Chinesische Kampftrinker

Unschlüssig saß ich mit meinem Bier auf der Mauer am Mekong und schaute mir die vorbeikommenden Touristen an. Bei den meisten handelte es sich um Franzosen. Vom Alter her konnte es gut sein, dass ihre Eltern sich noch als Kolonisten in Laos herumtrieben.
Da hielt ein Rollerfahrer vor meiner Nase. Ein junger Typ, der noch keine Dreissig war. Wie sich herausstellte ein Schotte in Nöten.
«Kennst Du jemanden der Werkzeug hat?», fragte er mich.
«Ich kann Dir nur ein Leatherman anbieten.»
«Könnte reichen.»
«Wozu brauchst Du denn Werkzeug?»
Er zeigte auf die leicht verbogene Vorderseite seines Rollers.
«Was ist denn passiert?»

«Da vorn am Tempel ist mir ein Huhn in die Quere gekommen. Da habe ich mich lang gemacht. Ich habe kein Geld mehr, um eine Reparatur zu bezahlen.»
Ich sah mir den Schaden an. Nach wenigen Handgriffen hatte ich den Schaden beseitigt. Nach der Reparatur bot ich dem Schotten ein Bier an.
«Ein Bier ist gut. Das erste Gute, was mir in den letzten 48 Stunden widerfahren ist.»
«Was ist passiert?»
«Meine erste schlechte Idee war es in einer Bar mein Telefon zum Laden am Tresen abzugeben.»
Ich zog die Augenbrauen zusammen.
«Stimmt! Eine wirklich blöde Idee.»
Der Schotte zuckte mit den Schultern.
«Dann war da diese wunderschöne Asiatin!»
Ich lachte. «Lass mich raten, es war keine Frau?»
Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. «Nein, nicht wirklich. Dafür waren die Kerle in ihrer Wohnung echte Männer. Das war mein dritter Fehler. Der kostete mich mein Geld und meine Uhr.»
«Autsch!»
«Ja, und dann bin ich wieder zu der Bar. Die wussten angeblich nichts von meinem Telefon.»
«Ach was?», spottete ich. «Und nun?»
«Keine Ahnung. Meine Eltern sitzen in Chiang Rai und warten auf meine Rückkehr.»
Mitleidig reichte ich ihm mein Telefon. «Kannst Du ihre Nummer?»
Er hatte Glück. Ich habe keine Ahnung, was sein Vater zu ihm sagte. Aber der junge Mann blieb recht locker. Scheinbar war die Geschichte für einen schottischen Vater der ganz normale Wahnsinn. Jedenfalls schienen alle Probleme gelöst.

Mr. Yong

Kaum war er wieder abgefahren, kam von dem kleinen Hotel mein Zimmervermieter Yong herübergelaufen. Im Schlepptau hatte er die beiden Chinesen, die mir bereits am Tag zuvor aufgefallen waren. Die beiden mussten einem einfach auffallen. Der eine war mit seinen guten 1.90 Meter Körperhöhe für einen Chinesen ein Riese. Sein Begleiter war hingegen ein Liliputaner. Beide zusammen wirkten, als wenn sie aus einem Tarantino Film herausgefallen waren. Jeder trug eine billige Rolex Imitation am Handgelenk.

Der Liliputaner hatte sich zusätzlich noch ein dickes Armband umgebunden, welches verräterisch hell klapperte. Aus irgendwelchen Gründen hatten sie sich in den Kopf gesetzt, mit mir ein Kampftrinken zu veranstalten. Zwei Chinesen gegen einen fünfzigjährigen Deutschen aus Berlin. Das Ergebnis stand vorher fest. Doch so lange die beiden zahlten, hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Schon die ersten fünf Bier machten ihnen zu schaffen. Sie sprachen kein Englisch. Deshalb behalfen wir uns mit der Translation – App auf meinem Telefon. Anfangs funktioniert das, doch nach der dritten Runde wurde ihr chinesisch für das Telefon unverständlich. Ich kürzte die Sache ab, in dem ich für uns bei Yong Reis Wodka orderte.

Kaum hatten sie den intus, verfielen sie auf die Idee zwei Prostituierte zu bestellen. Prostitution ist in Laos streng verboten und jeder Europäer geht das Risiko ein im Gefängnis zu landen. Aber Chinesen haben in Laos Narrenfreiheit. Yong managte widerwillig die Angelegenheit.
Wenige Minuten später hielt ein Roller mit einem Fahrer und zwei blutjungen Laotinnen auf dem Sozius. Die Chinesen begannen über den Preis zu verhandeln. Schon kurz nach dem Eintreffen der Mädels war klar, dass sie sich nicht einig werden würden. Zur Strafe flößte ich ihnen eine weitere Runde Schnaps ein. In Folge dessen landete der Liliputaner beim Pinkeln im Mekong. Er rappelte sich wieder auf, um dann nass auf einer Holzplattform einzuschlafen. Der Lange schwankte die Straße herunter. Ich habe nicht herausbekommen, wo er hin wollte. Zumindest sah ich ihn erst am nächsten Tag verkatert vor dem Hotel sitzend wieder. Ich glaube ein zweites Mal werden sie nicht mit einem Europäer einen Wettstreit anzetteln. Egal, ob sie nun Gangster waren oder nicht.