Homöopathie eine Sekte?

Waren sie schon einmal auf einer Esoterik – Messe? Wenn nicht, empfehle ich Ihnen, dies zu tun. Für den Einstieg in die Materie sind einschlägige Internetseite geeignet.
Unter Verkäufern gibt es eine Weisheit: Jeden Morgen steht ein Trottel auf, Du musst ihn nur finden. Doch warum mühsam nach ihm suchen, wenn er von alleine angelaufen kommt? Diese Messen und Seiten sind schlicht ein genialer Schachzug. Jeder Schrott wird dort zu Geld gemacht.

Schrott meine ich wörtlich! Da schraubt einer etwas wild mit dem Versprechen zusammen, dass damit Chemtrails bekämpft werden können! Andere biegen simplen Blumendraht zu einer Pyramide, von dem Konstrukt behaupten sie, dass darunter gelegte Lebensmittel länger frisch bleiben.
Der ambitionierte Heimwerker nimmt dafür ein wenig Kork, in dem er einen Draht hineinsteckt, an dessen Ende eine Holzkugel befestigt ist. Fertig ist die Engelswünschelrute für 40 EUR. Für 20 EUR gibt es eine Engel Glaskerze St. Jude, die aus einer handelsüblichen Stearinkerze, einem Einweckglas und einem aufgeklebten Computerausdruck zusammengesetzt ist. Der Verkäufer verspricht, dass sich damit das Geld auf dem Konto vermehrt. Mit St. Jude ist schlicht Judas gemeint. Eine interessante Interpretation von Geld verdienen.
Beim Betrachten solcher Waren durchzuckt mich immer der gleiche Gedanke: Warum bist Du Idiot nicht darauf gekommen?
Bei mir melden sich Skrupel mit der Verblödung anderer Geld zu verdienen. Aus diesem Grunde habe ich die Idee verworfen eine Sekte zu stiften. Dabei habe ich ausreichend Erfahrung im Umgang mit Frauen, die an mystische Dinge zwischen Himmel und Erde glauben.

Es gibt Typen, die aus simplen Milchzucker und Wasser Geld heraus schlagen. Man benötigt die richtige Masche. Sinnvollerweise eine, die einem schon zu Lebzeiten den Geldsegen beschert. Der eine oder andere Leser ahnt es wahrscheinlich, ich spreche von der Homöopathie.
Das menschliche Gehirn ist das Produkt einer 200.000 Jahre dauernden Entwicklung. Denkmuster aus der langen Phase des Jäger- und Sammler Entwicklungsstadiums, die in der heutigen Zeit zu Fehlschlüssen führen, lassen sich schwer korrigieren. Nur die Kenntnis davon, befähigt uns,im zweiten Schritt den Verstand einzuschalten.
In einer Zeit, wo der Mensch auf der Speisekarte diverser anderer Lebewesen stand, war er auf blitzschnelle Rückschlüsse angewiesen. Ein verdächtiges Geräusch im Unterholz löste einen Fluchtreflex aus. Egal, ob die angenommene Kausalität zwischen dem Gehörten und einem lauernden Säbelzahntiger korrekt war, war die Flucht die richtige Wahl. Lieber dreimal grundlos Wegrennen, als einmal gefressen zu werden. Wir erzeugen Kausalitäten zwischen einzelnen für sich stehenden Ereignissen, die objektiv nicht zwingend miteinander in Verbindung stehen, erst Recht keine Rückschlüsse auf zukünftige Ereignisse zulassen.

Wie fatal sich dieses Auswirken kann, wird am Beispiel einer Weihnachtsgans deutlich. Von Geburt an bekommt sie mittags von einem Bauern mit roten Stiefeln Futter. Ihr Rückschluss: Männer mit roten Stiefeln geben mir jeden Tag leckeres Futter. Rote Stiefel sind ein gutes Zeichen. Bis zwei Tage vor Weihnachten vertraut sie ihrem Rückschluss.
Ein amüsantes Beispiel für den anderen Fall ezählte mir ein befreundeter Elektriker. Er schraubte für seine Firma am Hauptverteilerkasten des KaDeWe herum. Kaum hatte er den Schraubendreher angesetzt, fiel im gesamten Haus der Strom aus. Es dauerte einige Minuten, bis sich klärte, dass ein Bagger bei Aushubarbeiten mehrere Hauptkabel durchtrennt hatte.
Zufälle finden wir unerträglich. Es muss etwas geben, was das Universum zusammenhält. Wenn die Wissenschaftler keine nachvollziehbaren Antworten finden, greifen wir auf den Glauben zurück.
Das Großhirn besitzt die Fähigkeit, nach Belieben alles zu anzunehmen. Wieder einmal ein Wort, welches einen komplexen inneren Zustand, beschreibt.
Wir füllen damit die für uns unerträgliche Leere. Mein Freund konnte die Schuld auf den Bagger schieben. Sie macht Angst, weil uns das Gefühl überkommt, keine Kontrolle zu besitzen.

