Berliner und Spandauer

Berliner gehen zum Asiaten, Jugo, Inder, Afrikaner, Italiener, Spanier, Australier essen. Es stört sie nicht beim Thailänder japanisches Sushi zu bestellen, beim Vietnamesen Fleisch nach laotischer Art zu bekommen oder sie genießen beim Äthiopier ein ägyptisches Dessert.
Es kommt Ihnen nicht in den Sinn, dass die kulinarischen Spezialitäten eines Inders aus dem Norden zu einem aus dem Süden sich mindestens so unterscheiden, wie die Speisenkarte eines Südfranzosen zu einem mitteldeutschen Restaurant. Beim Asiaten gibt es Reis, Nudeln, Stäbchen, freundlich lächelnde gelbhäutige Menschen, mehr muss man nicht wissen. Da ist es unerheblich, in welchen Größenordnungen die Länder auseinanderliegen. Wichtig ist auch nicht, dass nur in einigen Gebieten mit Stäbchen gegessen wird. Wen interessiert es schon, dass die thailändische Küche im Süden scharf gewürzt ist, während im Norden selbst Deutsche nachwürzen.
Warum soll man in einem türkischen Döner – Imbiss kein Schawarma bestellen, die haben doch alle schwarze Haare. Es muss für einen frischen Flüchtling seltsam sein, in einem ausgewiesenen libanesischen Lokal mit syrischen Slang angesprochen zu werden.
Das der Italiener an der Ecke fließend arabisch spricht, läßt einen echten Berliner nicht stutzen. Der Kellner hat sich mit Toni vorgestellt, alles andere ist sein Problem. Es ist durchaus möglich, dass Australien ein Kontinent ist, unter dem Strich gibt es dort Krokodil, Känguru, Strauß. Oder war das der Afrikaner?
West – Berlin war früher die einzige Stadt mit einer Himmelsrichtung. Hinter der Mauer gab es ausschließlich Osten. Wer außerhalb der DDR lebte, war ein Wessi, alles andere Ossis. Der Berliner selbst ein West – Berliner. Heute wird das Gebiet um die Stadt herum Umland genannt, ausschließlich Auswärtige nennen es Brandenburg.
Aus der Perspektive der Berliner ist das Stadtgebiet ein Kontinent. Als Vergleichsstädte werden New York, Paris, Rio akzeptiert. Wo liegt eigentlich Hamburg? Ich vermute rechts von Frankfurt/Main. Mit Sicherheit kann der Durchschnittsbürger München auf der Karte zeigen. Denn dort Leben die Erbfeinde der Preußen, die Bayern. Bei der alten Hauptstadt Bonn kann es zu Schwierigkeiten kommen. Wenn der Befragte nicht eher in Damaskus, Gaza, Beirut , Kinshasa seine traditionellen Feinde sieht.
Hingegen ist Köln wegen des Karnevals bestens bekannt. Die Zugstrecke dorthin kennt nahezu jeder. Orientierungslose Latte Trinker, die ihre Blagen nicht unter Kontrolle haben, kommen grundsätzlich aus Schwaben. Für die Mehrheit der Bevölkerung gibt es eine akzeptierte Hierarchie. Die normalen Einwohner kommen unmittelbar aus Berlin, sind staatenlos oder aus der Türkei. In der zweiten Etage sind die Bewohner der Edelbezirke Zehlendorf, Wannsee, Dahlem, Frohnau angesiedelt. Dicht gefolgt werden sie von den Separatisten aus Spandau.
In Friedrichshain, Prenzelberg, sollen angeblich Berliner wohnen, genau weiß das aber keiner. Einheimische erkennt der Beobachter am ehesten an der Tatsache, dass sie ohne Rollkoffer unterwegs sind. Schwer einzuordnen sind die Ronnys, Kevins, Sylvios, Doreens, Chantalles, auf jeden Fall sind sie mit Sicherheit Ossis.
Flächendeckend haben sich je nach Einnahmequelle die Polen verteilt. Die Russland – Deutschen haben eine eigene Kolonie in Spandau eröffnet. Die aus Odessa wohnen im KaDeWe. Bei aller Uneinigkeit und Unterschieden ein gemeinsamer Außenfeind schafft innere Einigkeit. Niemand kann Schwaben leiden!
Berliner bestellen ein Feierabendbier und meinen damit sieben Schultheiß und einen Jägermeister, alles darunter ist albern. Weißwein kennen Sie nur in Form eines geeisten Frascati oder Chardonnay. Wenn sich jemand als Weintrinker ausweisen will, bestellt er einen Merlot.
Schaumweine, trinken die echten Einwohner entweder in Form von Champagner, weil sie damit protzen, oder sich von den Freiern im Bordell abgrenzen wollen, die mit 60 EUR für eine Piccolo die Zimmermiete entrichten. Der Kenner bringt zur Party eine Flasche Freixenet mit.
Die Bevölkerung lebt von ihren Stereotypen und keiner meint es negativ. Sie verschaffen im Getümmel eine gewisse Klarheit, selbstverständlich gilt dies nicht für Schwaben. Ich will bei aller Schwabenschelte nicht verschweigen, dass es eine Kategorie unter den Schwaben gibt. Jeder der die Mauer bewusst erlebte, ballt die Faust, wenn er einen Sachsen sprechen hört. Die Wessis, weil sie in Gedanken wieder in einer Grenzkontrolle stundenlang von ihnen drangsaliert werden; die Ossis denken spontan an einen uniformierten Grenzposten, der im Zweifelsfalle auf sie schießt. Sollten Sie aus Sachsen kommen, rate ich ihnen, vor einem Besuch «Hochdeudsch» zu lernen.
Berliner sind selbstständige Menschen, die in den seltensten Fällen Hilfe benötigen. Aus diesem Grund können sie Fragen nach dem Weg nicht nachvollziehen. Dafür gibt es alle 3 km Hinweisschilder bzw. Stadtpläne auf den U – Bahnhöfen, die seltsamerweise selbst die Graffity – Künstler verschonen.
Anders sieht es mit der Hilfsbereitschaft in den zahlreichen Subkulturen aus. Der Tourist darf sich nachts am Geldautomaten nicht wundern, wenn er Hinweise zur Qualität der Pillen im nahegelegnen Klub bekommt. Ebenso wird man durch lautes Rufen ungefragt auf die Polizei hingewiesen. «Die Bullen!», ist der Aufruf zu einem gemeinsamen Run durch die Stadt.
Ich selbst wurde auf dem Wedding geboren und landete später bei den Separatisten. Spandau ist ausschließlich auf dem Papier ein Bezirk. In der Realität ist es eine Großstadt, mit eigenen Regeln. Zwangsweise wurde Spandau in Berlin eingemeindet. Dieser skandalöse Vorgang liegt knappe achtzig Jahre zurück, ist aber allgegenwärtig. Einige meinen, dass es längst an der Zeit ist, die Brücken nach Berlin zu sprengen. Angeblich soll das Spandauer Volk etwas rückständig sein, dabei denken sie nur gründlicher nach. Die Bewohner können Fremde leicht an ihren traditionellen Trachten erkennen. Laien halten diese Kleidung für eine Reminiszenz an die Achtziger. Hingegen weiß jeder Insider, dass sich die Modedesigner den Stil bei den Spandauern abgeschaut haben. Der Irrtum bezüglich der Kleidung hält sich ähnlich hartnäckig, wie die Mär, dass das Boule – Spiel aus Frankreich kommt.

