Hippies – Paradies Teil II

Missmutig stellte ich fest, dass sich meine Zigaretten dem Ende zuneigten. Für eine neue Schachtel musste ich entweder im Dunkeln quer über die Insel laufen oder ich nahm den Weg am Strand entlang. Die Flut war schon recht hoch. Trocken würde ich es nicht mehr schaffen. Trotzdem entschloss ich mich für diesen deutlich kürzeren Weg.

Einsiedlerkrebs

Im Licht meiner Kopflampe ergriffen zahlreiche Einsiedlerkrebse die Flucht. Ich blieb kurz stehen. «Na Jungs! Auch kein Bier und Zigaretten? Dann seht mal zu, dass ihr Land aufwärts kommt.» Hinter einigen Metern noch trockenen Strand folgte ein Abschnitt mit Mangroven. Die Wurzeln waren glitschig und ich musste gut aufpassen, wenn ich nicht der Länge nach im Wasser landen wollte.
Nach dem Mangroven Wäldchen folgte die Ansiedlung der Moken. Sechs Häuser auf Pfählen, die während der Flut im Wasser standen. Ich wusste, dass ich im dunklen Wasser diverser Unrat verbarg, den das Meer anspülte. Außerdem verbrannten sie während der Ebbe dort den Plastikmüll. Eine funktionierende Müllabfuhr gab es auf der Insel nicht. Wenn sie nicht unter dem Zeug eines Tages begraben werden wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig. Meistens hatten sie Glück und ich Pech. Die Meeresbrise trieb den beißenden Qualm von den Hütten weg, um dann in meiner Bambushütte zu landen. Die beiden Luxusresorts der Insel befanden sich an Stellen, wo die Strömung günstiger verlief. Was dennoch an den Strand gespült wurde, verbrannten sie in Öfen mit hohen Schornsteinen.

Die Hütten hatten nur drei Wände. Jeder der am Ufer entlang lief, konnte hinein sehen. Aber kaum ein Tourist verirrte sich an diesen Abschnitt der Insel. In den Hütten lebten ganze Sippen auf engsten Raum zusammen. Spontan fragte ich mich, wie die dort Kinder zeugten. Ihre Schiffe bekamen weiter draußen langsam Wasser unter den Kiel. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ausliefen. Offiziell war ihnen das Fischen untersagt. Die großen Flotten überfischten die See und sie mussten es ausbaden. Trotzdem waren sie mit den Booten regelmäßig auf hoher See.
Noch ein paar Meter weiter, tauchten die ersten steinernen Häuser auf. Zum Teil waren noch die Zerstörungen des letzten Tsunami zu sehen.

Tsunami Zone

Die Welle zog mit einer Höhe von Acht Metern über sie hinweg. Seit her standen am Weg Schilder, die einem den Weg in die Berge wiesen. Mehr ein Alibi, denn ein echter Rettungsplan. Bis zum Dschungel und dem Aufstieg war ein unwegsamer Abschnitt. Den hätte im Ernstfall niemand lebend überwunden. In einem der Häuser betete ein Iman. Die in den Hütten gaben wenig auf die fremde Religion, während die Muslime offensichtlich in den Häusern lebten. Bei einigen Gesprächen bekam ich den Eindruck, dass die sich die Inselureinwohner mit den zugereisten Muslimen nicht sonderlich gut verstanden. Anders herum schienen einige der Moken zum Islam konvertiert zu sein. Aber wirklich gut verstanden sich die Ureinwohner mit niemanden und ich konnte es ihnen nicht verdenken. In der alten Zeit wurden sie ständig von Piraten, vornehmlich aus Malaysia, überfallen. Dann kamen die Einwanderer, welche die Inseln kolonialisierten. Zeitweilig trieben sich dann noch die Engländer in ihren Gefilden herum.

Siedlung mit Booten


Am Ende wurde ihnen von der thailändischen Regierung, der Tourismusbranche und den großen Kautschuk -, Kaffee – und Palmölplantagenbesitzern der Garaus gemacht. Sie waren die letzten in der Kette.
Von den Steinhäusern aus, ging der Weg ein wenig verschlungen durch ein schwer überschaubares Häusergewirr, um dann an einem wild aussehenden Areal vorbeizuführen. Jemand hatte Bambus, Strandgut, Bootsreste, zu einer Bar und Wohnbereich zusammengewürfelt. Aus den Tiefen dieser seltsam romantisch anmutenden Konstruktion rief eine belegt klingende Stimme nach mir, die gerade mal so die herausschallende Reggae Musik übertönte. Neugierig suchte ich nach einem Eingang. Auf einem Hocker entdeckte ich einen spindeldürren und zahnlosen Thai mit langen grauen Haaren. Bei näheren Hinsehen entpuppte sich das Ganze als recht gemütliche Lokalität mit allem, was man brauchte. Kaltes Bier, Whisky, Zigaretten, gute Musik und freier Blick auf das Meer.