«Du kannst nicht den Beweis antreten, dass es nicht existiert!», lautet eine der Standarderwiderungen von Gläubigen. Auf die Art kann auch der Glaube an den Weihnachtsmann, die Zahnfee und den Osterhasen legitimiert werden. Eine nicht existente Sache entzieht sich jeglicher Beweisführung. Ich kann mich aber der Angelegenheit annähern, wenn ich einen Nachweis darüber führe, wie etwas entstanden ist und damit eine ziemliche Wahrscheinlichkeit herleiten.
Anfang des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Überlebenschancen rapide zu nahmen, wenn Kranke den Arztbesuch vermieden, experimentierte ein Vater von elf Kindern mit allen ihm damals zur Verfügung stehenden Substanzen. Er verdünnte sie, bis er hoffentlich abgekochtes Wasser mit den üblichen mineralischen Beimengungen in seinen Gläsern hatte. Dieses bot er Kranken an. Einige von ihnen gesundeten, andere starben. Aber seine Quote der Überlebenden lag höher, wie bei den Ärzten, die die üblichen Methoden anwendeten.

Zu seiner Zeit konnte er nicht wissen, dass das an der Brutalität der Behandlungen lag. Zu denen gehörte Aderlass, Schröpfen, Aufbringen von Tinkturen, die nach modernen Verständnis nicht in Wunden gehören sowie vieles unappetitliches.
Deshalb kam es zu einem klassischen Gedankenfehler. Er führte seine Erfolge auf das unwirksame Schütteln und Verdünnen zurück. Dem Wissenstand der Zeit nach, war er aus seiner Sicht darauf gestoßen, dass mit Schütteln eine an die Ursprungssubstanz gebundene charakteristische Energiesignatur ablösbar ist, welche im Wasser gebunden werden kann. Diesen kausal falschen Rückschluss kennen wir heute unter der Bezeichnung Homöopathie.

Stellen Sie sich vor, wir würden uns in einem Lokal treffen. Anläßlich des Treffens erzählten Sie mir beiläufig, dass sich bei ihnen mal wieder eine dieser lästigen Nebenhöhlenentzündungen ankündigt. Ich böte Ihnen daraufhin eine Lösung an:
Zum Glück kratzte ich vor einer Woche bei einem Kumpel ein wenig Eiter an seinem Penis ab, der sich dort wegen eines Trippers sammelte. Den Eiter verdünnte ich, in dem ich über eine Woche hinweg, dem Gemisch Wasser beigab, es schüttelte, wieder Wasser hinzu goss, und wieder schüttelte. Das verdünnte Zeug träufelte ich am Ende auf eine kleine Perle aus Milchzucker. Ich wäre bereit davon etwas abzugeben.

Wenn sich jetzt nicht Ekel einstellt, möchte ich Ihnen nicht über den Weg laufen. Um das Glas zu verkaufen, bedarf es einer überzeugenderen Strategie. Ich benötige eine andere weniger drastische Geschichte. Sie könnte lauten:

Ein mir flüchtiger Bekannter, war vor einiger Zeit mit dem gleichen Problem beim Arzt. Nicht einer dieser Wissenschaftsgläubigen, sondern ein patenter Mann, der nicht sofort zu den brachialen Mitteln greift.
Der hat ihm ein homöopathisches Mittel verschrieben. Es handelt sich um eine Nosode. Was das bedeutet, ist nebensächlich.
Der Name des Mittels ist Medorrhinum. Aus irgendeinem natürlichen Stoff (Eiter) wurde durch Verdünnung (auf dem Fläschchen steht C30, der Eiter wurde demnach 30 Mal um den Faktor 100 verdünnt, anders ausgedrückt 10 hoch 60, wissenschaftlich enthält das Glas reinen Milchzucker) ein Wundermittel hergestellt.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich die Katholische Kirche ebenfalls jahrhundertelang einer für den Rest unverständlichen Sprache, dem Latein, bediente.

