscheinlich die verzweifelte Suche nach Anerkennung. Diese neuerdings verbreitete Wortkotzerei erscheint mir mehr ein Erkennungsgeblöke, denn eine Meinungsäußerung zu sein. Jeder kennt das aus Männerdomänen. Mit ein wenig Vulgarität will „Mann“ den anderen zeigen, dass man kein Weichei ist. Bei beiden politischen Ausrichtungen mache ich persönlich einen Unterschied zwischen Menschen, die sich via eigener Überzeugung entschieden, oder einfach auf Kuschelkurs unterwegs sind. Die linke „Schmuseecke“ hat ihre Sprache, wie auch die rechts außen. Bei den Rechten hat das etwas von einem Kindergarten. Ui, er hat sich getraut „Fotze“ zu schreiben. Respekt! In der linken Ecke ist es eher eine Atemübung, wenn die Sprecherin, der Sprecher, mit einmal Einatmen in einem Satz alle Geschlechter korrekt erwähnt.

Dem größten Teil der Streitenden spreche ich den geistigen Unterbau ab. Sie benötigen eine Gruppe und die braucht wiederum einen Außenfeind, für die innere Einigkeit. Jeder Shitstorm, mit der innewohnenden künstlichen Erregung, ist nichts anderes als das wohlige Gefühl der Gemeinsamkeit mit anderen. Als Kind liebte ich das Lied „Die Affen rasen durch den Wald“ und sang inbrünstig die Textstelle “ … die ganze Affenbande brüllt …“. Nichts anderes passiert beidseitig bei vielen Demonstrationen, Kommentaren in den sozialen Medien usw.. Bei den Rechten werden auf dem Dorf Versammlungen abgehalten, bei denen Schnittchen, Kekse, Kaffee und Kuchen verteilt werden, und anschließend geht der harte Kern noch einen Trinken. Bei den linken Aktivisten treten ein paar Bands auf, die Sternis, bezahlt aus der Solikasse kreisen und der Joint wird fair herumgereicht. Finde den Unterschied! Es gibt keinen. Das ist wie früher mit den Punks und Skins. Es gab die echten und die Kaufhausfraktion.

Individuelle Freiheit und eigenes Denken erscheint mir dies nicht zu sein. Diese Gruppen sind steuerbar und davon wird reichlich Gebrauch gemacht. De facto wird öffentlich derzeit nicht über eine Meinungsfreiheit, sondern über den Verbot eines Widerspruchs diskutiert. Genau das bereitet den Unfreien, von der Anerkennung anderer abhängig, Probleme. Sie können einfach nicht verstehen, dass andere Menschen eine abweichende Lebenshaltung verfolgen.

Ich sehe da in nächster Zeit ein Problem am Horizont. Die kommenden Entwicklungen werden uns die Freiheit, sich für eine Lebenshaltung zu entscheiden, schlicht abnehmen. Ein globales Problem. Dann haben sich diese Diskussionen ohnehin erledigt. Der Einfachheit und der Genügsamkeit gehört die Zukunft. Exakt damit werden die westlichen Staaten erheblich mehr Probleme haben, als die Staaten, in denen dies jetzt schon der Fall ist. Da werden sich einige umschauen.

Ich finde, jeder sollte sich im Leben mal die Frage stellen: Was brauche ich wirklich im Leben und wie viel habe ich davon bereits? Dann entsteht Platz für Freiheit. Ich begann diesen Beitrag recht Rüde. Bewusst und mit Vorsatz! Es gehört nämlich zu meiner Freiheit, die Stirn zu senken und dagegen zu sein. Ich erlaube mir auch die Freiheit, dieses ganze Tamtam und Leugnen der Schrift an der Wand zu ignorieren, nicht nachvollziehen zu können. Was wir brauchen, sind junge Leute, die auf alles einen feuchten Kehricht geben und frei denken. Und wir benötigen Ältere, die sie darin bestätigen, auch wenn es bisweilen weh tut. Das gehört dazu. Lest die Schrift und macht etwas aus der Botschaft. Die Tage der alten Königssippe sind gezählt. Worauf wir meiner Auffassung nach verzichten können, sind angepasste Pollunder tragende Schwiegertöchter und Schwiegersöhne, die jetzt schon einen Finanzplan, einen vorgezeichneten Lebensweg und die Gier im Kopf haben. Eigentlich haben wir die noch nie gebraucht …. aber das ist ein anderes Thema.

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