Im Wendekreis des Zwiebelfisches

Prolog

Vor wenigen Tagen bat mich eine junge Frau um Informationen über die Einstellungsvoraussetzungen bei der Berliner Polizei. Sie war nicht die Erste. Meistens ähneln sich die gestellten Fragen. Welche Abschlussnote benötige ich? Darf ich da auch als Brillenträgerin hin? Was muss ich beim Sporttest machen? Diese Fragen beantwortet die Polizei auf ihrer Webseite. Sie werden lediglich vordergründig gestellt. Tatsächlich sind sie ein Gesprächseinstieg. Nachvollziehbar wollen sich die Berufsanfänger mit jemanden unterhalten, der sich mit diesem Beruf auskennt und ihnen einen tieferen Einblick ermöglicht.

Ich habe stets eine Gegenfrage: «Was genau erwartest Du von diesem Beruf?» Die Vorstellungen sind in der Regel sehr romantisch. Mit der Realität haben sie wenig gemein. Meistens muss ich tief durchatmen. Steht es mir zu, diesem jungen Menschen aus meiner desillusionierten Sicht das Berufsbild Polizei zu schildern?
Illusionen sind Trugbilder, die wir entweder selbst erzeugen oder uns von anderen vorgegaukelt werden. Sie haben unterschiedliche Funktionen. Manche schützen die Seele, andere Taugen der Unterhaltung oder wir sollen zu unserem Nachteil getäuscht werden. Das Verschwinden einer Illusion erschreckt häufig. Ohne sie zu leben, erfordert eine Stärke, die oft nicht vorhanden ist. Meinerseits müsste die spontane ehrliche Antwort lauten: «Lass es! Mach lieber etwas aus Deinem Leben!» Immerhin bekam ich am Anfang meiner Berufskarriere aus berufenen Munde eine ähnliche Empfehlung. Es waren die Worte meines eigenen Vaters.

Doch dieser Rat wäre das Ergebnis meiner eigenen dreißigjährigen Geschichte. Würde die Frage an einen anderen gerichtet werden, bekäme die oder der Suchende bestimmt eine völlig andere. Heute bin ich zufrieden mit mir. Allerdings hätte ich, trotz des Bewusstseins der Unmöglichkeit, gern den Part Polizei übersprungen. Es hat lange gedauert, bis ich den Stellenwert dieser Jahre in meinem Leben akzeptierte. Wer Psychologie studiert, muss ein Praktikum absolvieren. Rückblickend betrachtet dauerte meins drei Jahrzehnte. Mehr empirisches Material kann kaum einer sammeln.
Ich ließ in diesen Jahren nichts aus und die Zeit machte mich zu dem, der ich heute bin. Korrekterweise müsste ich darauf hinweisen, dass mich die Polizei in einer Umbruchphase der Gesellschaft einstellte. Meine Ausbildung endete mit der Wende. Der Beruf ist untrennbar mit seiner gesellschaftlichen Funktion verbunden. Doch zu gleichen Teilen wird der Kriminalbeamte mit dem Menschen an sich konfrontiert. Ich empfand im unmittelbaren Kontakt die menschliche Seite deutlich weniger belastend, wie die gesellschaftlichen Prozesse und die Gegebenheiten in der Behörde.
Die junge Frau beschrieb sich als Mensch, der über eine umfassende Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Mal abgesehen davon, dass ich aufgrund des Alters über diese Selbsteinschätzung ein wenig Lächeln musste, ist sie damit prädestiniert für den Job als Sozialarbeiterin oder Therapeutin.