Ulan Bataar – Roter Held

Trotz meines Interesses am Buddhismus verspürte ich wenig Lust, mich in den frühen Morgenstunden durch den Berufsverkehr und mich damit gleichzeitig dem Smog auszusetzen, um eine der Gebetszeremonien im Gandan Kloster zu erleben. Im Hostel herrschte trotz der frühen Zeit reges Treiben. Zwei Belgier, ein Ami aus Pennsylvania und eine Indonesierin hatten sich für eine Steppen Tour zusammengefunden. Ein ziemlich teures Unternehmen.

Hatten sich mindestens drei Gäste in die überall aushängenden Listen eingetragen, wurden sie mit einem Minivan in die Steppe gefahren. Dort durften sie dann eine Stunde auf einem Kamel reiten und bei einer Nomadenfamilie nach einem gemeinsamen Mahl in einer Jurte nächtigen. Das alles für 200 Dollar. Der Betrag sprengte mein Budget. Deshalb hatte ich mich damit abgefunden, im Wesentlichen zu Fuß die mongolische Hauptstadt zu erkunden. Außerdem kam mir der Verdacht, dass die Nomadenfamilie eine Art Ausstellungsstück in einem Menschenzoo darstellte. Dieser Art, wie man sie weltweit kennt. Aborigines, Zulu, Massai, Natives in den USA und eben mongolische Nomaden werden dem zahlenden Publikum präsentiert.

Quo vadis …Mongolei?

Die Zeremonie hatte ich für diesen Tag vollkommen verworfen. Trotzdem wollte ich mir in Ruhe das Gandan Kloster ansehen. Oberhaupt des Klosters ist der Dalai Lama, für den dort eigens ein Thronsessel steht. Der Buddhismus ist nicht homogen, sondern setzt sich aus einer Vielzahl Schulen zusammen. Im 16. Jahrhundert setzte sich in Tibet die der Gelug – Sekte, besser bekannt als die «Gelb Mützen», durch. Ein mongolischer Kahn, der an den Ruhm von Dschingis Kahn anknüpfen wollte und imperial seine Finger nach Tibet ausstreckte, vergab seinem spirituellen Berater erstmals den Titel Dalai Lama.

Gandan Kloster, Strasse

Der wiederum sah sich in der Geburtsreihe zweier Vorgänger, woraufhin er zum 3. Dalai Lama wurde, obwohl er rein weltlich betrachtet der Erste war. Mit dem Titel wurde in Tibet eine monastische Hierarchie eingerichtet. Eine, die nicht ganz unkritisch zu sehen ist. Die Lamas begründeten mit dem Kreislauf der Wiedergeburten, eine Philosophie, die es bereits vor der Entstehung des Buddhismus gab, eine Art Leibeigenschaft der Bediensteten. Die hatten halt Pech, in diese Rolle hineingeboren zu werden. Mitteleuropäer, die ihren Garten mit tibetischen Flaggen schmücken, sollten dies nicht außer Acht lassen.

Blick in den älteren Bereich

Auf dem Weg zum Kloster wollte ich mir an einem Automaten Geld besorgen. Kein leichtes Unterfangen. Ich bin es nicht gewohnt, an einem Geldautomaten sechsstellige Beträge abzuheben. Bedingt durch die schiere Menge Papier, die in den Automaten deponiert werden muss, können meistens nur um die 50 EUR, die 150461.02 Mongolische Tugrik entsprechen, abgehoben werden und viele der ATM haben gar kein Geld.

Am von mir gewählten ATM saß auf einem Barhocker ein Mongole, der augenscheinlich die Security darstellen sollte. Er trug die traditionellen Schaftstiefel, eine der typischen Jacken und die dazu passende Mütze. Ein Nomade! Nachdem ich mein Geld bekommen hatte, stellte ich mich etwas abseits und ließ beim Rauchen einer Zigarette das Bild auf mich wirken.
Ulan Bataar hat einen polierten Innenstadtbereich, in dem sich die Minengesellschaften, Banken und Elektronikriesen repräsentative Wolkenkratzer leisten, die wie Phallussymbole der Macht in der Gegend herumstehen. An den Rändern befinden sich die älteren Stadtbereiche, in denen die alten Sowjet Bauten stehen. Dort ist die Zeit in den Vierzigern des 20. Jahrhunderts stehen geblieben. Und dann gibt es noch neben den Industriebauten, die sie blöderweise teilweise in den Kernbereich verlegt haben, was unter anderen den üblen Smog bedingt, die Ger Viertel. Wenn ich hier von Smog schreibe, meine ich richtigen. Nicht diese Luftverschmutzung bei uns, von der man weiß, aber sie in der Regel nicht bemerkt. Die Stadt liegt in einem Talkessel 1350 Meter ü.N., dadurch kann der Dreck nicht abziehen. Die Abgase legen sich auf die Bronchien und führen zu Kopfschmerzen.