Kaum hatte ich ein Bier bestellt, tauchte ein weiterer Mann auf. Er wirkte auf mich wie die thailändische Ausgabe von Iggy Pop. Damit meine ich nicht nur das Aussehen. Je länger ich mich mit ihm unterhielt, war ich mir nicht sicher, dass Iggys Vater mal in Thailand unterwegs war. Chest, so nannte er sich, hatte ein wildes Leben hinter sich. Nach dreissig Jahren Trucker Leben in den USA war er in die Heimat zurückgekehrt. Vorher hatte er noch einen kleinen Umweg über New Orleans gemacht, wo er an die Nadel geriet. In der Nähe von Koh Samui gründete er einen Biker Club. Eines Tages standen die Hells Angels vor der Tür.

Chest Beach

Seine Leute und er, verspürten wenig Lust mit denen gemeinsame Sache, zu machen. Wer hat das schon? Wenn man nicht gerade ein schwer gestörter Trottel ist, der sich über seine Oberarme und tierischer Brutalität definiert, lässt die Finger von denen. Chest und seine Leute suchten nach einer neuen Heimat, die sie auf der Insel fanden.
Durch seine Erzählung verstand ich langsam, was um mich herum geschah. Der Dürre war ein irrer, aber sehr freundlicher, Trunkenbold. Immer wenn sich zögerlich eine Touristin näherte, verschränkte er in Windeseile seine Beine hinter dem Kopf und bot Yoga Kurse an. Ein anderer Kerl, etwas muskulöser, bastelte konzentriert an einer Erweiterung des Ensembles. Dazu gehörte ein trockengelaufenes Boot, auf dem der Yoga Künstler hauste. Besonders schräg wirkte sein frei stehendes Toilettenhäuschen, dessen Tür immer wieder aufsprang.

Chest war ein Hippie durch und durch. An seinem Beispiel erkannte ich, dass ein echter Hippie eine bewusste Entscheidung getroffen hat. Man wird nicht dazu, weil man keine anderen Optionen hatte. Es ist das Ausscheiden aus dem nahezu global vorgegebenen monetären Leistungsprinzip mit einer Beschränkung auf das Lebensnotwendige und einer Zuwendung zu anderen Werten. Nach meinem ersten Abend verbrachte ich fast zwei Wochen jeden meiner Abende in der Bar und schrieb vor mich hin. Wenn ich nicht schrieb, trank ich mit Chest Moonshine Whisky, rauchte ein wenig Weed oder sah mit ihm einfach auf das Meer hinaus. Er sagte dann immer: «Wir sind Piraten mein Freund. Ohne Heimat und mit eigenen Regeln.
Ich wollte immer einen Strand haben. Schau, da ist er!»
Anfangs hielt ich es für ein Entgegenkommen, dass ich ab und zu Musik auflegen durfte. Erst anhand eines verstohlenen Blickes merkte ich, dass mich Chest auf die Probe stellte. Ich wählte in diesem Moment «Dust in the Wind» von Kansas.
«Ist es das, was Du mir die ganze Zeit sagen willst?», fragte ich ihn.
«Yeah! Das ist nur für Menschen mit offenen Herzen und Geist. Was hast Du früher gemacht?»
«Was denkst Du?»
«Polizei oder Armee!», antwortete er prompt.
«Sieht man mir das sofort an?», fragte ich verunsichert.
«Nein, aber Du schaust wie jemand, der weiß wohin er nicht mehr zurückwill, aber nicht weiß, wo es hingehen soll. Das ist typisch für Euch, wenn ihr alles hinter Euch lasst.»

Ich musste schlucken. Er setzte nach.
«Versuche gar nicht erst, Dich noch einmal irgendwo zu binden. Du bist im nächsten Teil Deines Lebens angekommen. Vertrau mir …!»
«Aber Du hast Dich doch hier auch gebunden.»
Chest lächelte. «Habe ich das? Ich habe mir einen Strand gesucht. Hier mache ich ausschließlich, was ich will. Niemand, keine Polizei, keine Regierung, keine Moral, schreibt mir hier etwas vor und ich sage keinem anderen, was er zu tun oder zu lassen hat. Ich bin ein Mensch. Ich kann nicht immer in der Luft oder im Wasser leben. Ich brauche ein Stück Erde und ein Boot. Doch mehr Bindung … Nein!»

Ich dachte darüber nach, ob er wirklich an allen vorbei kam. Tatsächlich hatte die Regierung und die Polizei an diesem entlegenen Winkel wenig zu sagen. Irgendwann kam es zu einem Unfall mit einem Motorroller, bei dem ein junger Einheimischer verstarb. Nach Stunden rückte ein Polizist mit der Fähre an und registrierte das Geschehen. Der Rest regelte sich über eine unsichtbare Eigenverwaltung, bei der meine Vermieterin und die Resortbetreiber eine entscheidende Rolle spielten. Außerdem blieb Chest nicht ganz bei der Wahrheit. Immerhin war er an einem Resort wenigstens beteiligt. Die Jungs brauchten wenig Geld, aber ganz ohne kamen die auch nicht aus. Doch trotz allem, ist ihr Leben ein vollkommen anderes, wie ich es bei anderen kennenlernte.

Mich zog es nach drei Wochen weiter. Ganz freiwillig ging ich nicht. Mein VISA ging auf das Ende zu. Als ich Chest sagte, dass ich nach Malaysia weiter ziehe, lautete sein Kommentar: «Die mögen keine langhaarigen Thai Hippies!» Später stellte ich fest, dass er damit nicht ganz richtig liegt.