Das Zeug kostet auf ein Kilogramm hochgerechnet ca. 9,50 EUR. Wenn ich es Ihnen verkaufe, habe ich aus 1 Kg Milchzucker für 85 Cent Gold hergestellt. Effektiver ist es, wenn ich es Ihnen in Form einer Flüssigkeit verkaufe.
Mich überzeugt diese Strategie. Das Tolle dabei ist, das Mittel hilft nicht nur bei Entzündungen, sondern wie Ritalin gegen ADHS eingesetzt werden kann.
Nehmen wir an, Sie folgten mir. In der Folgezeit wird möglicherweise eine Gesundung eintreten, weil Ihr Abwehrsystem von alleine reagiert hat. Vielleicht wurde dabei der Placeboeffekt unterstützt. Wie sagt der Volksmund: «Eine Erkältung kommt eine Woche und geht nach einer wieder. Du kannst aber auch Medikamente nehmen, dann ist sie in 14 Tagen überstanden.»
Angenommen Sie fühlen sich nach der Einnahme nicht besser. Jetzt könnten Sie zu einem vorschnellen Urteil kommen und die Wirkung des Mittels anzweifeln. Zweifel ist der Weg zur Gewissheit. Mit der Aufforderung, an etwas jenseits der Naturwissenschaft zu glauben, gab ich Ihnen Milchzucker. Der entstandene Zweifel birgt die Gefahr, dass Sie die anhaltende Entzündung für einen Beweis hinsichtlich der Unwirksamkeit ersehen. Das kann ich nicht zulassen. Es bedarf eines Griffs in die Trickkiste.
Das Mittel hat bei Ihnen eine Erstverschlimmerung ausgelöst. Eine normale Entwicklung bei einer homöopathischen Behandlung. Damit habe ich mir Zeit verschafft. Im ungünstigsten Fall sind Sie nach drei Wochen nicht gesund.
Den Homöopathen kümmert das nicht. Sie oder er, wird Ihnen erläutern, dass für jede Krankheit exakt das richtige Mittel gefunden werden muss. Nicht die Homöopathie ist unwirksam, sondern Sie haben das Falsche bekommen. Diese Kette kann sich ziehen, während ihr Kontostand schmilzt.

Ich nenne diese Argumentation den «Gott – Faktor» in der Homöopathie.

Die Anhänger behaupten, dass mit der Methode jede Krankheit geheilt werden kann. Jede Erkrankung hat in der Natur ein Pendant. Erfährt der Patient keine Heilung, hat der Behandler es entweder unter den Geprüften nicht gefunden oder es ist bisher nicht entdeckt worden.
Unter Krankheit versteht die Homöopathen nicht nur die üblichen Erscheinungen. Sie machen auch vor Verstimmungen, ernsthafte Störungen, Depressionen, bis hin zu Krebs und Ebola nicht Halt. Überzeugte Jünger haben sich in Anlehnung an die bekannte Ärztevereinigung unter der Bezeichnung «Homöopathen ohne Grenzen» zusammen geschlossen. Sie reisen in die Pocken – und Ebolagebiete und verteilen dort Globuli. Die Kranken vor Ort sind dankbar für die Zuwendung, da sie weniger kostet wie die reguläre Medizin.
Spätestens an dieser Stelle wird es gefährlich. Doch bleiben wir in Deutschland. Nicht wenige Homöopathen verwenden auf ihren Praxisschildern eine Zusatzbezeichnung: «Psychologischer Berater». Meiner Kenntnis nach gibt es bisher keine Untersuchung, wie viele unter Umständen abwendbare Suizide auf das Konto einer laienhaften Beratung durch einen Homöopathen zurückzuführen sind.
Mir ist ein Fall bekannt, bei dem eine junge Frau versuchte, ihre Depressionen mittels Globuli selbst zu behandeln, und dabei von ihrem Gesprächszirkel unterstützt wurde. Im Nachgang hatte ich dann die Aufgabe ihre Leiche aus der Badewanne zu holen. Bei den weiteren Ermittlungen stellte ich fest, dass sich ihre Ratgeberinnen in meinem unmittelbaren persönlichen Umfeld befanden.
Religiöse Sekten funktionieren ähnlich. Dem Gläubigen wird geholfen, geht etwas schief, ist das nicht der Religion anzurechnen, sondern der Jünger ist fehlerhaft. Wird der Glaube aufrichtig praktiziert, kann nichts passieren, im Zweifel gibt es ein Leben nach dem Tod, in dem sich die Treue auszeichnet. Im Übrigen ist die Welt deshalb in Unordnung, weil sich nicht alle an die göttlichen Vorgaben halten.
Homöopathen sind gläubige Menschen. Die Naiven unter Ihnen wehren sich am Ende einer Diskussion mit der Aussage: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann der Mensch nicht erklären.“
Die Wissenschaft hat hingegen für Geklärtes gesorgt. Doch gegen Glauben ist sie machtlos. Er kann in schweren Zeiten durchaus hilfreich sein. Es wird immer Leute geben, die mit der Realität des Lebens nicht klar kommen und deshalb einen Notanker brauchen. Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Existenz von Krankheiten, nicht als ein Bestandteil des Lebens nicht akzeptiert werden.
Insbesondere wenn Mediziner mit ihren Möglichkeiten am Ende sind. Die Homöopathie grätscht in diese Lücke hinein.
Der Sektenbegründer Samuel Hahnemann ahnte nicht, welche Lawine er in Gang setzte. Nach seinem Tod geriet er in Vergessenheit. Dann passierte etwas Phänomenales. Die Methode aus der Steinzeit der Medizin verbreitete sich Mitte des 20. Jahrhunderts rasant. Ein wenig war dabei der Nationalsozialismus mit seinen Wurzeln in der Völkischen Bewegung ursächlich. Der Okkultismus hatte Hochkonjunktur und die Heilpraktiker breiteten sich aus.

