Wanderung -Skript-

Der Weg vor uns sollte nach französischer Vorstellung jedenfalls einfach sein. Die nächsten Stunden kletterten wir also zwischen schroffen Felsen und Schutt den Waldhang hinauf. Mein geringeres Gewicht und meine kleinere Statur erwies sich hier als Vorteil. Ab und wann stoppte ich und schaute hinab zum einige Meter unter mir kämpfenden Herman. Sein Gesicht war verzerrt und er rang sichtlich mit allem. Ich beschloss ohne weiteren Stopp vor zusteigen, um meinen Rhythmus nicht zu verlieren. Mit einigem Vorsprung durchbrach ich den Wald als erster. Wir hatten die Baumgrenze erreicht. „Willkommen in den Pyrenäen!“ dachte ich beim Anblick der sich mir bot.

Vor mir öffnete sich ein fantastisches Bergpanorama, welches mich im ersten Augenblick erschlug. Ich setzte mich auf einen Felsen und wartete darauf, dass Herman aus dem Wald kommen würde. Vollkommen erledigt, mit hochroten Kopf und deutlicher Atemnot erreichte er mich und ließ sich samt Rucksack auf den Rasen fallen.

„Verdammt!“ quälte er keuchend hervor. „Vielleicht haben wir uns beide da falsch verstanden. Das geht so nicht, von Null auf hundert war nie die Rede. Man muss sich erst an die Höhe gewöhnen“, nach Luft japsend, keuchte er weiter:“ Ich meine wir sind einfach mal von fast Meeresniveau auf bestimmt 1500 Meter hoch gelaufen.“ Auch ein keuchender Herman, war ein durchaus noch ernst zu nehmender Gegner. Also  verkniff mir in die Bemerkung, dass er selbst noch vor wenigen Stunden darauf Wert gelegt hatte, so schnell wie möglich den GR10 zu erreichen. „Na … geht’s wieder?“ fragte ich ihn Fürsorge heuchelnd. Herman hatte sich  aufgerichtet und ebenfalls auf einen Felsen gesetzt. „Alter war das anstrengend. Das ist doch kein Wanderweg, wenn man einfach eine alte Steinlawine in der Landschaft dazu ernennt. Die haben doch einen Knall!“ „Willst Du mal richtig lachen?“ fragte ich ihn mit einem Grinsen im Gesicht und fing an aus dem Etappenbuch vorzulesen. „Nach einem kurzen einfachen Anstieg gelangt man in ein Tal. Ab hier steigt der Weg zwei Stunden lang nach oben, bis sie die Schutzhütte erreicht haben.“
„Der Typ hat doch einen Pfeil. Einfacher Aufstieg. Am Arsch. Wer hat das Buch geschrieben, ein Hochleistungskampfzwerg?“ „Keine Ahnung, aber ich denke mal hier können wir nicht bleiben!“ entgegnete ich. Herman fragte „Wir gehen jetzt doch in die Wildnis, oder?“ Als Antwort zeigte in Richtung des sich öffnenden Anstiegs durch das Tal. „Ja, so ist der Plan. Da vorne geht`s weiter“ „Gut dann fülle ich meine Wasserflaschen da vorn am Bach noch einmal auf. Gib mir mal bitte eine von den Aufbereitungstabletten.“
Ich runzelte ein wenig die Stirn. „Meinst Du wirklich, dass Du hier im Naturschutzgebiet das Wasser aufbereiten musst? Vor allem gibt es jede Menge Wasserauf der Strecke. Da müssen wir uns nun nicht auch noch drei Kilo Wasser aufbürden.“ „Mach doch was Du willst, ich werde mir jedenfalls nicht die Scheißerei einfangen. Und trinken ist wichtig.“ knurrte der halbwegs wieder hergestellte Herman. Ich ließ ihn gewähren und fingerte aus meinem Rucksack die gewünschten Aufbereitungstabletten hervor. Herman tat sie in seine Wasserflaschen und schüttelte was das Zeug hielt.