Ger Slum

Erst einmal fand ich das, mal ganz unabhängig von der Schädlichkeit für die Menschen, in Bezug auf den Klimawandel ziemlich bedenklich. Doch dann wurde mir bewusst, dass dies in der Mongolei nicht wirklich relevant ist. Es gibt einfach zu wenige Mongolen. Selbst wenn dreiviertel der Fahrzeuge üble Luftverpester sind, ist das ein kleiner Bruchteil der Menge, die in Deutschland herumrollt. In dem viermal größeren Land leben weniger Menschen, als in Berlin, und die Hälfte der Gesamtbevölkerung in der Hauptstadt.

Auf mich wirkten die Ger Viertel wie Slums, in denen Nomaden in ihren Jurten dahin vegetieren. Auf kleinen notdürftig eingezäunten Parzellen stehen die Jurten ohne Strom, Frischwasser und Abwasser. Eine NGO hat einigen Schnittpunkten der unbefestigten Sandwege Wasserautomaten aufgestellt. Ab – und zu findet sich im Wirrwarr sogar ein kleiner Siedlerladen.

Ger Slum

Der Klimawandel ist in der Mongolei längst Realität. Im Sommer klettert das Thermometer auf über 40 Grad, um dann im Winter auf genau das Gegenteil zu fallen. Infolgedessen verdorrt die Steppe, das Vieh bekommt nicht ausreichend zu fressen und verreckt dann entkräftet im Winter. In Folge des Prozesses sind 90 % der Mongolei von einer Verwüstung bedroht.
Die Nomaden haben keine andere Möglichkeit, als sich in diesen Slums zu sammeln. Natürlich passt das der Regierung nicht. Meine Hostel Betreiberin meinte, dass die Ansiedlungen illegal wären und deshalb nicht an die Versorgung angeschlossen werden.

Diejenigen, welche sich nicht dort ansiedeln, versuchen, mit Arbeit in den illegalen Minen zu überleben. Manche bekommen auch eine Anstellung bei den regulären Minengesellschaften, die aus der Steppe eine Niederlausitz gestalten. In der mongolischen Volkswirtschaft bleibt davon wenig hängen. Gemäß einiger Artikel in der ZEIT und im SPIEGEL streichen den Löwenanteil die ausländischen Konzerne ein, und der übrige Teil versickert in der Korruption. Schaut man in Ulan Bataar genauer hin, sieht man schnell, wer neben den Konzernen das Sagen hat. Die organisierten Kriminellen aus Korea, Russland, China, haben die Gesellschaft fest im Griff.

Buddha Statue am Stadtrand

Die Gangster, stämmige Kerle mit halblangen schwarzen Lederjacken, sitzen in den besseren Lokalen und protzen mit ihrem Geld. Während ich von Cafés aus das Straßenleben und die zahlreichen Schwarzmarkthändler beobachtete, sah ich sie mit ihren Gespielinnen in den dunklen 7er BMW’s Posen. Die Stadt ist voller harter Kontraste. Zur Schau getragener Reichtum trifft auf bittere Armut, traditionelles Altes auf billige Mammon Anbetung. Irgendetwas dazwischen gibt es nicht. Und über alles wacht am Stadtrand eine riesige Buddha Statue.

Der auf dem Barhocker sitzende Nomade stierte teilnahmslos vor sich hin. Hinter ihm ein verglaster Wolkenkratzer und vor ihm grauer Beton. Dem scheinbaren Alter nach, konnte es gut sein, dass er in der Jugend noch die Steppe kennenlernte. Nichts von dem, was er einst gelernt hatte, ergab in diesem Umfeld einen Sinn. Früher hatten seine Augen bis zum nächsten Gebirgszug geschaut. Ein bitteres Schicksal, welches mir ein mieses Gefühl in der Magengrube erzeugte. Eins, welches sich dort einnistete und bis heute nicht verschwunden ist.