Laien verweisen gern auf diese Heilpraktiker. Es wird dabei übersehen, dass Homöopathen nur eine Untergruppe darstellen. Jeder Giftmischer weiß um die Wirksamkeit von den aus der Natur stammenden Mitteln. Hier gilt der Grundsatz von Paracelsus: „Die Menge ist entscheidend!“.

Homöopathen haben mit diesen Naturheilkundlern, die pflanzliche Stoffe verwenden, nichts zu tun. Innerhalb der Homöopathie gibt es den dogmatischen Zweig der «Klassischen Homöopathen». Sie befolgen Hahnemanns Vorgabe, dass ausschließlich ein bestimmtes Mittel zu einer Krankheit gehört.

Die andere Fraktion hat kein Problem mit der Vergabe von sogenannten Komplexmitteln. Nach dem Motto: Eines wird schon stimmen!, wird ein Cocktail zusammengemixt. Die nach Wilhelm Heinrich Schüßler aus zwölf homöopathisch verdünnten Mineralien benannten «Schüssler – Salze» sollen die Mehrheit aller Krankheiten heilen können. Schüssler verwehrte sich gegen den Begriff Homöopathie, weil er das von Hahnemann aufgestellte Prinzip: «Ähnliches kann mit Ähnlichen behandelt werden.», verneinte.

Gleichwohl glaubte er an die kosmische geheimnisvolle Energie, die durch die Praxis des Verdünnens freigesetzt wird. In Apotheken werden heutzutage diverse Erkältungsmittel verkauft, in denen bis zu 20 unterschiedliche Mittel vermischt sind. Für einen «Klassischen Homöopathen» der blanke Horror; andererseits eine einträgliche Geldquelle für die Hersteller.
Die wenigsten Homöopathen, nach meiner Vorstellung die Jünger, werden mit dem Unfug reich. Wie bei den Scientologen verdienen im Hintergrund andere Personen am Geschäft mit dem Glauben.

Der moderne Homöopath residiert in einer Praxis, deren Regal mit teuren Büchern, sogenannte Repertorien, bestückt sind. Diese Bibliothek wird zumeist um unzählige Abhandlungen über die Impflüge, den Menschen und Körper sowie spirituelle Praktiken, ergänzt. Sie oder er besitzt mindestens einen Computer mit dazugehöriger Software, deren Lizenzen leicht einige tausend Euro kosten.
Es gibt spezialisierte Verlage für Autoren, die diese Bücher verfassen. Eine andere Gruppe der Nutznießer stellen die Softwareprogrammierer nebst Vertreter. Hinzu kommen findige Hersteller von Aufbewahrungstaschen, die sich nicht wesentlich von Federtaschen unterscheiden, sie aber mit der Bezeichnung Homöopathiebedarf teuer verkaufen. Selbst die Möbelhersteller haben den Markt erobert, in dem sie schadstofffreies Mobiliar zur Aufbewahrung der Milchzuckerperlen anbieten.
In der vorstehenden Aufzählung ist bisher kein einziges Mittel verkauft worden. Der größte Anbieter setzt mit wenigen Beschäftigten Unsummen um. Mit 400 Mitarbeitern macht die DHU jährlich 100 Millionen EUR Umsatz. Dieser Betrag ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es sich um die Veredlung von Milchzucker handelt.