Jahrhundertelang wurden in Spandau Kanonen hergestellt, die über die gesamte Welt verteilt in Festungsanlagen zu bewundern sind. In der Freizeit spielten die Soldaten zum Zeitvertreib mit den Kugeln. Die Franzosen lernten das Spiel beim Besuch von Napoleon kennen, dem die Zitadelle kurze Zeit überlassen wurde. Dieser missbrauchte die Gastfreundschaft, woraufhin er mit einem großen Knall herausgeworfen wurde. Ein Treffer ins Munitionsdepot reichte völlig aus, um die Franzosen wach zu machen. Seither wird in Frankreich ebenfalls Boule gespielt, die Regeln erinnern an die Vorkommnisse in der Vergangenheit.
Einmal im Jahr, betreuen zahlreiche Spandauer am 17.8., eine Gruppe Verwirrter, der «Wessis» aus unterschiedlichen Bundesländern angehören. Seit Jahren suchen die Mitglieder nach ihrem Vereinsvorstand. Jedes Jahr wird ihnen mitgeteilt, dass dieser vor Jahren verstorben ist. Die Polizei aus dem benachbarten Berlin nutzt dieses Ereignis für die taktische Ausbildung unerfahrener Polizeiführer. Sie werden für die Schwierigkeiten sensibilisiert, die sich aus der mangelnden Ortskenntnis der Einsatzkräfte ergeben können, wenn die ortsansässige Bevölkerung Guerilla – Taktiken anwendet. In der Presse findet diese Veranstaltung, «Todestag Rudolf Hess» viel Beachtung.
Letztens las ich im Internet von einer Beschwerde der angereisten Gäste aus Kandel, in der sie monierten, von der Stadt nur den Bahnhof gesehen zu haben. Wenn sie das hier lesen, möchte ich Ihnen empfehlen, das nächste Mal zum Weinfest zu kommen, wo sie als Fachleute für Rieslinge gern gesehen sind.
Fremde, die in Spandau Fuß fassen wollen, müssen einige Grundregeln beachten. Die Einwohner kennen sich gegenseitig, wenn sie nicht sogar miteinander verwandt sind. Sollten Sie vor haben, sich anzusiedeln, ist es von Vorteil einen triftigen Grund für ihre Anwesenheit zu nennen. Anderenfalls werden Sie ausgegrenzt, schlimmsten Falls für einen Polizeispitzel gehalten, der sich an einen der wenigen Tresen verirrt hat.
Je länger ich über Spandau schreibe, fällt mir auf, dass es an der Zeit ist einen Reiseführer zu verfassen, deshalb will ich es damit vorerst bewenden lassen.

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