Gandan

Nachdenklich lief ich weiter. Eine gute Stunde später erreichte ich das Kloster. Zu meiner Überraschung strömten zahlreiche Buddhisten mit Opfergaben in die Klosteranlage. Bis heute weiß ich nicht, was sie an diesem Tag feierten. Jedenfalls wurde ich von dem Strom mitgenommen und landete prompt innerhalb des Haupttempels inmitten einer Zeremonie. Hätte ich mich dem entziehen wollen, wäre ein äußerst unhöfliches robustes Durchdrängeln notwendig gewesen. Also fügte ich mich und suchte mir einen Sitzplatz am Rand und ließ die Prozession an mir vorüberziehen.

Alle der sich langsam an mir vorbei Bewegenden hatten Gaben dabei, die sie auf Tischen vor den zahlreichen Buddhastatuen deponierten. Nachdem Ablegen bekamen sie von einigen etwas höher sitzenden Mönchen einen Zettel und einen Stempel.
In der Mitte des Tempels saßen in langen Reihen Mönche unterschiedlichsten Alters. Vom Greis bis zum Kind war alles dabei. Halb singend und halb sprechend rezitierten sie im Chor Texte, die sie von kleinen Zetteln ablasen. Waren sie mit einem fertig, bliesen andere Mönche in meterlange Hörner, deren Getöne die jüngsten Anwesenden mittels Schlagen von Trommeln abgeschlossen wurde.
In all dieser Feierlichkeit wirkten einige Mönche etwas daneben. Während sie rezitierten, zogen sie Smartphones hervor und chatteten. Die jugendlichen bis kindlichen Mönche neckten sich gegenseitig mit den Trommelstöcken oder verpassten sich «Knuffies» auf die Schultern.

Hingegen wirkten die vorbeikommenden Gläubigen sehr ernst und konzentriert. Fast vier Stunden sah ich mir das Treiben an und versuchte den Hintergrund zu verstehen. Ich denke, im Prinzip ging es um eine Art Ablasshandel.
Gemäß der Lehre erzeugt Besitz und das Anhaften an ihm, Leid. Jenes, welches es im langen Kreislauf der Wiedergeburten zu überwinden gilt. Die Anhänger, meistens die etwas weniger Armen unter den völlig Verarmten, geben ein wenig Entbehrliches an das Kloster, bezeugen damit Respekt und erhoffen sich eine Verbesserung des Karma.
Beim Beobachten dachte ich über die Widersprüche nach. Buddhismus ist in der Mongolei Staatsreligion.

Wenn es eine Lehre gibt, die dem Kapitalismus absolut konträr gegenüber steht, ist es die Philosophie und Logik des Buddhismus. Die in der Mongolei anwesenden Konzerne und die politische Führung, haben mit der Lehre nicht im Entferntesten etwas zu tun. Der Raubtierkapitalismus ist der Gegenentwurf zur Lehre. Die absolute Garantie, das mieseste Karma zu erlangen. Was geht im Kopf der Leute vor? «Ja, es mag so sein, aber ich kann nun einmal nicht anders.» Ist es dieser Gedanke, der alles sabotiert?

Buddha, der Erleuchtete, kam selbst aus besten Hause. Er wuchs in einer Gesellschaft heran, die einerseits monarchistisch und andererseits von den Brahmanen, den Weisen im Hinduismus, ausgesprochen spirituell geprägt war. Zentrum der Philosophie ist die Erkenntnis, dass ein jeder Teil eines Ganzen ist und dies damit auch zum Bestandteil des Einzelnen wird. Jede Handlung hat eine Auswirkung, die sich grundsätzlich der weiteren Kontrolle entzieht, aber eine Richtung vorbestimmt und das eigene Umfeld bestimmt. Ein wenig weitergedacht, ergibt sich daraus, dass die dem Menschen innewohnende Gier und das Bestreben, das Zusammengeraffte behalten zu wollen, Leid, Unfrieden, Unzufriedenheit, erzeugt.

Jenes gilt auch für das angstvolle Anhaften am Leben, der besitzergreifenden Liebe und der Sucht, sich über die Anerkennung anderer zu definieren. Es gibt nicht den einen Buddha. Der Begriff Buddha bedeutet, erleuchtet zu sein, oder anders gesagt, eine oder einer zu sein, der es geschnallt hat. Der im Buddhismus verehrte Gautama Siddhartha zeichnet sich dadurch aus, dass er sich netterweise dazu entschloss, von der erreichten Ebene wieder zurückzukehren und andere an seinem Wissen teilhaben ließ.