Insgesamt ist es eine Gelddruckmaschinerie, die da im Hintergrund agiert. Um diese am Leben zu erhalten, wird einiges investiert. Zielgruppenzeitschriften, im Regelfall die Hochglanzmagazine für die gelangweilte Frau beim Friseur oder in der Arztpraxis, werden für Artikel bezahlt, in deren Layout gleich die passende Werbung der DHU eingefügt ist. Zweifelhafte Institute verbrennen Geld in sinnlosen Studien, die wiederum in der nächsten Kampagne ausgeschlachtet werden.
Was dem Kirchgänger der Teufel ist, ist für den Homöopathen die wissenschaftsgläubige Schulmedizin, der man aus gesetzlichen Gründen zähneknirschend immer mal wieder Patienten überlassen muss.

Für die Szene ist die Welt außerhalb der Homöopathie böse. Die teilweisen mafiösen Strukturen im Gesundheitswesen geben ihnen scheinbar recht. Wie in der Gesellschaft üblich, wird hieraus die Berechtigung für eigenes Fehlverhalten abgeleitet.
Was die Schulmedizin kann, dürfen wir erst recht. Das Besetzen eines Führungspostens in einer Krankenkasse mit einer willfährigen Politikerin, die dann veranlasst, dass homöopathische Behandlungen von dieser getragen werden, erscheint den Gläubigen legitim.

Wie in allen Sekten gibt es in der Homöopathie Gurus. Bei jeder Berufsgruppe spielen Zertifikate und Auszeichnungen eine Rolle.
Homöopathen nehmen hierfür an Seminaren teil, nach deren Teilnahme sie eine Urkunde erhalten, die sie sich dann an die Wand in der Praxis hängen. International gibt es eine überschaubare Zahl „Gurus“, die sich als reisende Weisen der Homöopathie hervortun, die zumeist in den Großstädten teure Seminare veranstalten.
Manche gründen sogar Institute, in die die Gläubigen wie zu heiligen Stätten pilgern. Einer von ihnen ist der griechische Ingenieur Georgos Vithoulkas.

Er betreibt auf einer malerischen Insel ein Institut, zu dem nach Bezahlung vierstelliger Beträge die internationale Gemeinschaft aus der «Ersten Welt» pilgert. Geschäftstüchtig, wie er ist, vertreibt er neben seinen Seminaren die erwähnte Software. Sein Auftreten ist charismatisch und er beherrscht das komplette Repertoire der Suggestion.
Absolventen des Instituts bekommen eine Urkunde. Sie werden auf der Institutsseite mit dem Hinweis auf einen Abschluss gelistet. Welcher Eindruck damit erzeugt werden soll, dürfte jedem einleuchten.

Mir geht es weniger um die die psychologisch durchaus bestehen Gefahren für den Patienten, denn um die Risiken für die Anhänger und Praktizierenden. Die Szene kapselt sich ab. Sie wähnen sich in einer Verteidigerposition.
Freundschaften, die sich entweder von selbst abwenden oder wegen ihrer ungläubigen Ignoranz vom Homöopathen beendet wurden, werden durch Gläubige ersetzt.
Es kommt zu einem Strudel, der sie immer tiefer in die Esoterik Szene hinein zieht.
Die meisten belassen es nicht bei der Homöopathie.

Es folgen Pendeln, Astrologie, Tarot Karten, Verschwörungstheorien zum Thema Impfungen, Aura – Therapien, eben alles, was da angeblich zwischen Himmel und Erde existiert. Doch der Mensch lebt nicht für sich allein. Die Familien werden ebenfalls in den Strudel hineingezogen. In den Köpfen der Kinder wird für die Zukunft die Saat ausgebracht.

Menschen glauben, nicht aufhören zu dürfen, wenn sie in etwas große Summmen investiert haben. Sind beispielsweise bei einem alten Wagen vermehrt Reparaturen notwendig, bezahlen wir lieber die Werkstattrechnungen, anstatt ein neues Fahrzeug zu kaufen. Eine objektive Berechnung, ergäbe ein desaströses Ergebnis. Dem Homöopathen, der Geld und Lebensenergie investiert hat, ergeht es oftmals nicht anders.
Die Geschäftemacher besitzen ein starkes Interesse daran, dass alles am Laufen bleibt. Aufmerksamen Beobachtern wird nicht entgehen, wie schwammig in den kommerziellen Medien über die Homöopathie berichtet wird. Kaum jemand will sich der sprudelnden Geldquelle berauben.

