Wanderung -Skript-

Bereits beim Kauf der Tickets bewährte sich eine der vielen Besonderheiten meines Reisebegleiters. Vor dem Fahrkartenschalter hatte sich eine sehr lange Schlange gebildet. Wir wiederum standen unter erheblichen Zeitdruck und mussten dringend in die Metro. Genau auf solche Opfer , hatten sich einige auf der Metrostation herumlungernde junge Marokkaner spezialisiert. Aus einer fünfköpfigen Gruppe strebte einer der jungen Kerle auf uns zügig zu. Er bot mir zwei echt aussehende Fahrscheine an. Meine Überraschung hielt sich in Grenzen, als sich die Schranke dann doch nicht öffnete. Selbstverständlich  wollte sich der Marokkaner mit unserem Geld aus dem Staub machen. Er scheiterte aber jämmerlich nach zwei Metern am taktisch gut positionierten Herman, der ihn mit einem ziemlich kräftigen Griff packte und per entschlossenen Blick seine Freunde in Schach hielt.

Es stellte sich heraus, dass er uns Ermäßigungskarten angedreht hatte, die nur die Schleuse für Rollstuhlfahrer öffnete. Notgedrungen lieferten am Ende seine Kumpels zwei passende Karten als Lösegeld. „Ick bin ein Berliner Bulle, soweit kommt`s noch!“ Kommentierte Herman die ganze Aktion. Ohne weitere Vorkommnisse erreichten wir mit dem Regionalzug den südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes. Nicht erwähnenswert sind eine von Herman zurecht gewiesene französische Schulklasse, zwei vollkommen verschreckte Französinnen, die nicht begriffen hatten, dass Herman auf seine spezielle Art nur nett sein wollte und der gebrochene Finger eines Taschendiebs, der sich am Rucksack von Herman zu schaffen gemacht hatte.

Zwei dezent paramilitärisch anmutende Männer mit Safarihemden und Dreiviertel – Cargohosen, die sich zwei voluminöse Rucksäcke auf die Schultern luden, im Wallfahrtsort der Siechenden, Gelähmten und Verzweifelten. Für uns beide war Lourdes der Beginn einer Wanderung. Die Überzahl der anderen Personen um uns herum, hatten hier ihr Ziel gefunden. Die großen Rucksäcke, die für zwei Monate alles beinhalteten, was wir glaubten zum Leben zu brauchen, zogen schwer an unseren Schultern. Da wir beide keinerlei Erfahrung mit dem Wandern hatten, befanden sich in den Rucksäcken viel zu viel unnützes Zeug, dass uns in den ersten Tage noch das Leben schwer machen sollte. Jeder Wanderer wird mir bestätigen, dass das Thema Inhalt eines Rucksack ein stets begleitender Gedanke ist.

Herman, mit seinen fast zwei Metern Körperlänge gute 20 cm größer als ich, zündete sich seit Stunden die erste Zigarette an und beobachtete amüsiert das Treiben um sich herum. Ein weiterer Umstand, der Herman als Wanderpartner empfahl, war seine gnadenlose direkte einfache Art zu denken, somit einen wohltuenden Kontrast zu meiner Psyche darstellte, die ich für den damaligen Zeitpunkt als eher kompliziert bezeichnen würde.
Nun da standen wir also endlich am Start unserer Wanderung, noch eine kurze Busfahrt bis Arrens, welches uns zu nächst mit besten Wetter empfing, und die ersten Schritte konnten gegangen werden. Die erste Etappe ließ uns zwar noch nicht die eigentliche GR10 Wegstrecke erreichen, aber wir fanden eine wunderbare Stelle an einem Fluss, um unser erstes Nachtlager aufschlagen zu können.