Was seine Nachfolger mit seinem Wissen veranstalten ist nicht sein Problem. Ich habe gelesen, dass er sich dessen bewusst gewesen sein soll. Er erkannte wohl, dass er sein Wissen schwer oder gar nicht mit Worten auszudrücken war. Deshalb verlegte er sich auf unzählige bildhafte Vergleiche, getragen von der Hoffnung, dadurch alles ein wenig deutlicher zu machen. Doch selbst diese Bilder können interpretiert werden und es wurde, so viel ich weiß, ausgiebig getan.

Die Folge ist ein wildes Durcheinander an Auslegungen. Doch in einem dürften sich alle einig sein: Kapitalismus und das Streben nach Erleuchtung passen irgendwie nicht recht zusammen. Allerdings passt er in die Philosophie des buddhistischen Denkens. Kapitalismus ist nichts anderes, wie eine andere Bezeichnung für die Gier. Unbestreitbar existiert sie nun einmal. Wer ihr zu viel Platz im Leben einräumt, wird ständig unzufrieden sein und niemals echtes Glück erfahren.
Gautama Siddhartha hatte keine plötzliche Eingebung, sondern er dachte intensiv über die spirituellen Themen seiner Zeit nach.

Die Philosophen seiner Zeit, wussten sehr gut, wie das Denken des Großhirns funktioniert. Es besitzt nicht nur die grandiose Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, sondern besitzt auch logische Beschränkungen. Ohne eine Vorstellung vom Gegenteil kann es nichts formulieren. Gäbe es keine Dunkelheit, wüssten wir nicht, was beleuchtet oder hell bedeutet. Ohne Kälte, keine Wärme! Das Prinzip ist klar. Ergo würden wir ohne die Gier nichts über Genügsamkeit, Entbehrung, Loslassen, wissen.

Dschingis Khan

Kurioserweise muss ich nach dieser Logik jedem dankbar sein, der mir mit seinem Verhalten zeigt, wie ich es nicht halten sollte. Die Konzerne, der Kapitalismus, die unsinnige Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen, zeigen auf eine eigene Art, wie der richtige Weg aussehen müsste. Das Kloster, die Gläubigen, die Mönche, all das existierte nicht, ohne die durch die Konzerne sichtbar gewordene Gier. Niemand kann sie bei anderen bekämpfen. Sie gehört einfach dazu.

Es bleibt nur, sich dagegen zu entscheiden. Vier Stunden in dieser Umgebung ist eine lange Zeit. Wenn ich auch nicht den eigentlichen Hintergrund der Zeremonie verstand, brachte es mich trotzdem einen Schritt nach vorn. Ich hege für die Gelbmützen nicht viel Sympathie. Es gibt eine Diskussion darüber, ob der Buddhismus eine Religion oder eine philosophische Richtung ist. Überall auf der Welt haben die Anhänger, ihrer eigenen kulturellen spirituellen Vergangenheit folgend, in dieses Gedankenkonzept eigene Geister, Götter, Mythen, eingebaut.
Für Mitteleuropäer ist das ein wenig verstörend. Man stelle sich eine protestantische Kirche vor, in der Odin gehuldigt wird. Wobei die alten Missionare die taktische Intelligenz besaßen, die heidnischen Bräuche, wie den Termin für das Weihnachtsfest und den geschmückten Baum zu übernehmen. Religion ist im ursprünglichen Sinne die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob das Dasein mit dem Zerfall des Körpers, endet.

Doch diese ursprüngliche Definition kommt kaum noch zur Anwendung. Diejenigen, welche glauben eine Antwort gefunden zu haben, schließen sich institutionell zusammen. Meistens, um das Zusammenleben, die Gesellschaft, zu organisieren. Kaum passierte dieses, meldete sich die Gier, und wenige erhoben sich über andere. Ich glaube, die Lama sind gieriger, als ihnen bewusst ist. Was ich gehört habe, müssen sich da in Tibet zeitweilig fiese Sachen abgespielt haben.