Es fängt mit kleinen Wortspielereien an. In den Artikeln wird nicht klipp und klar über die Unwirksamkeit geschrieben, sondern von einem bisher ausgebliebenen Beweis ausgegangen. Dem Leser wird suggeriert, dass die Naturwissenschaft auf Hochtouren versucht, bisher unerklärliche Heilungsergebnisse zu erklären. Es gibt weder diese geheimnisvollen Behandlungserfolge, noch arbeiten renommierte Wissenschaftler an Untersuchungen. Die es tun, werden von Lobbyisten bezahlt, damit der Rubel rollt.
Selbst die niedergelassenen Ärzte leisten ihren Beitrag.

Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder der Arzt mit zusätzlichen homöopathischen Angebot ist selbst ein Gläubiger, dann hat er de facto seinen Beruf verfehlt.
Oder er betrachtet die Angelegenheit wie ein charmanter Lügner, der sich die Gläubigkeit des Patienten zunutze macht, um ihn mittels Placebo zu behandeln. In diesem Fall ist er ein Pragmatiker, der die Gefahren nicht aus dem Auge verlieren darf. Bei der dritten Möglichkeit will er Privatpatienten an sich binden, die die Behandlung bezahlt bekommen.

Doch unkritischen Leuten, wird der Methode durch die Götter in „Weiss“ eine Reputation geliefert. Der Bericht eines Freundes aus der Intensivmedizin verschlug mir die Sprache. In anthroposophisch ausgerichteten Krankenhäusern werden ernsthaft homöopathische Infusionen injiziert. Am Ende wird wieder einmal deutlich, dass es bei Ärzten häufig nur um ehemalige Studenten handelt, die mit Ach und Krach einen Abschluss hinbekommen haben.
Wenigen Ikonen, die sich im Fernsehen präsentieren, ist ein echter Verdienst gegönnt. Wie erwähnt sind die psychologischen Auswirkungen nicht zu verachten.
Eine nicht zu unterschätzende Zahl wird auf die unkritische Einnahme eines «Medikaments» bei unerheblichen Wehwehchen konditioniert. Vom aufgeschlagenen Knie bis zu AIDS ist angeblich alles zu heilen.

Es entsteht ein Zerrbild des eigenen Körpers. Der Apotheker wird zum Dealer, der sich darüber freut, dass er den Konsumenten auf diese Weise in sein Geschäft zieht. Wer schon einmal da ist, ist ein potenzieller Kunde für Nahrungsergänzungsmittel.
Doch die größte Gefahr ergibt sich aus «Es gibt da Dinge zwischen Himmel und Erde!» Ich gebe hierauf immer zur Antwort: «Ja, nennt sich Atmosphäre.» Diese, die Akzeptanz erzeugende Einstellung, ist der Schlüssel für allen möglichen Blödsinn. In einer Zeit, in der es jungen Menschen in der modernen Gesellschaft an brauchbaren Orientierungspunkten fehlt, sie damit willkommene Opfer für Evangelikale Menschenfänger und anderen religiösen Sekten sind, ist jegliches Denken, welches auf diesem Grundsatz basiert, kritisch zu beäugen.

Meiner Auffassung nach ist der verstärkte Zulauf zur Homöopathie ein Symptom unter vielen anderen, die eine innere Krankheit in unserer «Erst – Welt», sichtbar macht. Eine auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Medizin erzeugt eine für mich nachvollziehbare Skepsis. Doch merken die enttäuschten Skeptiker nicht, dass sie vom Regen in die Traufe kommen. Die Gesundheit und die Sicherheit sind emotional besetzte Themen. Dieser Umstand läßt jeden Geschäftemacher hellhörig werden. Die Emotion ist der Antagonist zum Verstand, schalte ich den beim Käufer aus, geht es ans Geld verdienen. Außerdem sind die Leute auf der Suche nach Ersatzreligionen für die klassischen Glaubensrichtungen, die Ihnen das Gefühl geben, etwas Steuern zu können, was sich ihrer Kontrolle entzieht. Das macht sie anfällig für skrupellose Zeitgenossen.

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