Anders sieht es da mit den Mönchen in Südostasien aus, die alles von sich gegeben haben. Wenn sich im ursprünglichen Hinduismus und einigen Schulen des Buddhismus einer hierarchisch abhebt, dann auf der geistigen Ebene. Zum Beispiel genießen die Inder, welche sich allem entsagt haben und das Leben eines umherreisenden Obdachlosen führen, ein hohes Ansehen. Geschmackssache! Ich denke, dabei gilt es auch einige klimatische Voraussetzungen zu berücksichtigen. Dieses Leben dürfte in warmen Regionen ein wenig einfacher sein, denn in unserer Klimazone. Die Mongolei bietet sich auf jeden Fall nicht an.

Nach der Zeremonie setzte ich mich auf eine Bank in der Nähe vom Tempel in die Sonne. Es war Ende Oktober, aber die Temperaturen waren tagsüber noch einiges über Null. Unweit meines Platzes entdeckte ich neben dem Eingang zur Anlage einen zusammengekauerten Nomaden. Einer dieser armen Kerle, die das Elend nur noch mit Saufen ertrugen. Die Teilnehmer der Prozession und die Mönche liefen achtlos an ihm vorbei. Ich beschloss nachzusehen, ob er noch am Leben war. Ohne zu wissen, was ich getan hätte, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre. Aus dem tief gebräunten Gesicht starrten mich rotgeränderte Augen an. Er lebte, jedenfalls im biologischen Sinne. Ich musste unwillkürlich an die Bilder der nordamerikanischen Natives in den Reservaten denken.

Manche nehmen ja an, dass die Mongolen ihre Vorfahren waren. Mehr als ihm ein paar Dollar in die Jacke zu stecken, konnte ich nicht tun. Wenn man sich dabei vor Augen hält, wie das stolze Reitervolk der Mongolen Teile von Europa in Atem hielten, kommen Fragen auf.

Ich weiß nicht warum, aber beim Zurücklaufen murmelte ich, ohne es kontrollieren zu können: „Triffst Du Buddha unterwegs!“ Es kam aus dem tiefsten Innern meiner Seele. Ich weiß, dass das verdammt kitschig klingt. Aber so war es. Ein wenig verstand ich an diesem Tag die Philosophie. Selbst dieser ganze Dreck, die Ungerechtigkeiten, das Scheitern, gehört unwillkürlich dazu. Am Ende bleibt wirklich nur die Hoffnung, dass es so etwas wie Karma und Wiedergeburt, wie auch immer dieses Konzept zu verstehen ist, Wirklichkeit ist. Irgendwo habe ich mal bei Terry Pratchett gelesen, dass den Menschen die Fähigkeit an etwas zu glauben auszeichnet. Sie erleichtert das Leben.

Bei meiner Rückkehr war das Hostel nahezu leer. Nur eine der Töchter von der Besitzerin hielt die Stellung. Sie war jeden Tag schlecht gelaunt. Auf mich war sie besonders schlecht zu sprechen. Gleich am zweiten Tag hatte ich vergessen meine Schuhe an der Eingangstür auszuziehen. In der Mongolei eine Todsünde. Sie wird vom Zeigen der Fußsohle gefolgt. Komischerweise haben alle Völker außerhalb Deutschlands ein Problem damit. Ich hatte keine Lust, meinen Abend alleine im Hostel zu verbringen. Also warf ich meinen Tagesrucksack ab und setzte mich in eins der Cafés, die ich bei meinen Erkundungen entdeckt hatte. Es wurde von einem Franzosen geführt, der sich in der Stadt ansiedeln wollte. Nach einer kleinen Unterhaltung setzte ich mich mit meinem Notizbuch in eine Ecke und versuchte den Tag zu verarbeiten.

Wiedergeburt? Keine Ahnung, ob es so etwas geben kann. Auf jeden Fall bleibt kein Leben ohne Folgen. Weder in der Gegenwart, noch nach dem Tod. Jeder ist der Architekt seiner eigenen Umgebung. Bin ich ein Stinkstiefel, werden mich andere passend behandeln. Will ich ein Umfeld, in dem sich die Leute fair und respektvoll behandeln, komme ich nicht daran vorbei, selbst mein Handeln darauf auszurichten. Es gibt keine Garantie, aber die Wahrscheinlichkeit nimmt immens zu. Ich blieb noch drei Tage in der Mongolei. Danach zog ich weiter in Richtung Südostasien.